Was ist Rassismus?
Während wir über Rassismus als Gegenstand sprechen, ist dieser auch gleichzeitig als differenzierende Kategorie im Raum. Rassismus als Schema, welches zwischen Menschen unterscheidet, betrifft uns alle. Manche Forschende unterscheiden deshalb zwischen rassistisch diskreditierbare und rassistisch weniger diskreditierbare Personen. Andere beschreiben Rassismus als Hintergrundrauschen, welches jedes Individuum begleitet und ab und an lauter wird.
Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM, 2022) definiert Rassismus folgendermaßen:
„Im Kern wird Rassismus als eine Ideologie sowie als eine diskursive und soziale Praxis verstanden, in der Menschen (1) aufgrund von äußerlichen Merkmalen in verschiedene Gruppen eingeteilt werden (Kategorisierung), denen (2) per ‚Abstammung‘ verallgemeinerte, verabsolutierte und unveränderliche Eigenschaften zugeschrieben werden (Generalisierung und Rassifizierung), die (3) bewertet und (zum Vorteil der eigenen Gruppe) mit sozialen Rangstufen verbunden werden (Hierarchisierung), womit (4) ungleiche Behandlungen und gesellschaftliche Macht- und Dominanzstrukturen reproduziert und begründet werden (Legitimierung).“ (S. 16-17)
Oft wird Rassismus mit Fremdenfeindlichkeit/-hass gleichgesetzt. Im Gegensatz zu Rassismus bezeichnet Fremdenfeindlichkeit/-hass jedoch eine pauschale Ablehnung des Fremden oder Unvertrauten, ohne dass dies notwendigerweise auf ein systematisches und historisch gewachsenes ideologisches Konzept zurückgreift. Während Fremdenfeindlichkeit oft als individuelles Vorurteil auftritt, ist Rassismus tief in gesellschaftlichen Strukturen und Machtverhältnissen verankert. Bei Rassismus geht es nicht um die Frage wer Fremd ist, sondern wer als Fremd gemacht wird.
Rassismus stellt somit ein tief in der Gesellschaft verankertes Machtverhältnis dar, das seine Wurzeln im Kolonialismus hat und bis heute fortwirkt. Als umfassendes System manifestiert er sich gleichermaßen in Strukturen, Praxen, Ideologien und alltäglichen Prozessen. Grundlage bildet ein Klassifikationssystem, das Menschen anhand zugeschriebener biologischer oder kultureller Merkmale kategorisiert und bewertet, wodurch der Zugang zu materiellen und symbolischen Ressourcen ungleich verteilt und bestehende Machtverhältnisse gesichert werden (Negrea & Ng‘uni, 2025).
Diese diskriminierende Wirkung entfaltet sich in Institutionen, im Alltag, in Sprache und Bildern, wo Menschen aufgrund zugeschriebener Merkmale abgewertet, ausgeschlossen oder benachteiligt werden. Im Bildungsbereich zeigt sich dies durch die systematische Unterschätzung von Perspektiven, Erfahrungen und Leistungen rassismuserfahrener Menschen sowie deren mangelnde Repräsentation in Lehrmaterialien (Negrea & Ng‘uni, 2025).
Parallel dazu bleibt in kulturellen Einrichtungen das Wissen, die Kunst und Geschichte dieser Gruppen marginalisiert. Die Folgen sind vielfältig und reichen von Stress, Angst und eingeschränkten Bildungs- sowie Gesundheitschancen bis hin zur Bedrohung von Leib und Leben, was nicht nur Individuen betrifft, sondern auch den sozialen Zusammenhalt schwächt und demokratische Prozesse beeinträchtigt (Negrea & Ng‘uni, 2025).
Da Rassismus offen oder subtil, intentional oder unbeabsichtigt auftreten kann, kommt den Perspektiven der Betroffenen eine zentrale Rolle beim Erkennen und Verstehen rassistischer Strukturen zu. Durch seine Funktion als Wahrnehmungsfilter verzerrt er systematisch die Bewertung von Personen und Gruppen, weshalb Rassismuskritik als essentielle Perspektive dient, die den Blick für Ungleichheiten schärft, kritische Reflexion fördert und Handlungsspielräume für strukturelle Veränderungen eröffnet (Negrea & Ng’uni, 2025).
Rassismus ist zudem eng mit anderen Diskriminierungsformen verwoben, wie das Konzept der Intersektionalität verdeutlicht. Diese Perspektive zeigt, wie sich verschiedene Macht- und Ungleichheitsverhältnisse überlagern und in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken können. Daher ist ein intersektionaler Ansatz unverzichtbar, um Rassismus als gesellschaftliches Ungleichheitsverhältnis umfassend zu verstehen und zu bekämpfen. Erst durch diese Betrachtungsweise lassen sich die komplexen Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Diskriminierungsformen erkennen und gezielt Strategien für mehr Gerechtigkeit und Teilhabe entwickeln (Negrea & Ng‘uni, 2025).
Intersektionalität bedeutet, wie Abay (2023) anmerkt, dass sich durch intersektionale Diskriminierungen (z.B. Race, Class, Gender) spezifische Formen gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse, sozialer Ungleichheiten und Diskriminierungen herausbilden, die erkannt werden müssen. Der Fokus auf Rassismus ermöglicht es, spezifische Herausforderungen zu identifizieren.
Kimberlé Crenshaw veranschaulichte Intersektionalität am Beispiel eines Diskriminierungsfalls schwarzer Frauen in einem US-Unternehmen. Das Unternehmen wies die Anklage mit der Begründung ab, dass es sowohl Frauen (weiße) als auch Schwarze Menschen (Männer) beschäftige, womit weder von Geschlechter- noch von Rassendiskriminierung gesprochen werden könne. Crenshaw zeigte damit, wie die mehrdimensionale Diskriminierung Schwarzer Frauen im rechtlichen System unsichtbar bleibt. Während sie als Frauen mit weißen Frauen die Geschlechtszugehörigkeit teilten, als Schwarze mit Schwarzen Männern die Rassifizierung, wurde ihre spezifische Erfahrung an der Kreuzung beider Diskriminierungsformen nicht anerkannt. Dieses Beispiel macht deutlich, dass Diskriminierung nicht einfach additiv funktioniert, sondern sich an Schnittstellen eigenständige Formen der Benachteiligung bilden, die nur durch eine intersektionale Betrachtungsweise sichtbar werden.