Was bedeutet Rassismuskritik?

6. Februar 2026

Unter Berücksichtigung des Dilemmas sich als forschendes und lehrendes Individuum völlig neutral und objektiv zu verhalten, nimmt rassismuskritische Forschung bewusst eine Positionierung ein. Eingebettet in gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen wird die Wechselwirkung von forschendem Subjekt und zu forschendem Objekt stetig reflektiert. Mohseni (2020) beschreibt Rassismuskritik als ein parteiliches Eingreifen in die Wissensproduktion, als Gegengeschichte zu hegemonialen Narrativen. Deshalb kann es vorkommen, dass manche von Ihnen stellenweise Irritationen verspüren, wenn Sie mit Perspektiven konfrontiert werden, die Ihr bisheriges Wissen in Frage stellen.

Die theoretische Grundlage für Rassismuskritik leitet sich aus der Critical Race Theory (CRT) ab. Hier betonen Schwarze feministische Theoretikerinnen aus den USA, wie Hooks (1990) und Crenshaw (1991) die zentrale Rolle der erläuterten Intersektionalität von Race, Class und Gender. Sie argumentieren, dass diese Unterdrückungsformen untrennbar miteinander verwoben sind und nur durch eine kontextualisierende und historisierende Analyse verstanden werden können. Dieses Verständnis bildet die Grundlage für eine kritische, selbstreflexive Haltung, die als Fundament rassismuskritischer Kompetenz im deutschen Diskurs dient (vgl. Melter & Mecheril, 2011).

El-Mafaalani (2021) hebt hervor, dass Rassismuskritik kein klar umrissener Ansatz ist, sondern sich mehrdimensional manifestiert. Als reflexive Haltung und Praxis erkennt Rassismuskritik, dass Rassismus strukturell verankert ist und es kein Außerhalb gibt. Sie fordert die notwendige, wenn auch widersprüchliche Thematisierung von Rassismus, eine erweiterte Perspektive, die Privilegien mit einbezieht, und bewusste Reflexion über Repräsentanz. Sie verbindet Wissen, eine klare Positionierung gegen Rassismus bei gleichzeitiger Anerkennung der eigenen Verstrickung, und konkretes Handeln (kritische Reflexion, Thematisierung, Perspektivwechsel).

Rassismuskritische Kompetenz bezieht sich somit auf Fähigkeiten und Wissensbestände, die Menschen erwerben müssen, um rassistische Strukturen zu erkennen, zu hinterfragen und aktiv abzubauen. Diese Kompetenz ist entscheidend, um sowohl die individuelle als auch die institutionelle Handlungsmacht im Hochschulkontext zu stärken (Polat & Joseph-Magwood, 2024). Ziel der rassismuskritischen Kompetenz ist also nicht nur Rassismus sichtbar zu machen und zu benennen, sondern auch über das rassismusrelevante Wissen zu verfügen und die Strukturen aufzuklären, um Rassismus entgegenzuwirken.

Wie bereits angesprochen, spielt das koloniale Erbe eine wichtige Rolle in der Rassismuskritik (Petermann, et al., 2023). Die „Erfindung der Menschenrassen“ war kein marginales Phänomen, sondern ein Kernprojekt moderner Wissenschaften, das an Universitäten entwickelt, gelehrt und global exportiert wurde (vgl. Nguyen & Puhlmann, 2023). Die modernen Naturwissenschaften entstanden geografisch in Europa und zeitlich im 15./16. Jahrhundert (bzw. mit der Renaissance), wobei sie an globale Wissensbestände anknüpften (Gebhard et al., 2017). Den geopolitischen Hintergrund bildete die europäische Expansion, insbesondere der ab 1492 einsetzende, durch geografisch-historische Singularität und Gewalt geprägte Kolonialismus (Dietrich & Strohschein, 2011). Konsequenzen dieses Erbes sind bis heute in universitären Strukturen erkennbar und äußern sich in Bezeichnungen, Visualisierungen, Kategorien, Forschungsdesigns oder Untersuchungsobjekten (Petermann et al., 2023). Marmer, Sow & Ziai (2015) konstatieren, dass in Schulbüchern weiße Menschen als aktive Gestalter*innen der Weltgeschichte, Schwarze Menschen hingegen als marginalisierte „Andere“ konstruiert werden, wobei Afrika keine Geschichte habe. Für die Autor*innen ist eine Revidierung rassistischer Inhalte, unter Beteiligung Schwarzer Expert*innen, essenziell. Koloniale Kontinuitäten zu erkennen und zu hinterfragen, ist ein zentraler Bestandteil rassismuskritischer Kompetenz. Hierbei ist es wichtig für Hochschulen und Sie als Lehrende, Curricula und Lehrmaterialien zu diversifizieren und Inhalte zu integrieren, die rassistischen Stereotypen und Ungleichheiten entgegenwirken.

Heleta (2016) zufolge sollten Lehrende Studierende aktiv in die Transformation von Curricula, Lehrmethoden und Lernprozessen einbeziehen, beispielsweise durch partizipative Lehrformate, die hierarchiefreie Diskussionen und gemeinsame kritische Reflexion ermöglichen. Indem Hochschulen und Sie als Lehrende intersektionale und postkoloniale Perspektiven in die Lehre integrieren, können sie dazu beitragen, ein umfassenderes Verständnis von Machtverhältnissen und Diskriminierungen zu entwickeln (Leninius & Maurer, 2020).

Zwischenfazit

Insgesamt ist der Aufbau rassismuskritischer Kompetenz und die aktive Auseinandersetzung mit Rassismus an Hochschulen von zentraler Bedeutung, um die gesellschaftliche Verantwortung der Institutionen wahrzunehmen und eine inklusive Bildungserfahrung für alle Studierenden zu gewährleisten. Als integraler Bestandteil eines umfassenden Ansatzes gegen Diskriminierung können Hochschulen wichtige Impulse setzen, um rassistische Strukturen zu hinterfragen und Veränderungen zu initiieren. Dabei sollte stets bedacht werden, dass es gegen Diskriminierung und Rassismus kein Allheilmittel gibt. Es ist ein kontinuierlicher Prozess, bei dem jeder Schritt zu einer gerechteren und solidarischeren Hochschule beiträgt.

Autor*in

  • Teodor Negrea, (alle Pronomen; genderfluid), Student*in an der Universität Leipzig im Masterstudiengang Begabungsforschung und Kompetenzentwicklung. Arbeitet momentan an der Masterarbeit mit dem Thema „Empowerment-Workshops zur Förderung rassismuskritischer Kompetenz für Lehramtsstudierende mit eigenen Rassismuserfahrungen“. Seit 2025 freiberufliche*r Referent*in zu Rassismus im Bildungssystem.

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