Lehre in der Sportwissenschaft
Thesen
- Die Sportwissenschaft ist eine multidisziplinäre Wissenschaft, die ihr Erkenntnis- und Erfahrungsinteresse auf den gemeinsamen Gegenstand Sport und Bewegung richtet.
- In ihren Teildiziplinen sieht sich die Sportwissenschaft den „Mutterwissenschaften“ Pädagogik, Geschichte, Psychologie, Soziologie, Medizin, Neurowissenschaft und Wirtschaftwissenschaft verpflichtet.
- Dementsprechend ist die Lehre in der Sportwissenschaft perspektivreich. Für Lehrende bedeutet dies eine große Notwendigkeit von didaktischer Reduktion.
- Forschendes Lernen und eine reflexive Praxis von Bewegung, Spiel und Sport sind besonders wichtig.
- Um die Reflexionsfähigkeit Studierender zu fördern, können Sie in der Lehre z.B. fokussieren, polarisieren, verunsichern oder verfremden.
- Wissenschaftliches Schreiben ist selbstverständlicher Teil der Sportwissenschaft.
- Wissen und Können greifen in der Sportwissenschaft stark ineinander.
- Deshalb bieten sich Prüfungsformate an, die neben der Leistungsbeurteilung auch als Lerngelegenheit genutzt werden können.
- Als Lehrende*r sollten Sie auf den Einsatz von Körpersprache und Sprechverhalten achten und versuchen, Ihre Rolle und Ihr Verhalten selbst und durch den Blick der Anderen, Studierenden wie Kolleg*innen, zu reflektieren.
Besonderheiten des Fachs
Die Sportwissenschaft ist eine vergleichweise junge Wissenschaftsdisziplin. Ein Blick in die Geschichte der Leibeserziehung und der Pädagogik der Körperkultur zeigt jedoch, dass dieses neue Fach bereits vor 100 Jahren Einzug in die Forschungslandschaft hielt (Gissel, 2024). Dabei sah und sieht sich die Sportwissenschaft als multidisziplinäre Wissenschaft „inhaltlich und methodisch v.a. ihren Mutterwissenschaften“ (S. 6) verpflichtet. Die Diskussion darüber, was denn eigentlich der Kern unseres Faches ist, reißt bis heute nicht ab. So kontrovers sie auch immer wieder geführt wird, nimmt sie dennoch einvernehmlich den Menschen mit seiner Körper- und Leiblichkeit im Kontext von Sport und Bewegung als gesellschaftlichem Phänomen und Kulturgut in den Blick. Als Querschnitts-, multidisziplinäre oder integrative Wissenschaft bestimmen neben verschiedenen Bezugspunkten (z.B. der Mutterwissenschaften Pädagogik, Geschichte, Psychologie, Soziologie, Medizin, Neurowissenschaft und Wirtschaftwissenschaft) die fachwissenschaftlichen Perspektiven auf den Sport und die Bewegung des Menschen die Sportwissenschaft: Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers und körperlicher Bewegung, Sportmedizin, Bewegungs- und Trainingswissenschaft, Sportpsychologie, Sport in Geschichte, Gesellschaft und Wirtschaft, Körperbildung und Sportpädagogik sowie Sportdidaktik (Güllich & Krüger, 2022; Burk & Fahrner 2020). Für den hochschuldidaktischen Kontext und das universitäre Lehren, Lernen und Unterrichten im Feld von Sport und Bewegung impliziert dies folgende wesentliche fachspezifische Besonderheiten:
- Wissen und Können entfalten sich gemeinsam und nicht nur als zwei getrennte Seiten einer Medaille. Über das forschende Lernen und eine reflexive Praxis von Bewegung, Spiel und Sport entwickeln sich begeisterte Sportler*innen zu kompetenten Sportwissenschaftler*innen.
- Eine starke Theorie-Praxis-Verzahnung bildet die Basis für eine perspektivreiche Lehre. Grundlagen bilden und anwenden können sind zusammenwirkende Zielsetzungen für einen fundierten Wissenstransfer der Sportwissenschaft in unterschiedliche gesellschaftliche Handlungsfelder von Sport und Bewegung.
