Gestaltung der Lernumgebung

6. Februar 2026

Lehrmaterialien

Die kritische Selbstreflexion bietet Hochschullehrenden eine Grundlage, um einerseits ihre eigenen Vorurteile und Stereotype zu hinterfragen, andererseits um diskriminierende Elemente und Kontinuitäten in bestehenden Lehrmaterialien zu identifizieren. Die Perspektiven auf diskriminierende Lehrmaterialien in diesem Kapitel sind vorwiegend aus den Humanwissenschaften. Sie als Hochschullehrende*r werden an dieser Stelle ermutigt, mit offenen, aber kritischen Augen Lehrmaterialien in sämtlichen Fachrichtungen zu betrachten.

So finden Sie beispielsweise oft in Lehrmaterialien die Reproduktion der Binarität von Mann und Frau wieder, wodurch queere Körper und Identitäten ungesehen bleiben. Die Fixierung auf binäre Geschlechterkategorien führt dazu, dass queere, insbesondere trans und nicht-binäre Personen, in Forschung, Datenerhebung und Gesundheitsversorgung oft unsichtbar bleiben oder falsch erfasst werden (Ruberg & Ruelos, 2020).

Einer aktuellen Untersuchung von Bard et al. (2025) zufolge, wird die Entwicklungspsychologie von Konzepten dominiert, die in westlichen, gebildeten, industrialisierten, reichen und demokratischen Gesellschaften entstanden sind. Folglich sind die daraus resultierenden Theorien und die Vorstellung eines „normalen“ Entwicklungsverlaufs stark verzerrt und nicht repräsentativ für die gesamte Menschheit. Oft werden kulturelle Unterschiede fälschlicherweise als Defizite interpretiert, was weitreichende Folgen für globale Interventionen, Erziehung und Rechtsprechung hat. Die Autor*innen betonen die Dringlichkeit eines Paradigmenwechsels, welcher weltweite Daten, Beobachtungen im natürlichen Umfeld und lokales Wissen einbezieht, um so zu vielfältigen Konzepten der menschlichen Entwicklung zu gelangen. Die mangelnde Inklusivität untergräbt die wissenschaftliche Relevanz der Theorien. Deshalb müsse die Vielfalt menschlicher Entwicklung anerkannt werden, anstatt von einer nicht-repräsentativen Datenbasis auf die Allgemeinheit zu schließen.

In der Pädagogik und Psychologie lässt sich beobachten, dass mentale Fähigkeiten und Konzepte wie Intelligenz selbst rassifiziert werden. An People of Color (PoC) haften nach wie vor Stereotype wie ‚infantil‘ oder ‚weniger intelligent‘ (Kuria, 2015; S.656). Ein Beispiel hier ist der „Culture Fair Intelligence Test“ (CFT 20-R) von Weiß (2006). In diesem Intelligenz-Screening-Test werden geometrische Symbole in den Testitems verwendet und auf sprachliche Elemente verzichtet. Allerdings werden die Items nach wie vor von links nach rechts bearbeitet. Diese Vorgabe ist ausschließend für Personen, die in Schriftsystemen sozialisiert wurden, die von rechts nach links oder von oben nach unten gelesen werden, was eine mögliche Fehlerquelle darstellt.

Sowohl die Geistes- als auch die Naturwissenschaften werden außerdem häufig aus einer eurozentrischen Perspektive gelehrt. Dies zeigt sich einerseits in der Nomenklatur von Studiengängen, wie beispielsweise Nahost-Studien, die eine nicht-europäische Region, ehemals Orient implizit als zu erforschendes Gegenüber definieren. Eine alternative Bezeichnung wäre WANA (Westasien-Nordafrika), wobei auch hier eine andere Region konstruiert wird, die jedoch nicht als Gegenüber abgegrenzt werden kann. Andererseits zeigt sich Eurozentrismus in der inhaltlichen Fokussierung auf wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem europäischen und westlichen Raum. Ein Beispiel dafür ist die wissenschaftshistorische Darstellung des Dunklen Mittelalters. Diese wird oft als eine Phase vermeintlich geringer menschlicher Errungenschaften dargestellt, obgleich zeitgleich in anderen Teilen der Welt, wie beispielsweise in Westasien, bedeutende Fortschritte erzielt wurden. So wirkte zum Beispiel in dieser Epoche der persische Gelehrte Ibn Sina (lat. Avicenna; *980, † 1037), der als Arzt, Naturwissenschaftler, Philosoph und Mathematiker, welcher bahnbrechende Erkenntnisse erlangte (Strohmaier, 2017).

