Sie sind hier: Ruhr-Universität Bochum LEHRE LADEN Lehrende im Fokus Rassismuskritisches Handeln Persönliche Reflexion und Weiterbildung

Persönliche Reflexion und Weiterbildung

6. Februar 2026

Das Wissen über europäischen Kolonialismus und Rassismus(-kritik) dienen Ihnen als Grundlage für persönliche Reflexion und Weiterbildung. In diesem Abschnitt wird es darum gehen, dass Sie üben Ihre eigene Positionierung und Positioniertheit im Zusammenhang mit Machtverhältnissen zu analysieren. Das ermöglicht Ihnen salonfähige Rassismen wie das „Problem mit dem Stadtbild“ bewerten und innerhalb von Machtverhältnissen genauer einordnen zu können. 

 

Reflexion

Sie können versuchen, Ihre Positionierung und Positioniertheit in der Gesellschaft kritisch zu reflektieren und zu verstehen, wie Machtverhältnisse ineinander verwoben sind und sich überschneiden (Kourabas, 2019). Deshalb ist ein zentraler erster Schritt die Reflexion über die eigene Wahrnehmung von Rassismus. Sie als Lehrende*r können sich Ihrer eigenen Vorurteile bewusst werden und aktiv an Ihrer eigenen rassistischen Sozialisation arbeiten. Malott und Kolleg*innen (2021) betonen, dass Lehrkräfte Maßnahmen ergreifen sollten, um ihre eigenen rassistischen Einstellungen zu erkennen und die Bereitschaft zu entwickeln, diese zu hinterfragen. Lehre funktioniert auch über die Vorbildfunktion: Sie können durch eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten ein Vorbild sein und Ihren Studierenden zeigen, dass der Prozess des Verlernens von Rassismus ein lebenslanger ist, der für Sie genauso wie für Ihre Studierenden gilt.

Positionierung ist eine Haltung, die ein Individuum in Bezug auf deren Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Gruppen einnehmen kann. Eine Person kann sich beispielsweise als weiß oder als cis positionieren und dadurch ausdrücken, dass sie sich bestimmter Privilegien, die mit ihrer Position einhergehen, bewusst ist. Dies soll einen selbstkritischeren Umgang mit der eigenen Position hervorrufen, hat allerdings keinen Einfluss auf strukturelle Benachteiligungen oder Privilegien (Stabstelle Chancengerechtigkeit und Diversität – Universität Bonn, 2024).

Positioniertheit drückt dagegen die äußerliche Zuweisung einer Person auf eine bestimmte Position aus. Dies geschieht ohne den Einfluss der Person und basiert auf äußerlich sichtbaren Merkmalen wie beispielsweise der Hautfarbe, geschlechtlich konnotierten Merkmalen oder einer sichtbaren Behinderung (Stabstelle Chancengerechtigkeit und Diversität – Universität Bonn, 2024).

Es ist zudem wichtig sich bewusst zu werden, dass sowohl Studierende als auch Lehrende und Verwaltungsmitarbeitende von Rassismus betroffen sein und/oder ihn verursachen können. Zudem ist es wichtig für Sie nachzuvollziehen, dass kein Raum frei von Rassismus ist und dieser als Machtstruktur Handeln, Denken und Fühlen beeinflusst und somit alle betrifft (Melter & Mecheril, 2011). Die Folgen von rassistischer Diskriminierung sowie Handlungsmöglichkeiten in Reaktion darauf sind hingegen nicht für alle gleich. Sie stehen einerseits unter Einfluss von strukturellen Machtverhältnissen, die mit Rassismus einhergehen, und andererseits Abhängigkeitsverhältnissen, die das institutionelle Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden kennzeichnen. Denn letztlich bewerten Sie als Lehrende*r die Leistungen von Studierenden (Petermann, 2023).

Kritische Selbstreflexion kann durch gezielte Übungen geschehen, die darauf abzielen, die eigene soziale Identität, Hintergründe und die damit verbundenen Privilegien zu erkunden. Sie als Hochschullehrende können zum Beispiel ein Reflexionsjournal führen, in dem Sie regelmäßig über ihre Erfahrungen, Gedanken und Gefühle im Zusammenhang mit Diskriminierung schriftlich festhalten.

