Relevanz des Themas

In vielen Berufen und Branchen ist die psychische Gesundheit von Mitarbeitenden bereits ein Thema, was sich auch immer wieder in Medien der breiten Öffentlichkeit widerspiegelt. Für die universitäre Lehre ist das Feld noch relativ wenig beforscht, was unterschiedliche Gründe hat. Dabei spielt z.B. eine Rolle, dass der (politische) Fokus meist auf anderen Fragestellungen liegt wie z.B. der nach befristeten Beschäftigungsverhältnissen.

Ein weiterer Grund ist, dass wissenschaftliche Arbeit oft als Berufung empfunden, wahrgenommen und deklariert wird, sprich viele eine hohe intrinsische Motivation mitbringen. Dabei ist auch die wissenschaftliche Tätigkeit ein Beruf, und zwar ein vielfältiger. Auf die Lehre bezogen bringt er fachliche und soziale Aspekte mit sich. Denn Lehre findet auch auf einer Beziehungsebene statt, und diese verläuft nicht immer störungsfrei. Dazu kommen weitere Herausforderungen wie eine hohe Arbeitsbelastung und erschwerte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, insbesondere für Frauen (Ward & Wolf-Wendel, 2012). Die Covid-19-Pandemie hat diese Situation für Frauen noch schwieriger gemacht, wurde 2023 in einem Bericht der Europäischen Kommission kritisiert. Die Metaanalyse hatte zum Ziel festzustellen, wie die Pandemie bestehende Ungleichheiten EU-weit im Wissenschaftssystem verstärkt hat, und kam unter anderem zum Ergebnis, dass Menschen, die die Versorgung von Familienmitgliedern übernehmen, und Frauen „in besonderem Maße die zusätzlichen Arbeitsbelastungen durch Onlinelehre, Studierendenunterstützung und Versorgung von Angehörigen getragen“ (Gilan/ Helmreich, 2022) haben. So kommt der EU-Bericht u.a. zum Schluss, dass Nachwuchsforscherinnen „wohl die am meisten von der Corona-Pandemie betroffene und benachteiligte Gruppe in der Wissenschaft“ seien. 

Kinman & Johnson (2019) haben erforscht, dass eine Vielzahl Lehrender ihr subjektives Wohlbefinden als vermindert erleben:

„There is evidence that achieving a healthy work-life balance can be particularly challenging for academics, leading to health problems, job dissatisfaction, and high turnover in the sector (Barkhuizen et al., 2014; Catano et al., 2010; Kinman & Jones, 2008; Winefield, Boyd, & Winefield, 2014; Zábrodská et al., 2018). (…) A combination of work-related (such as heavy workload, long hours, and university service), individual difference (such as overcommitment, workaholism, and perfectionism), and behavioral factors (such as poor boundary management) have been found to contribute to work-life conflict among academic staff (Flaxman, Ménard, Bond, & Kinman, 2012; Hogan, Hogan, & Hodgins, 2016; Kinman & Jones, 2008).“

Aus vorherigen Studien ist bekannt, dass ein geringe(re)s subjektives Wohlbefinden zu einer geringeren Leistungsfähigkeit im Beruf führt, was bei Lehrpersonal Auswirkungen auf Studierende und die Qualität der Lehre haben kann. Aus Sicht der Stress-Forschung ist lässt sich das leicht erklären: Ein physiologischer Stresszustand (erhöhter Spiegel an Hormonen wie Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin) führt – egal, welcher Stressor dahinter steht – zu einem „Tunnelblick“. Die Lehrperson kann weniger gut wahrnehmen, wo die Lernenden stehen und was sie im Lernprozess brauchen. Darunter leidet die Beziehungsebene, die für gelingende Lehre von größerer Bedeutung ist als z.B. die Wahl eines Mediums zur Vermittlung von Lerninhalten (Schneider/ Preckel 2017).

Bei Studierenden sieht es ähnlich aus: Es gibt gemäß Gesundheitsreporten eine zunehmende Prävalenz von Depression, Ängsten und selbstberichtetem Stress unter Studierenden (Gilan & Helmreich, 2022). „Universitäten sind zunehmend gefordert, die akademische Resilienz, also die psychische Widerstandskraft von Mitarbeitenden und Studierenden im Hochschulkontext zu stärken, damit diese gesund bleiben und mit Belastungen adäquat umgehen können“ (Koch/ Zinzius, 2023).

Daraus folgt: Das subjektive Wohlbefinden und damit einhergehend die psychische Gesundheit von Lehrenden an Hochschulen muss stärker in den Fokus gerückt werden, um auf institutioneller Ebene Maßnahmen identifizieren und umsetzen zu können. Auf persönlicher Ebene können Lehrende ihre Stressoren sowie ihre persönlichen Ressourcen identifizieren und geeignete Strategien entwickeln, um mehr Resilienz zugunsten ihres Wohlbefindens zu entwickeln. Deshalb geht es im Folgenden um Coping und um praktische Instrumente für den Lehralltag.