Als Lehrende*r können Sie aktiv nach Büchern und Materialien suchen, die Perspektiven und Erkenntnisse von BIPoC-Autor*innen enthalten, und diese in Ihre Lehre integrieren. Beispiele hierfür sind Werke oder wissenschaftliche Erkenntnisse unterrepräsentierter Gruppen. In der deutschen Literatur sind es Autorinnen wie May Ayim oder Semra Ertan. Im Fach Chemie bietet sich die Behandlung von Alice Ball an, in der Astrophysik die von Neil deGrasse Tyson oder Gladys Mae West, die maßgeblich zur Modellierung der Form der Erde beigetragen hat. Ihre Möglichkeiten sind dabei so vielfältig wie die Fachrichtungen, in denen Sie sich bewegen. Auf diese Weise würden Ihre Lehrmaterialien eine Vielfalt von Perspektiven abbilden und die Erfahrungen marginalisierter Gruppen sichtbar machen.

Wichtig ist außerdem, Ihre Studierenden aktiv in den Prozess der Gestaltung der Lehrveranstaltung einzubeziehen, um deren Perspektiven und Erfahrungen zu integrieren (Olsson et al., 2024). Arbeiten Sie mit Methoden oder Umfragen, in denen die Studierenden ihre eigenen Ansichten zu den Materialien und Themen äußern können, die sie als relevant und diskriminierungssensibel empfinden.

Reflexionsfragen

  • Wo können Sie diskriminierende Elemente oder Kontinuitäten in Ihren Lehrmaterialien entdecken?

  • Wählen Sie Beispiele oder zitieren Sie Autor*innen, die die Diversität von Menschen repräsentieren?

Materialien

 

Safer Spaces

Als Lehrende können Sie aktiv dazu beitragen, einen geschützten, fairen und diversen Raum in Ihren Lehrveranstaltungen zu ermöglichen. Die Schaffung von Safer Spaces für marginalisierte Gruppen, wie BIPoC und/oder FLINTA* Studierende, ist eine konkrete und wichtige Maßnahme, um einen Raum für intensiven Austausch und den Schutz vor Diskriminierung zu bieten. Vereinbaren Sie also gemeinsam mit Studierenden einen Code of Conduct. Zu den Inhalten können folgende Punkte gehören:

  1. Respektvoller Umgang: Wir begegnen uns respektvoll und wertschätzend, unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, ethnischer Herkunft, Religion, Alter oder anderen persönlichen Merkmalen.

  2. Konsens: Handlungen und Interaktionen finden nur mit ausdrücklicher Zustimmung aller Beteiligten statt. „Nur Ja heißt Ja.“

  3. Vermeidung von Diskriminierung: Keine Form von Diskriminierung, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus oder andere Formen von Ausgrenzung werden geduldet.

  4. Umgang mit Konflikten: Wir sprechen Konflikte offen und ehrlich an und suchen gemeinsam nach Lösungen.

  5. Sensible Sprache: Wir verwenden eine gendersensible Sprache und vermeiden diskriminierende Begriffe oder Stereotype.

  6. Vertraulichkeit: Die Informationen, die hier geteilt werden, behandeln wir vertraulich, wobei Gefährdungssituationen ausgenommen werden.

Darüber hinaus können Content-Warnungen (Triggerwarnungen) für sensible Inhalte Studierenden die Möglichkeit geben, sich auf potenziell belastende Themen einzustellen und einen sichereren Raum für die Auseinandersetzung zu schaffen.

Autor*in

  • Teodor Negrea, (alle Pronomen; genderfluid), Student*in an der Universität Leipzig im Masterstudiengang Begabungsforschung und Kompetenzentwicklung. Arbeitet momentan an der Masterarbeit mit dem Thema „Empowerment-Workshops zur Förderung rassismuskritischer Kompetenz für Lehramtsstudierende mit eigenen Rassismuserfahrungen“. Seit 2025 freiberufliche*r Referent*in zu Rassismus im Bildungssystem.

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