Eine besonders wirksame Übung, die Sie alleine oder als Gruppe machen können, ist die Fallarbeit:

Amal studiert Lehramt und jobbt neben dem Studium im Pflegeheim. Während sie in ihrem Nebenjob keine Probleme mit dem Tragen eines Kopftuchs hatte, wird sie von einem Hochschullehrer darauf hingewiesen, dass sie spätestens im Referendariat das Kopftuch abnehmen müsste. (angelehnt an CLAIM E-Learning, 2025)

Welche Diskriminierungskategorien sind in unserem Fallbeispiel relevant?

Geschlecht (Frausein/Sexismus) – Lookismus (Kleidung) – Religion und Weltanschauung (Islam) – Sozioökonomischer Status (Bildung, Nebenjob) – Rassismusformen (Antimuslimischer Rassismus)

Die nachfolgende Grafik zeiugt auf, wie unterschiedlich Macht verteilt ist, und anhand welcher Kategorien Diskriminierung entstehen kann.

Formen von Machtverhältnissen. Quelle: CLAIM.

Reflexionsfragen zur eigenen Positionierung:

  • Wo verfügen Sie als Lehrende über Macht bzw. mehr Macht?

  • Sind Sie weiß, männlich, heterosexuell oder haben Sie einen deutschen Pass?

  • Wie oft werden Sie auf einer Party gefragt: Wo kommst du wirklich her? Und wie oft fragen Sie sich das selbst?

  • Kennen Sie fünf Bücher von Autor*innen, die nicht weiß sind?

  • Können Sie sich auf einen Job bewerben, ohne darüber nachzudenken, ob Ihr Aussehen für die Auswahl eine Rolle spielt?

  • Haben Sie die Wahl, sich nur mit Rassismus auseinanderzusetzen, wenn Sie möchten?

Reflexionshilfen

 

 

Weiterbildung

Kontinuierliche Selbstreflexion und die Bereitschaft dazuzulernen, sind entscheidend um Ihre rassismuskritische Kompetenz zu stärken, und werden durch vielfältige Weiterbildungsangebote der Hochschulen oder externer Organisationen unterstützt (vgl. Rausch et al., 2021). Sie als Lehrperson können bei der (didaktischen) Fortbildungseinrichtung Ihrer Hochschule nach Workshops fragen, die den Fokus auf die Erkennung von Rassismus sowie die Abwehr von Diskriminierung legen (Y?ld?z & Ohnmacht, 2020). Zudem sind die Newsletter der Antidiskriminierungsbeauftragten Ihres Institutes oder der Stabstelle für Chancengleichheit sind eine verlässliche Informationsquelle für Workshops.

Exkurs: Herausforderungen für Weiterbildungszentren

Eine große Herausforderung liegt darin, breite Beteiligung sicherzustellen, insbesondere von denjenigen, die noch nicht ausreichend sensibilisiert sind. Bereits sensibilisierte Individuen neigen vermehrt dazu, sich zu engagieren, während die weniger sensibilisierten Gruppen oftmals unterrepräsentiert sind (Schmidt & Kuhlmann, 2024). Das alleinige Vertrauen auf freiwillige Teilnahme schränkt die Reichweite und Wirksamkeit dieser Schulungen ein. Hochschulen sollten daher Strategien in Betracht ziehen, um Antirassismus-Schulungen zu einem obligatorischen und integralen Bestandteil der beruflichen Weiterbildung für alle Lehrenden zu machen.

E-Learnings

  • Die CLAIM-Allianz bietet eine umfangreiche Wissensvermittlung zu Machtverhältnissen, Rassismusformen und Dokumentation rassistischer Vorfälle.
  • ZEOK e.V. beschäftigt sich mit (antimuslimischem) Rassismus.
  • Postkoloniale und Machtkritische Perspektiven werden bei Connecting the dots thematisiert.

Selbststudium

Autor*in

  • Teodor Negrea, (alle Pronomen; genderfluid), Student*in an der Universität Leipzig im Masterstudiengang Begabungsforschung und Kompetenzentwicklung. Arbeitet momentan an der Masterarbeit mit dem Thema „Empowerment-Workshops zur Förderung rassismuskritischer Kompetenz für Lehramtsstudierende mit eigenen Rassismuserfahrungen“. Seit 2025 freiberufliche*r Referent*in zu Rassismus im Bildungssystem.

Stand: