Vorbereitung der Vorlesung und Just in Time Teaching (JiTT)
Eine vollständige Auslagerung der Lerninhalte in die Vorbereitung ist unter dem Schlagwort Inverted Classroom bekannt. Manche Lehrende machen jedoch trotz aufwändiger Materialerstellung in Form von Lernvideos die frustrierende Erfahrung, dass Studierende die erwarteten Arbeitsaufträge nicht erledigen und unvorbereitet in die Lehrveranstaltung kommen.
Wir stellen hier einige Konzepte vor, wie wir Studierende mit Varianten dieses Formats geschickt zur Vor- und Nachbereitung aktivieren, so dass Sie als Lehrende zeitliche Freiräume für den Hörsaal gewinnen. Eines dieser Konzepte ist das die Vorbereitung strukturierende Just in Time Teaching, das Ihnen als Lehrperson bereits bei Ihrer Vorlesungsvorbereitung einen Überblick über die Schwierigkeiten der Studierenden gibt.
Unsere Vorschläge orientieren sich dabei an den folgenden drei Fragen:
- Was kann ich in die individuelle Vorbereitung auslagern und was hilft dabei, dass diese Vorbereitung auch wirklich stattfindet?
- Welche sinnvollen Aktivitäten können durch die gewonnene Zeit nun in der Präsenzveranstaltung stattfinden?
- Wie kann ich sicherstellen, dass Studierende das Gelernte durch Nacharbeit festigen?
Gestaltung der individuellen Vorbereitungsphase
Die Einführung einer Vorbereitungsphase vor der Präsenzveranstaltung ist sowohl für Lehrende als auch für Studierende eine Herausforderung. Das Selbststudium der Studierenden ist nun nicht mehr allein darauf fokussiert, Inhalte vergangener Präsenzsitzungen nachzubereiten, um Übungsaufgaben zu lösen. Stattdessen müssen die Studierenden sich so organisieren, dass weder die Nachbereitung der vergangenen Veranstaltungen noch die Vorbereitung auf die kommende Veranstaltung zu kurz kommen. Sie als Lehrende haben dabei die Aufgabe, diese Aufteilung der Zeit für das Selbststudium zu unterstützen. Dabei sollten Sie darauf achten, dass der Gesamtumfang begrenzt und insbesondere der Aufwand für die vorzubereitenden Materialien überschaubar bleibt. Wichtig ist auch, in die Vorbereitung nur Themen aufzunehmen, die in der anschließenden Präsenzveranstaltung eine Rolle spielen oder zumindest angesprochen werden.
Hilfreich ist es, wenn Sie die Materialien in kleine Arbeitspakete unterteilen. Dann können Sie den Studierenden durch Verständnisfragen oder kleine Tests Gelegenheit geben zu prüfen, ob sie alles verstanden haben oder ob noch Fragen offen sind. Studierende können gleichzeitig durch „Abarbeiten“ dieser kleineren Abschnitte den Fortschritt für sich selbst sichtbar machen. Insbesondere in der Studieneingangsphase gehören zur Vorbereitung auch klare Arbeitsaufträge mit einem „Produkt“ als Ergebnis. Das kann wie oben bereits erwähnt ein absolvierter Zwischentest oder auch eine Kurzzusammenfassung oder die Formulierung einer Frage sein. Die Abgabe sollte dabei an einen festen Termin und gerade in der Studieneingangsphase möglichst an einen Anreiz gekoppelt sein. Dies könnten, falls die Prüfungsordnung es zulässt, Bonuspunkte für die Abschlussprüfung sein. Ein weiterer Anreiz könnte aber ein Autonomiegewinn für die Studierenden sein. Konkrete Beispiele finden Sie bei den „Hinweisen“ weiter unten im Text.
Beispiel 1
Für eine Veranstaltung zur Mathematik für Naturwissenschaftler*innen erhalten die Studierenden jede Woche den Inhalt etwa einer Vorlesungsstunde zur Vorbereitung im Vorfeld der Vorlesung. Das Material ist als ein Moodle-Buch organisiert. Auf jeder Buchseite finden die Studierenden die Inhalte als formatierten und zur Strukturierung farbig gestalteten Text mit Bildern, interaktiven Graphen (siehe z.B. JSXGraph), ggf. kurzen Videos und digitalen, in den Text eingebetteten Aufgaben (siehe Zusatz-plugin Embedded Questions). Die interaktiven Elemente laden dazu ein, die gerade gelesenen Inhalte aktiv anzuwenden und bieten so eine direkte, das Verständnis fördernde Feedbackschleife. Die Studierenden können die digitalen Aufgaben mehrfach bearbeiten, bei falschen Lösungen erhalten sie ein spezifisches Feedback und Lösungshinweise für einen erneuten Versuch. Nach Bearbeitung des Buchs werden die Studierenden aufgefordert, Fragen und Erkenntnisse zu dem Material anzugeben, die wir Lehrenden zur Vorbereitung der Kontaktzeit mit den Studierenden (s.u.) nutzen können. Dies ist das zentrale Element des „Just in Time Teachings“ (JiTT). Um den Studierenden einen Anreiz zu geben, diesen Auftrag zu erfüllen, können wir diesen als Voraussetzung für den Zugriff auf einen Moodletest konfigurieren. In diesem Test finden die Studierenden ähnliche Aufgaben wie im durchzuarbeitenden Buch. Die in diesem Test erworbenen Punkte können z.B. als Bonuspunkte o.ä. genutzt werden. Als Arbeitspensum für Studierende in der Studieneingangsphase hat es sich für bewährt, die Materialien, Aufträge und Tests so zu konzipieren, dass sie in der Regel in 60 Minuten zu bewältigen sind.
Beispiel 2
In einer Veranstaltung zur Mathematik für Ingenieur*innen greifen wir für jede Vorlesung einen wichtigen Punkt (beispielsweise eine Definition, ein Satz, eine Methode) heraus und stellen diesen in einem Video von 5-10 Minuten vor. Das Ziel besteht hier darin, dass die häufig abstrakten Begriffe oder komplexen Vorgehensweisen für die Studierenden nicht mehr völlig neu sind, wenn sie mit ihnen in der Vorlesung arbeiten. Damit erreichen Sie zwar keinen großen „Zeitgewinn“, aber im Idealfall besitzen die Studierenden dadurch schon eine Vorstellung, auf der Sie aufbauen können. Sie als Lehrperson können beispielsweise mit Hilfe von eingebetteten Aufgaben (s.o.) oder h5p in diese Videos verschiedene Fragen oder Tests integrieren. Wenn die Studierenden diese beantworten, gibt ihnen das unmittelbar Rückmeldung, ob sie die Lernziele weitgehend erreicht haben, und Sie können die Fragen oder Tests auch als Element in einem Anreizsystem verwenden.