Warum über Rassismus sprechen?

5. Februar 2026

Rassismuskritisches Handeln im Kontext der Hochschullehre meint das Lernen über Rassismus, die Reflexion der eigenen Privilegien und Strategien im Umgang mit Macht. Es gibt keinen konkreten Leitfaden dafür. Vielmehr geht es um ein gemeinsames (Ver-)Lernen von Denk- und Handlungsmustern, die Diskriminierungs- bzw. Rassismusrelevanz haben.

Eine rassismusrelevante Situation könnte sein, dass einer studierenden Person of Color das Vorhaben sich in ihrer Abschlussarbeit mit Rassismus zu beschäftigen, von einem weißen Hochschullehrer abgesprochen wird. Sie könne keine wissenschaftlich objektive und neutrale Außenperspektive aufgrund der eigenen Betroffenheit mit Rassismus einnehmen. Kurzum: „wenn du nach Rassismus suchst, dann findest du ihn auch“. Vielleicht fragen sich manche von Ihnen, weshalb der Hochschullehrer das als relevanten Grund betrachtet. Andere stellen sich vermutlich die Frage wie eine objektive und neutrale Außenperspektive im eigenen forschenden Handeln aussieht. Manche von Ihnen könnten sich auch fragen, weshalb das überhaupt rassismusrelevant ist.

Der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2023) zufolge ist eine Diskriminierung im rechtlichen Sinne eine Ungleichbehandlung einer Person aufgrund einer (oder mehrerer) rechtlich geschützter Diskriminierungskategorien ohne einen sachlichen Grund, der die Ungleichbehandlung rechtfertigt. Institutionelle Diskriminierung entsteht – anders als individuelle Diskriminierung – aus dem alltäglichen Funktionieren von Organisationen, beispielsweise im Bildungsbereich. Es sind verschiedene Regelungen und Mechanismen, die dazu führen, dass das Bildungssystem immer wieder dieselben Gruppen benachteiligt, beispielsweise Kinder aus sozial marginalisierten Schichten oder Kinder, denen ein sog. Migrationshintergrund zugeschrieben wird (Foitzik, 2019).

Diese Regelungen und Mechanismen gestalten den akademischen Raum als Ort des „truthtelling“ (hooks, 2003; S.29). Dabei kommt es darauf an, wem zugehört wird und wessen Perspektive anerkannt wird. In Akademia werden vorwiegend die Narrative einer objektiven und neutralen Wissenschaft erzählt. Dabei wird oft vernachlässigt, dass Objektivität und Neutralität perspektivisch sind, da jedes Individuum „Fingerabdrücke“ (Harding, 1994; S.207) im forschenden und lehrenden Handeln hinterlässt. Und die Objekte des deutschen akademischen Raums sind mit den Fingerabdrücken ihrer mehrheitlich weißen, männlichen, klassenabhängigen, heteronormativen und eurozentristischen Subjekten versehen.

„Neutralität oder Objektivität gibt es weder in der Universität noch in der Pädagogik. Wissensproduktion und Wissenschaftlichkeit sind immer eingebunden in Herrschaftsverhältnisse.“ (Mohseni, 2020; S. 58)

Terkessidis (2004) betrachtet Universitäten als historisch zentrale Orte der Wissensproduktion über Rassismus. Durch die Entwicklung von Rassentheorien hat die Wissenschaft im 19. Jahrhundert maßgeblich zur Legitimierung und Ausweitung rassistischer Ausbeutung beigetragen. Kilomba (2010) zufolge sei wissenschaftliche Objektivität schlussfolgernd das Ergebnis von ungerechten rassistischen Machtverhältnissen. Laut Mohseni (2020) wurden in diesen theoretischen Diskursen Menschen of Color, insbesondere Afrikaner*innen, systematisch als minderwertig konstruiert und ihrer Stimme beraubt. Das kann sich heute darin ausdrücken, dass Schwarze Wissenschaftler*innen und Wissenschaftler*innen of Color kaum im akademischen Raum repräsentiert sind. Und wenn sie repräsentiert sind, werden ihre Perspektiven oft als zu politisch, unwissenschaftlich, ideologisch oder moralisch diskreditiert (Popal, 2011). Zudem werden finanzielle Ressourcen meist dazu genutzt, Stellen für weiße Wissenschaftler*innen zu sichern (Mohseni, 2020; S.55). „Das drückt sich in einen Mangel an Daten/Forschungen zu Schwarzen Rassismuserfahrungen und Empowerment-Praxen im Deutschen Raum aus.“ (Organisationen und Mitglieder von Black Communities in Deutschland und Österreich, 2015; S.4)

Fereidooni (2011) bemerkt, dass diese institutionalisierten Formen von Rassismus im Bildungs- und Hochschulsystem den Zugang zu einem akademischen Status enorm erschweren. Das wird bereits unter Studierenden sichtbar, denn Krempkow (2022) zufolge liegt die Quote der Studierenden mit sog. Migrationshintergrund, die vom Studienanfänger*innenstatus bis zum erfolgreichen Bachelor-Abschluss gelangen, bei 60% und ist um 22% geringer als die Quote der Studierenden ohne sog. Migrationshintergrund mit 82%. Die Kategorie Migrationshintergrund selbst ist wissenschaftlich problematisch, da sie höchst unterschiedliche Personengruppen homogenisiert, die sich in Migrationserfahrung, Aufenthaltsstatus und Generationenzugehörigkeit fundamental unterscheiden.

Für eine macht- bzw. rassismuskritische Haltung ist es wichtig, historische Kontinuitäten zu erkennen und zu berücksichtigen. Das Wissen über die Entstehung, die Funktion und die Wirkung von Rassismus sind die Grundlage, die Sie brauchen. Dazu kommt der Wille und die Fähigkeit, eigenes Handeln und Denken zu reflektieren, um soziale Situationen machtsensibel einzuordnen. Um schließlich bei sich, in Lehrmaterialien, Curricula und im sozialen Umfeld machtkritischen Wandel anzustoßen.

Autor*in

  • Teodor Negrea, (alle Pronomen; genderfluid), Student*in an der Universität Leipzig im Masterstudiengang Begabungsforschung und Kompetenzentwicklung. Arbeitet momentan an der Masterarbeit mit dem Thema „Empowerment-Workshops zur Förderung rassismuskritischer Kompetenz für Lehramtsstudierende mit eigenen Rassismuserfahrungen“. Seit 2025 freiberufliche*r Referent*in zu Rassismus im Bildungssystem.

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