- Exemplarisch lernen und Strukturen erfassen ist notwendig, um aus der Vielzahl an stofflichen Inhalten, Bezugsquellen und Informationen Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden und Strukturen und Zusammenhänge erkennen zu können. Dabei hilft die didaktische Reduktion.
- Methodenvielfalt im Lehr-Lern-Prozess ergibt sich aus der Vielfalt der (fach)wissenschaftlichen Perspektiven auf Sport und Bewegung. Sie ermöglicht den Studierenden, einen reichhaltigen Methodenkoffer zu packen, um diesen variabel einzusetzen. Fragen stellen, kollaborativ, diskursiv und situativ arbeiten heißt zugleich individuelle, heterogene Voraussetzungen der Studierenden berücksichtigen sowie persönliche Stärken im Team und Know-How aus der Situation entwickeln. Verunsichern und Improvisieren erweisen sich dabei als zielführende Methoden.
- Wissenschaftliches Schreiben ist in der Sportwissenschaft eine selbstverständlich und wesentlich zu erwerbende Kompetenz. Die Nutzung textgenerierender Künstlicher Intelligenz kann in diesen Kompetenzerwerb eingebaut werden, ihn aber nicht abkürzen.
- Wissen und Können sind in der Sportwissenschaft vielfältig und greifen ineinander, so dass auch deren Bewertung und Leistungsbeurteilung, Rückmeldungen und Prüfungsformate unterschiedlich gestaltet und als Lerngelegenheit erfahren werden können.
- Als Lehrpersonen sind wir in unserem Sosein, im Sport insbesondere mit unserer Körperlichkeit, immer im Fokus der Studierenden. Mein Tipp für eine gute und agile fachdidaktische Lehre in der Sportwissenschaft in stetig sich wandelden Zeiten: Seien Sie authentisch und bleiben Sie in Bewegung!
Wissen und Können entfalten und reflexiv erfahrbar machen
Wer ein sportwissenschaftliches Studium absolviert hat, weiß um die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Zugänge zum Gegenstand Sport und Bewegung. Die meisten Sportstudierenden sind begeisterte Sportler*innen. Nutzen Sie diese Begeisterung für das Fach! Erkennen Sie die Bedeutung vom Wissen des Körpers und seinen Potentialen für die Bildung des Menschen (Klinge, 2019). Wenn Sie Studierende von ihren sportpraktischen Erfahrungen berichten lassen, finden Sie in praxis- wie in theorieorientierten Lehrveranstaltungen schnell einen Zugang zu den Studierenden und gewinnen deren Aufmerksamkeit. Machen Sie die Verknüpfung von Wissen und Können deutlich und erfahrbar (Neuweg, 2000a).
Beschreibt ein Leichtathlet oder eine in der Leichtathletik ausgewiesene Sportwissenschaftlerin die Technik des Hürdenlaufs, so kann „selbst eine Kompetenztheorie, die Können durchaus angemessen beschreibt, erklärt und vorhersagt, didaktisch nicht nützlich sein“ (Neuweg 2002, S. 17). Wir kommen also nicht weit, wenn wir nur Denk- und Handlungsalgorithmen abarbeiten (Terhart, 2000). Wir müssen sie reflexiv erfahrbar machen.
Reflexion ist „eine Kunst, die gelernt und geübt sein will. Es gibt eine Praxis, die die Universität nicht simulieren muss, weil sie sie selbst modellhaft verwirklichen kann: die Praxis des Neugierigseins und der Wahrheitssuche, die Praxis des Zweifelns und des Aushaltens von Ungewissheit, die Praxis präzisen Denkens und begründeten Argumentierens“ (Neuweg 2002, S. 22).
In meiner sportwissenschaftlichen Lehre versuche ich diese Praxis über das Forschende Lernen zu entfalten. Ich gebe Raum für die Entwicklung eigener Projektideen der Studierenden und plane Zeit ein für einen kreativen Umgang mit dem Gegenstand. Ich schaffe Anlässe und Spielräume für reflexives Handeln auf der Basis eines fachwissenschaftlichen Inputs und stelle zugleich Hindernisse in den Weg, um innovatives Potential in der Auseinandersetzung mit einer Fragestellung zu befördern und individuelle Lösungswege zu ermöglichen. Dabei nutze ich die im Sport ausgeprägten emotionalen und sozialen Aspekte des Lernens (Klinge & Schütte, 2022a).
Meine Erfahrung ist, dass sich viele Sportstudierende zunächst aus den Mustern ihres habituellen Verhalten im Sport befreien müssen, um ihrer Faszination für den Sport ein breites Kompetenzspektrum als Sportwissenschaftler*innen hinzuzufügen. Was ich damit meine, zeigt ein Beispiel, das ich immer wieder anwende: Ich stelle Studierenden die Aufgabe „Bewegt Euch frei im Raum“. Was tun sie: sie laufen im Linkskreis. An diesem Beispiel erläutere ich die Notwendigkeit, bekanntes Verhalten aufzubrechen, Neugierde für das Ungewisse zu entwickeln und sich eine fundierte Basis für eigene Gestaltungsoptionen zu schaffen und diese kritisch zu reflektieren.
Theorie und Praxis verbinden – Grundlagen bilden und anwenden können
Das „Theorie-Praxis-Problem“ – ein Dauerbrenner in der didaktischen Diskussion der Hochschullehre? Wieviel Praxisbezug braucht die in der universitären Lehre oft vorrangig gesehene fachliche Aneignung von theoretischen Inhalten? Ich denke für die Fachdidaktik in der Sportwissenschaft besteht die Chance, theoretische und praktische Zugänge zu Bewegung, Spiel und Sport zu verknüpfen. Für die Verknüpfung sind zwei Kontexte, die ineinandergreifen können, relevant: die als integrativ und multidisziplinär verstandene sportwissenschaftliche Hochschullehre und die berufspraktisch orientierte Lehre in der Hochschule in Ausrichtung auf „Employability“ (Schubarth & Speck, 2014), die Beschäftigungsfähigkeit im Berufsfeld Sport (Burk & Fahrner, 2020). Eine Sensibilisierung für implizites Lernen von Wissen und Können in der Sportwissenschaft stärkt eine Fachdidaktik, die die dichome Trennung von Theorie und Praxis überwindet. Dies kann durch eine Lehrveranstaltungsplanung gelingen, die die Ziele, die Methoden und die Formate adressaten*innen- und kompetenzorientiert gestaltet.
Interdisziplinäre Kompetenzentwicklung (Lerch, 2017) ist für unser Fach von besonderer Bedeutung. Nutzen Sie dazu unterschiedliche Lernräume, den Seminarraum, das Labor, die Sporthalle, den Außenraum oder den virtuellen Raum. Bieten Sie den Studierenden Gelegenheiten, fachwissenschaftliche Grundlagen, Wissen und Können anwendungsorientiert auszubilden. Gestalten Sie Ihre Lehre aufgaben- und zukunftsorientiert, problembasiert und/oder projektorientiert (Pfitzner 2014). Nutzen Sie z.B. das „Sokratische Gespräch“ oder das „Dialogische Bewegungskonzept“ als Basis für ein praxisnahes Unterrichtsgeschehen (Lange & Sinning, 2008). Beispielhafte Aufgabenstellungen könnten lauten:
- „Erstelle einen Trainingsplan für und mit einer*m Leistungssportler*in nach einer schweren Verletzung“.
- „Choreografiere und inszeniere, konzipiere und organisiere eine Werkschau Tanz“.
- „Virtuelle Realität und digitale Tools im Sport – wie kann ein medienkompetenter Einsatz beispielhaft aussehen?“
In integrativen und impliziten Lehr-Lernformaten verlagert sich „das didaktische Interesse in erheblichem Maße vom Lernen in unterrichtsähnlichen Situationen auf ein Lernen im Funktionsfeld oder in funktionsfeldähnlichen Lernumgebungen“ (Neuweg 2002b, S. 211). Nutzen Sie, dass viele Sportstudierende sich bereits in Funktions- bzw. Berufsfeldern des Sports befinden – für die intrinsiche Motiviation der Studierenden in ihrem Studium ebenso wie für einen gelingenden Wissenstransfer in die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Handlungsfelder von Sport und Bewegung. Als anwendungsorientierte Wissenschaft bietet die Sportwissenschaft viele Möglichkeiten, diesen Transfer zu leisten.
Didaktisch reduzieren und in exemplarischem Lernen zum Erkennen von Strukturen und Zusammenhängen qualifizieren
Wie jedes Fach bietet die Sportwissenschaft eine hohe Komplexität an fachlichen Inhalten. Zudem ist es für unsere heutige Gesellschaft und insbesondere die jüngere Generation kennzeichnend, dass nahezu überall und jederzeit Informationen und Bezugsquellen zu finden sind. In der Hochschullehre müssen wir als Lehrende folglich das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Wir müssen Stofffülle reduzieren und den Stoff auswählen, der sich eignet, um an und mit ihm Strukturen und Zusammenhänge erkennen zu können und Studierende zu befähigen, Übertragungsleistungen zu erbringen. Wir müssen die Komplexität des Stoffes vereinfachen. Kurzum: Wir müssen didaktisch reduzieren (Lehner, 2020).
Aber wie gelingt das in der Sportwissenschaft als multidisziplinärer Wissenschaft? In meinen Lehrveranstaltungen versuche ich eine Balance zwischen Breite und Tiefe des Lehr-Lern-Angebotes herzustellen. Zum einen gebe ich einen Überblick über meine Teildisziplin und deren Bezüge zum Ganzen. Die Studierenden können so eine Orientierung vor dem Hintergrund ihrer biographischen Einflüsse und unterschiedlichen Sozialisationen finden. Beispielweise zeige ich in der Veranstaltung „Gestalten und Inszenieren von Bewegung, Spiel und Sport“ auf, in welchen sportpraktischen Feldern das Gestalten stattfinden kann, wie es im schulischen Kontext vermittelt werden kann, welches bewegungswissenschaftliche Verständnis dahinter steht oder welche Geschlechterrollen und kulturelle Vielfalt im und durch den Sport transportiert werden. Zum anderen wähle ich mit den Studierenden Inhalte aus, an die die jeweilige Studierendengruppe anknüpfen möchte und die sich elementarisieren lassen, d.h. die eine Fokussierung auf wesentliche Kernpunkte ermöglichen. Diese werden dann vertiefend behandelt, so z.B. im Thema „China – das Reich der Mitte. Darstellen traditioneller chinesischer Kampfformen am Beispiel eines Gruppen H-Diagramms“ oder im Thema „Inklusives Bewegen und spielerisches Gestalten mit Sehbehinderten am Beispiel Goalball“.
Vielfältige Methoden vermitteln und zielgerichtet einsetzen – Fragen stellen, kollaborativ, diskursiv und situativ arbeiten, verunsichern und improvisieren
Im Sport haben wir oft eine klare Zielsetzung: Wir wollen ein Spiel gewinnen, schneller laufen, die Abfahrt im Tiefschnee genießen oder die Rückenschmerzen verhindern. Aber wie gelingt das? Wie gehen wir vor, um unser Ziel zu erreichen? Und ist das Vorgehen nicht für jede*n anders? Um Studierenden der Sportwissenschaft nachhaltige Erfahrungen, Einsichten und Erkenntnisse in sportwissenschaftliches Handeln zu ermöglichen, gehe ich vielfältige methodische Wege mit ihnen. Die Verknüpfung von theorie- und praxisorientierten Zugängen, das forschende Lernen und die reflexive Praxis (s.o.) sowie auch das Genetische Lehren als wahrnehmungs- und erfahrungsgeleitete Methode (Sinning, 2010) helfen mir dabei, viele Studierende mitzunehmen. Nach Wagenschein (1997) basiert das Genetische Lehren auf dem Dreiklang genetisch – sokratisch – exemplarisch. Dabei steht der Begriff des Genetischen im Vordergrund und beschreibt eine Pädagogik, die mit dem werdenden Menschen zu tun hat, und im Unterricht und dem didaktischen Geschehen mit dem Werden des Wissens in ihm. Die sokratische Methode spielt als verunsichernde Gesprächsmethode eine wesentliche Rolle. Sie versucht, vermeintlich vorhandenes Wissen kritisch zu prüfen, führt zum Zweifeln, zum Aushaltenkönnen und Gewinnen von eigenen Urteilen. Das exemplarische Vorgehen zeigt sich nicht als „Mut zur Lücke“, sondern als „Mut zur Gründlichkeit“, um „zentrale Aspekte in Gänze zu durchdringen und […] themenkonstituierend zu arbeiten“ (Sinning 2010, S. 69). Dazu setze ich zahlreiche klassische Methoden wie z.B. Mindmapping, Vortrag, Präsentation, Pro-Contra-Diskurs, Übungs- und Spielformen, Rollenspiel, Storytelling, Selbstlernkurs u.v.m. (Meyer, 2011) ein; spezifische Methoden aus dem Sportkontext (Bielefelder Sportpädagogen 2007; Lange & Sinning, 2010) finden ebenfalls Anwendung.
