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Lehre in den Ostasienwissenschaften

Thesen

  • In den Ostasienwissenschaften geht es um China, Japan und Korea und je nach Ausrichtung der Professur sehr verschiedene Aspekte. Deshalb sind z.B. Sinologien an verschiedenen Unis manchmal wenig vergleichbar.
  • Mit den verschiedenen Aspekten werden unterschiedliche Methoden erforderlich, philologische, soziologische etc., die auch noch im Studium untergebracht werden müssen. Die Ostasienwissenschaften sind also thematisch breiter als philologische Fächer.
  • Studierende müssen eine nicht-indoeuropäische Sprache und Tausende von Schriftzeichen von Grund auf erlernen und im B.A. erste wissenschaftliche Texte in dieser Sprache lesen.
  • Das Studium der Ostasienwissenschaften führt nicht zu spezifischen Berufen. Arbeitsmöglichkeiten gibt es in vielen verschiedenen Bereichen, aber es braucht viel Initiative, um eine Stelle zu finden.
  • Die Ostasienwissenschaften befassen sich mit distanten Kulturen, deshalb ist es besonders wichtig, Stereotypen zu überwinden und Sichtweisen zu hinterfragen - im eigenen Kopf und als gesellschaftliche Aufgabe.

Besonderheiten ostasienwissenschaftlicher Fächer

In den Ostasienwissenschaften geht es um verschiedene Länder und verschiedene Aspekte - gemeinsamer Nenner ist die Region Ostasien. Untersucht werden hauptsächlich China, Japan und Korea. Wir befassen uns mit Geschichte, Gesellschaft, Kultur, Kunstgeschichte, Linguistik, Literatur, Politik, Recht, Religion, Wirtschaft dieser Region. Wer das alles überblicken will, könnte wohl in jedem Bereich nur an der Oberfläche kratzen. Deshalb gibt es an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) die einzelnen Fächer Japanologie, Koreanistik und Sinologie (jeweils im 2-Fächer-Studiengang), und an jedem Lehrstuhl werden verschiedene methodische Schwerpunkte gesetzt. Wir bieten zudem übergreifende Studienfächer wie Sprachen und Kulturen Ostasiens oder Wirtschaft und Politik Ostasiens an (beide im 1-Fach-Studiengang). Außerdem gibt es Japanisch und Chinesisch als Lehramtsfächer. Studierende sollten deshalb bei der Auswahl der Universität darauf achten, ob die dortige Ausrichtung des Fachs mit ihren Interessen zusammenpasst, denn das Spektrum ist sehr breit. Studierende, die z.B. an japanischer Populärkultur oder koreanischem Schamanismus interessiert sind, finden sich manchmal an Instituten wieder, die ihnen die Beschäftigung mit alter Lyrik oder Wirtschaftsgeschichte abverlangen.

Die Beschäftigung mit distanten Kulturen erfordert, die eigene Sichtweise zu hinterfragen. Sind die europäischen Sichtweisen und Analysekriterien ohne weiteres übertragbar? Gibt es hierzu richtige und falsche Antworten? Das Studium verlangt, immer wieder die eigenen Begrenzungen zu überschreiten und ständig Neues zu lernen.

Spracherwerb

Wer sich mit diesen Themen beschäftigen will, muss mindestens eine der Sprachen lernen. Nur wenige Studierende bringen mehr als nur ein paar Grundkenntnisse mit, die meisten fangen also an der Universität bei Null an. Diese nicht-indoeuropäischen Sprachen verlangen schon wegen ihrer Fremdheit mehr Arbeitsaufwand. Dazu kommt, dass sie mit chinesischen Zeichen geschrieben werden. Für Japanisch sind 2000 Zeichen zu lernen — im Idealfall, realistisch werden die innerhalb von drei Jahren oft nicht erreicht. Für Koreanisch sind es weniger, für Chinesisch deutlich mehr. Das bedeutet für das Studium, dass ein großer Teil der Zeit im Bachelorstudium zunächst für den Spracherwerb benötigt wird und für Seminare dann weniger übrig bleibt als z.B. in der Germanistik oder Anglistik.

Ein kleiner Teil der Studienanfänger kommt mit Sprachkenntnissen an die Universität, die zur Einstufung in einen höheren Kurs ausreichen. Viele bringen aber ein paar Vorkenntnisse mit und haben von Anfang an oft eine bessere Aussprache als das vor dreißig Jahren der Fall war. Heutzutage ist es einfach, Filme in Originalversion zu anzusehen, mit Untertiteln in Originalsprache oder Übersetzung. Und wenn das Interesse für Sprache und Kultur einmal erwacht ist, bietet das Internet viele Möglichkeiten, die Sprache zu lernen.

Auch Geschichte und Kultur ostasiatischer Länder werden in der Schule nur am Rande thematisiert, so dass wir von vorne angefangen müssen.

Neben moderner Sprache werden an der RUB auch die Grundzüge vormoderner Sprachstufen gelernt, weil das für ein historisch, linguistisch oder literarisch orientiertes Studium wichtig ist. An manchen anderen Universitäten ist die vormoderne Sprache im Masterprogramm untergebracht.

Studienmotivation

Studierende wählen Fächer der Ostasienwissenschaften selten aus Verlegenheit, sondern oft, weil sie fasziniert sind. Manchmal sind ihre Vorstellungen ziemlich romantisch (z.B. Samurai) und oft durch Popkultur geprägt (z.B. K-Pop und Anime). In den einführenden Vorlesungen versuchen wir also erstmal, populäre Mythen als solche zu entlarven und den Studierenden zu vermitteln, wie sie Asienklischees von fundiertem Wissen unterscheiden können. Dass im Studium eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Fach verlangt wird, führt manchmal zu Schock oder Enttäuschung und kann zusammen mit der hohen Arbeitsbelastung ein Grund für Scheitern (z.B. Fachwechsel im Studium oder Studienabbruch) sein.

Lernziele in den Ostasienwissenschaften

Durch die Vielfalt der im Studium behandelten Inhalte und Methoden haben die einzelnen Lehrveranstaltungen eine Fülle verschiedener Lernziele. Diese lassen sich in vier Kategorien einteilen:

  • Fakten, Ereignisse, Meinungen zu einem Land beurteilen, analysieren und einordnen können.
    Dazu ist länderspezifisches Grundwissen nötig (geschichtlich, gesellschaftlich, politisch, literarisch etc.) und es sind methodische Kompetenzen notwendig. Wer sich mit Geschichte befasst, muss beispielsweise mit Quellen umgehen können, wer sich auf Linguistik spezialisiert, braucht Grundbegriffe aus Phonetik, Morphologie usw., um sprachliche Tatsachen angemessen beschreiben und analysieren zu können.
  • Stereotype als solche erkennen und begründet entlarven können.
    Studierende müssen lernen, das, was ihnen in den Medien oder dem allgemein üblichen Halbwissen der Gesellschaft begegnet, zu hinterfragen und mit gut recherchiertem, fundiertem Wissen zu kontern. Das ist auch eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe. Wenn ein asiatisches Land in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt, wie es zum Beispiel für Japan 2011 bei der Katastrophe von Fukushima der Fall war, herrscht in der Fachwelt oft Verärgerung über die klischeehafte Darstellung des Landes in den Medien. Hier sollten Absolventen helfen können, das Bild gerade zu rücken.
  • Mindestens eine ostasiatische Sprache so weit beherrschen, dass Diskussionen möglich sind, Nachrichten verfolgt und wissenschaftliche Texte verstanden werden können.
  • Mit Hilfsmitteln umgehen können.
    Dazu gehören Lexika, Bibliographien, Zeitungsarchive, Umrechnungssysteme für historische Daten etc. Auch dazu sind ausreichende Sprachkenntnisse erforderlich. Heutzutage gehört in diesen Bereich auch ein kluger Umgang mit maschineller Übersetzung und generativen Sprachmodellen. Außerdem wird die Verwaltung von Forschungsdaten immer wichtiger werden.

Lehrformate in den Ostasienwissenschaften

Klassische Lehrformate

Grundwissen wird häufig in Vorlesungen vermittelt. Teilweise gehen Lehrende zum Format der umgedrehten Vorlesung (Inverted Classroom Model) über. Dazu zeichnen sie beispielsweise Vorlesungen auf oder vertonen ihre Powerpoint-Folien. So können die Studierenden sich zu einem selbstgewählten Zeitpunkt mit den Inhalten befassen und nach Belieben stoppen, um z.B. Begriffe nachzuschlagen. In der Präsenzveranstaltung ist Zeit für Fragen, Austausch und Diskussion.

Gerade für Grundlagen ist dieses Format besonders geeignet, da die Vorlesungen jedes Jahr wieder ohne große Veränderungen angeboten werden, so dass eine Aufzeichnung länger wiederverwendet werden kann. Andere Lehrende bevorzugen es, ihre Vorlesungen weiterhin in Präsenz zu halten, um während des Inputs mit Studierenden ins Gespräch zu kommen.