Die Gruppenarbeit steht in meinen Lehrveranstaltungen oft an erster Stelle (Prohl, 2004). Hierzu gehört im Sinne einer agilen Lehre (Arn, 2020) das kollaborative und weitestgehend selbstorganisierte Lernen in Gruppen und ein Arbeiten, in dem sich die Beteiligten situativ und spontan an sich ändernde Umstände anpassen müssen, um auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren zu können. Ich nutze die Improvisation als methodisches Verfahren in meiner sportwissenschaftlichen Lehre. Ein Vorgehen, das nicht dem Zufall, einer Schwellendidaktik oder „Belibiien“ geschuldet ist, sondern bewusst eingesetzt wird, um Haltungen zu entwickeln (Temme & Temme, 2021).
Dazu setze ich didaktische Prinzipien des Variierens, des Verändern und Verfremdens, des Eingrenzens, Polarisierens, Fokussierens oder Kontextualisierens (Klinge & Schütte 2022b) ein, um Studierenden zu ermöglichen, eigene Perspektiven und Positionen zum Fach und zu fachwissenschaftlichen Entwicklungen zu gewinnen.
Ich bearbeite spezifische Themen immer in ausgewiesenen Kontexten und verändere die Kontexte, indem ich z.B. mit den Studierenden andere, ungewohnte Erfahrungsräume aufsuche, den Seminarraum oder die Sporthalle verlasse und ins Feld gehe. Ich grenze die Zugänge zu einem Thema auf ausgewählte Aspekte ein, um eine fokussierte Auseinandersetzung mit einer Aufgabenstellung zu erreichen. Ich schaffe Gelegenheiten, die für die Studierenden neu, fremd, verunsichernd, vielleicht sogar verstörend sind (Dröge, 2009), so etwa durch das Verändern und Verfremden von Bewegungsverhalten, das spontane Variieren von (Spiel)-Regeln und regulativen Vorgaben und Kontexten oder das Falsifizieren von Textaussagen. Dies wirft bei den Studierenden Fragen auf, die sie zu kreativen, innovativen und individuellen Lösungen führen können. Sehr oft geschieht dies in Gruppen, denn viele Studierende der Sportwissenschaft verfügen aufgrund ihrer sportlichen Sozialisation über eine ausgeprägte Teamfähigkeit. Dies nutze ich, um Aufgaben- und Problemstellungen gemeinsam und diskursiv zu erarbeiten, die Kollaboration zu fördern und eine Aufgabenteilung bewusst zu unterbinden.
Fachwissenschaftlich arbeiten und wissenschaftlich schreiben können
Wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben ist in der Sportwissenschaft eine Selbstverständlichkeit und wesentlich zu erwerbende Kompetenz. Da bei vielen Sportstudierenden eine hohe sportpraktisch orientierte Motivation dazu geführt hat, ein Sportstudium aufzunehmen, ist zu Beginn des Studiums das fachwissenschaftliche Arbeiten und die Auseinandersetzung mit (fach-)wissenschaftlicher Literatur oft ausgesprochenes Neuland.