Die Grundlagenveranstaltungen sind eine erste Gelegenheit für Studierende, ihre eigenen Mythen und Klischeevorstellungen bezüglich ostasiatischer Länder als solche zu erkennen und zu korrigieren.

Dem Umgang mit Hilfsmitteln (Lexika, Bibliographien, Zeitungsarchive, Umrechnungssysteme für historische Daten etc) wird meistens eine eigene Übung gewidmet, die erst stattfinden kann, wenn grundlegende Sprachkompetenz erworben wurde, also etwa im zweiten Studienjahr. Durch den raschen Fortschritt elektronischer Hilfsmittel müssen wir Lehrende die Inhalte häufig anpassen. Der Umgang mit Forschungsdaten gehört eher in das Masterstudium.

Die intensivere Beschäftigung mit einzelnen Themen findet vor allem in Seminaren statt. Sekundärliteratur — auf Englisch oder Deutsch — zu lesen, zu erfassen und kritisch zu betrachten muss erst erlernt werden, ebenso wie das Erarbeiten von originalsprachlichen Quellen. Studierende lesen vor der Sitzung Sekundärliteratur anhand von Leitfragen und diskutieren dann im Seminar, oft auch im Format der Gruppenarbeit oder Fishbowl. In Seminaren halten sie Referate oder Pechakuchas oder sie übernehmen die Sitzungsgestaltung.

Sprachunterricht findet im Übungsformat statt. Sprachenlernen unterscheidet sich an der Universität nicht wesentlich von dem an Schulen, aber die Lernkurve ist hier deutlich steiler und es wird mehr Wert auf Grammatikwissen und analytische Durchdringung von Satzstrukturen gelegt. Oftmals gibt es dafür gesonderten Grammatikunterricht. Ich biete den für Japanisch im umgedrehten Format an: Grammatikvideos für das Selbststudium, im Unterricht dann die Gelegenheit zu Fragen der Studierenden, zu Quizzen, Erarbeitung von Texten in Kleingruppen oder Einübung bestimmter grammatischer Formen.

Großen Raum nehmen Übungen zur situativen Sprachverwendung ein. Im ersten Semester beginnt das mit einfachen Information Gap-Übungen und Dialogen zu Alltagsthemen, später werden berufliche Situationen gespielt, Briefe an Betreuende an japanischen Universitäten formuliert und Referate gehalten.

Die Komplexität der Schrift erfordert im ersten Studienjahr einen eigenen Schriftunterricht. Das handschriftliche Schreiben, auf das im ostasiatischen Raum weiterhin Wert gelegt wird, muss ganz neu erlernt werden. Dazu kommen Lese- und Wortschatzübungen, auch in spielerischen Formaten.

Besondere Lehrformate

Es gibt weitere Formate, die sich anbieten, um Studierende zu motivieren und auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Gebiet zu fördern:

Vor einigen Jahren haben wir beispielsweise ein Projektseminar zu den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki veranstaltet. Die Studierenden übersetzten Untertitel zu Augenzeugenvideos. Ein Gastprofessor aus Japan erklärte historische Hintergründe zu den Geschehnissen, ich als Sprachdozentin unterstützte beim Übersetzen. Durch die intensive Beschäftigung mit den bewegenden Berichten waren die Studierenden emotional so beteiligt, dass sie das Bedürfnis hatten, noch mehr Wissen zu generieren. Für eine korrekte Übersetzung ist immer auch Sachwissen erforderlich, so dass Studierende dann Details zu Lokalitäten oder damals verwendeten Gegenständen erkunden mussten.

Auch die Veröffentlichung des untertitelten Videos und ein Pressebericht zu der Arbeit der Studierenden dürfte das Erlebnis von Selbstwirksamkeit gefördert und motivierend gewirkt haben.

Ein Auslandsaufenthalt ist an der RUB nur im Fach Sprachen und Kulturen Ostasiens obligatorisch, und in anderen Fächern empfohlen. Da man nicht mal eben nach Ostasien reisen kann, fehlt vielen Studierenden die direkte Erfahrung, und sie profitieren sehr von einem Studienaufenthalt — sie verbessern ihre Sprache, vermehren ihr Wissen und ihre interkulturelle Kompetenz und reifen auch persönlich.

Da dieser Auslandsaufenthalt meist erst nach dem vierten Semester absolviert wird und nicht allen möglich ist, bietet es sich an, schon vorher Begegnungen mit Studierenden aus den Zielländern zu ermöglichen. Wir organisieren Tandempartys, wenn Studierende aus Asien nach Bochum kommen und bieten Gelegenheiten, zu Online-Tandems zusammen zu kommen. 

Auch gemeinsame Studien- oder Forschungsprojekte mit Gruppen an asiatischen Universitäten sind lehrreich.

Ebenso bietet sich an der Heimatuniversität interdisziplinäre Zusammenarbeit an. Lehrende der Fakultät haben beispielsweise zum Thema Mittelalter gemeinsame Veranstaltungen mit anderen Fakultäten gegeben.

Prüfungen in den Ostasienwissenschaften

Grundlagenwissen wird oft in Klausuren abgefragt. Hier gibt es erste Erfahrungen mit E-Klausuren in der Grundlagenvorlesung „Japanische Geschichte“. Dabei wird hauptsächlich der Wissenserwerb geprüft, obwohl im Präsenzteil der umgedrehten Vorlesung viel diskutiert wird. Bei der großen Teilnehmendenzahl der Vorlesung ist diese Prüfungsform eine große Arbeitserleichterung.

In den Seminaren sind Referate mit schriftlicher Zusammenfassung oder Hausarbeiten gängige Prüfungsformen, die dem Lernziel von kritischer Reflexion und eigenständiger Erarbeitung angemessen sind. Wie wir als Lehrende (und Studierende) auf die Herausforderungen durch Large Language Models reagieren können, wird sich noch zeigen müssen.

In den Sprachkursen werden Klausuren geschrieben. Elektronische Prüfungen sind nur teilweise einsetzbar, weil Studierende auch die Fähigkeit, Schriftzeichen von Hand zu schreiben, unter Beweis stellen sollen. Kommunikative Fähigkeiten sind in mündlichen Prüfungen am sinnvollsten zu zeigen. Die finden in kleineren Kursen, also meist ab dem zweiten Studienjahr statt, weil sie großen personellen Aufwand erfordern.

Tipps für Kolleg*innen

Wenn Sie neu in die Lehre in den Ostasienwissenschaften einsteigen, möchte ich Ihnen aus meiner Erfahrung sechs Tipps mit auf den Weg geben:

  • Lassen Sie sich nicht davon frustrieren, dass Studierende Klischeevorstellungen, wenig Lesebereitschaft und nicht genug Fleiß fürs Sprachenlernen mitbringen. Fördern Sie eine wissenschaftliche Haltung und effektives Lernverhalten. Und: Beraten Sie offen und neutral, um ggf. einen frühen Fachwechsel zu ermöglichen.
  • Wählen Sie Arbeitsformen, die die Studierenden aktivieren, ihre Selbständigkeit und ihr Verantwortungsgefühl stärken und ihnen ermöglichen, sich als Forschende und als gesellschaftlich relevant zu erleben.
  • Prüfen Sie, ob Sie Wiederkehrendes (Grundlagenvorlesungen) besser als Inverted Classroom anbieten können.
  • Prüfen Sie, ob Sie E-Learning-Angebote sinnvoll einsetzen können.
  • Integrieren Sie Projektarbeit, bei der die Studierenden erfahren, wie sie mit ihrer Arbeit an die Öffentlichkeit gehen können, und dass es deshalb besonders wichtig ist, wissenschaftlich sauber zu arbeiten. Das kann zum Beispiel die Beschäftigung mit einem Wikipedia-Artikel sein, der verbessert wird. Hierbei lässt sich besonders gut kritisches Denken üben. Auch das Gestalten von Ausstellungen wirkt motivierend und erfordert solide Recherche. Studierende können so weitere Fertigkeiten erwerben, die sich beruflich nutzen lassen, etwa gutes Formulieren sowie ausstellungspädagogische und gestalterische Kompetenzen.
  • Und zu guter Letzt ein Tipp für Sprachlehrende: Vernetzen Sie sich, z.B. über Japanisch an Hochschulen e.V. und den Fachverband Chinesisch e.V. Lernen Sie auch von der Didaktik europäischer Sprachen.

Autor*in

  • Annette Hansen, hat Japanologie, Sinologie und Anglistik mit linguistischem Schwerpunkt studiert und unterrichtet seit vielen Jahren an der Fakultät für Ostasienwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum Japanisch. Außerdem ist sie als Studienberaterin tätig.

Autor*in

  • Annette Hansen, hat Japanologie, Sinologie und Anglistik mit linguistischem Schwerpunkt studiert und unterrichtet seit vielen Jahren an der Fakultät für Ostasienwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum Japanisch. Außerdem ist sie als Studienberaterin tätig.

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