In meinen Lehrveranstaltungen lege ich daher besonderen Wert auf die abgesicherte Darstellung und Diskussion von fachwissenschaftlichen Beiträgen, die eigenständige Recherche und kritische Bewertung von Quellen. Zur Erarbeitung einer Thematik oder Fragestellung durch die Studierenden erwarte ich in einem Vorgespräch, dass sie sich mit der themenspezifischen, fachwissenschaftlichen Literatur auseinandergesetzt haben und den Nachweis von drei bis fünf einschlägigen Literaturangaben erbringen. In semesterbegleitenden kleineren Schreibaufgaben wird das fachwissenschaftliche Schreiben, das Zusammenfassen und Strukturieren komplexer Sachverhalte, das Kommentieren und Diskutieren (fach)wissenschaftlicher Quellen und das Argumentieren eigener Positionen auf der Basis dieser Quellen, Texte und Textpassagen immer wieder geübt (Esselborn-Krumbiegel, 2010). Die Nutzung textgenerierender Künstlicher Intelligenz kann in diesen Kompetenzerwerb eingebaut werden, ihn aber nicht abkürzen (Leschke & Salden, 2023). Z.B. lasse ich Studierende einen Erfahrungsbericht über eine eigene sportmotorische Aktivität, das Turnen des Felgaufschwunges am Reck, schreiben. Diese sollen sie mit einer Bewegungsbeschreibung des Aufschwunges aus einer einschlägigen Fachliteratur und einem KI-erzeugten Text zu dieser Fertigkeit vergleichen. Über diese unterschiedlichen Zugänge kann ich eine differenzierte fachliche und persönlich motivierte Auseinandersetzung mit dem Gegenstand, ein Durchdringen, erzeugen. Studierende lernen, bewusster mit der Nachvollziehbarkeit der Quellen umzugehen, Daten oder Aussagen auf ihre Richtigkeit zu überprüfen bzw. zu falsifizieren, eigene Verhaltens- hier Bewegungsmuster und Argumentationen zu schärfen und die Denk- und Handlungsweisen des Faches zu verinnerlichen.
Leistungen überprüfen und als Lerngelegenheiten verstehen
Wissen und Können sind in der Sportwissenschaft vielfältig und greifen ineinander, so dass auch deren Beurteilungs- und Bewertungsmodi ganz unterschiedlich aussehen können und müssen. Prüfungen und Rückmeldungen werden von vielen Lehrenden in der Sportwissenschaft als Lerngelegenheiten für die Studierenden verstanden und wir versuchen entsprechend geeignete Formate zu finden und zu gestalten.
Meine Empfehlung für Lehrende: Geben Sie Studierenden die Chance im Verlauf ihres Studiums ein angemessenes Spektrum an Prüfungsformen kennenzulernen, z.B. Übung, Präsentation, Gruppenarbeit, mündliche Prüfung, Klausur, (Impuls-)Vortrag, Referat, Portfolio, Praxis- und Lehrdemonstration, Expert*innenrunde, Pro-Contra-Diskussion, Blended Learning, Rollen- und Planspiel, Hospitation, Experiment, Teilnahme an einer wissenschaftlichen Studie, Befragung, Feldversuch, Projektarbeit/-bericht, Exposé, Seminar-/Abschlussarbeit.
Wichtig sind mir dabei insbesondere die folgenden fünf Aspekte:
- Ich gebe Rückmeldungen immer semesterbegleitend, verteile einzelne Prüfungselemente über das Semester und setze Prüfungen nicht nur als punktuellen Abschluss einer Lehrveranstaltung ein.
- Individueller Lern- und Leistungsfortschritt spielt eine große Rolle und wird von mir in Abhängigkeit von der gestellten Prüfungsaufgaben berücksichtigt.
- Ich versuche eine Balance zu finden zwischen der Überprüfung von Fakten und Folgen des Wissens und Könnens. Das heißt für mich, Fakten und Fertigkeiten werden nicht isoliert geprüft, sondern in Hinblick auf die erworbenen Kompetenzen, die zur kritischen Einschätzung und fundierten Bewertung von Folgen des Handelns in dem jeweiligen Feld befähigen. Z.B. müssen Studierende ihre Urteilsfähigkeit hinsichtlich des Einsatzes eines methodischen Verfahrens unter Beweis stellen, indem ich in einer unbekannten Prüfungsaufgabe dazu auffordere, dieses Verfahren anzuwenden und dessen Anwendung kritisch zu reflektieren.
- Im Semesterverlauf schaffe ich immer wieder Gelegenheiten für die Studierenden zur Selbst- und Mitbewertung ihrer Kompetenzen bezüglich fachimmanenter Inhalte und individueller fachbezogenen Vorgehensweisen. Dazu nutze ich u.a. in oder nach jeder Veranstaltungseinheit eine andere kurze Feedbackmethode, z.B. 1:1 Kommunikation, Blitzlicht, Ampel-Feedback, Fragebogen, Fünf-Finger, Kopfstandmethode, 360-Grad, WWW, u.w. (Auferkorte-Michaelis u.a., 2023).
- In Hinblick auf alle Prüfungsleistungen bestehen klare Beurteilungkriterien und Erwartungen, die frühzeitig bekannt und ggf. auch mit den Studierenden verhandelt werden. Ein hohes Maß an Transparenz ist für mich im gesamten Prüfungsgeschehen selbstverständlich.
Authentisch sein und in Bewegung bleiben
Als Lehrperson stehen Sie in Ihrem Sosein, im Sport insbesondere auch mit Ihrer Körperlichkeit, immer im Fokus der Studierenden. Machen Sie sich klar, welche Haltung Sie dabei einnehmen. Die innere Haltung, das Verhalten und die Einstellung zu bestimmten Themen, inhaltlichen Feldern und Kontexten, ebenso wie zu Personen, hier Studierenden, mit denen Sie zusammen agieren, spiegelt sich in der äußeren Haltung, der Körperhaltung und dem Umgang mit der (eigenen) Körperlichkeit wider. Ebenso kann die Körperhaltung und das Verhalten Einfluss auf innere Verfassheit ausüben (Klinge, 2009).
Eine Problematik, die sich dabei insbesondere in der Sportwissenschaft und der sportwissenschaftlichen Lehre zeigt, liegt darin, dass der menschliche Körper oft als „Medium der Gewissheit“ (Thiele, 2012) betrachtet und eingesetzt wird. Doch diese Gewissheit kann durchaus trügerisch sein. In einer zunehmend globalisierten Ausdehnung von Forschung und Wissenschaft wird immer mehr Wissen und Können, zugleich aber auch Nicht-Wissen und Orientierungslosigkeit produziert. Als Sportwissenschaftlerin bin ich auch mit dem Ungewissen konfrontiert und will in der Lehre zugleich sicher auftreten, souverän und authentisch sein. Was hilft mir dabei? Natürlich eine ausgeprägte fachwissenschaftliche Fundierung in Hinblick auf die Gegenstände und Themen sowie eine spezifische, didaktisch-methodische Vorbereitung auf das jeweilige Lehr-Lern-Geschehen und die Adressat*innen. Darüberhinaus achte ich auf den Einsatz von Körpersprache und Sprechverhalten und versuche meine Rolle und mein Verhalten selbst und durch den Blick der Anderen, Studierenden wie Kolleg*innen, zu reflektieren. Im Sinne Meinbergs (2012), der das Leibsein als menschliches Bildungsapriori versteht, geht kein Weg an der leiblichen Präsenz in der Sportwissenschaft und der sportwissenschaftlichen Lehre vorbei.
Drei Empfehlungen Meinbergs (2012, S. 167-171) habe ich mir für meine Lehre zunutze gemacht. Zum einen versuche ich Bildungs- und didaktische Prozesse in Bezug auf das eigene und fremde Leibsein in sozial-kulturell und geschichtlich geprägten Kontexten zu verstehen, um sinnhafte Momente und Bedeutungen für alle Beteiligten eines Lehr-Lernprozesses zu eröffnen. Das heißt, dass ich mich in der Lehre bewusst von meinen eigenen biografischen Erfahrungen löse und insbesondere an heterogenen Aspekten der Akteur*innen ansetze, um sie ´mitzunehmen´. Zweitens versuche ich souverän in der Lehre zu sein und Souveränität als etwas zu vermitteln, das sich in einer anerkennden Haltung zu Anderen und in Hinblick auf eigene Schwächen oder Fehler äußert. Dies erzeugt drittens die folgende Haltung im Sinne Böhmes (2008, S. 188): „über den Sachen stehen, aber nicht so, dass sie einem nichts angehen, sondern dass man sie zu tragen weiß“. Letzendlich geht hiermit eine Konsequenz einher, die einer „forschen, allzu kecken Verfügbarkeitspädagogik immer wieder ein Schnäppchen schlägt“ (Meinberg 2012, S. 171) und die eigene mentale Stabilität und Gesundheit nicht aus dem Auge verlieren lässt.
Mein Tipp für eine gute, agile fachdidaktische Lehre in der Sportwissenschaft in bewegten Zeiten: Bleiben Sie in Bewegung in jeder Hinsicht!
Literatur
Arn, Christof (2020): Agile Hochschuldidaktik. Weinheim/Basel: Beltz.
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