Bildung für nachhaltige Entwicklung
Thesen
- Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) beschreibt eine ganzheitliche Bildung mit dem Ziel, die Welt im Sinne von ökologischer, ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit zu gestalten.
- BNE ist normativ und sich zugleich der eigenen Grundannahmen bewusst, sodass eine Auseinandersetzung mit Werten und eigenen Haltungen möglich wird.
- Hochschulen und alle dort Lehrenden sind wie alle anderen Akteur*innen im Bildungsbereich dazu verpflichtet, BNE umzusetzen und einen Beitrag zum Erreichen der Nachhaltigkeitsziele zu leisten.
- BNE umfasst Lernen auf den drei Ebenen "knowing, acting, being", zielt auf den Aufbau von kognitiven, verhaltensbezogenen, sozio-emotionalen sowie Selbstkompetenzen, die für die Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft notwendig sind, und hat vielfältige Inhalte.
- Zu BNE gehört das Thematisieren von Konflikten in Nachhaltigkeitsfragen sowie die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen, Werten und Emotionen.
- Um BNE erfolgreich umzusetzen, ist es vor allem wichtig, in der Lehre etwas Neues zu wagen und den Mut zur Veränderung in kleinen Schritten zu haben.
Was bedeutet „BNE“?
BNE steht für „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ und ist aktuell unter anderem durch die Nachhaltigkeitsziele der UN, kurz SDGs (Sustainable Development Goals), bekannt, die BNE als zentrales Element aufgreifen. Um zu verstehen, was BNE meint, lohnt es sich daher zunächst, einen Blick auf diese Ziele zu werfen.
BNE und die Sustainable Development Goals
Die Entwicklung zu einem nachhaltigen Leben und einer nachhaltigen Gesellschaft ist die zentrale Herausforderung unserer Zeit, die insbesondere durch den voranschreitenden Klimawandel und dessen Folgen, aber auch durch andere ökologische Probleme, Pandemien, Krieg und soziale Ungleichheiten immer virulenter wird. 2015 hat die UN daher in der Agenda 2030 die 17 SDGs für eine bessere Zukunft ausgegeben, die sowohl ökologische, ökonomische als auch soziale Aspekte betreffen. Die Ziele, die jeweils in verschiedene Unterziele unterteilt und anhand unterschiedlicher Indikatoren gemessen werden, sollen nach dem Willen der UN bis 2030 erreicht werden, um „eine Transformation der Welt zum Besseren“ (UN 2015, 2) zu bewirken. Für die Umsetzung müssen die einzelnen Staaten sorgen. Die Bundesregierung hat deshalb eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt, die Maßnahmen für den deutschen Beitrag zum Erreichen der SDGs beschreibt sowie eigene nationale Ziele und Indikatoren benennt.
BNE wird innerhalb der Agenda 2030 als eine zentrale Umsetzungsstrategie zum Erreichen der SDGs genannt, nämlich als ein Unterziel des SDG4 „Hochwertige Bildung“. Dort heißt es im siebten Unterziel: „Bis 2030 sicherstellen, dass alle Lernenden die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben, unter anderem durch Bildung für nachhaltige Entwicklung […]“ (UN 2015, 18). Dabei ist das Konzept von BNE älter als die Agenda 2030. Schon 2005 startete die UN eine Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ als Nachfolge einer schon in den 1970ern begonnenen Debatte zu Umweltbildung. Durch den zunehmenden Handlungsdruck im Bereich Nachhaltigkeit sowie die Verknüpfung mit den SDGs hat das Konzept BNE an Bedeutung gewonnen.
Abbildung 1: Überblick über die Beschlüsse und Umsetzungspläne von UN bis NRW. Quelle: eigene Darstellung.
Begriffsbestimmung
Es gibt verschiedene Beschreibungen, was BNE genau meint und was mit ihr verbunden wird. Durch die aktuelle Vernetzung mit den SDGs werden diese häufig als Inhalt von BNE gesehen und beides wird als Einheit betrachtet. Daher orientieren wir uns hier im Weiteren an dieser Vernetzung. Im Anschluss an die Agenda 2030 hat die UNESCO eine „Roadmap“ zu BNE herausgegeben, die die Zielsetzung von BNE wie folgt beschreibt: „ESD empowers learners with knowledge, skills, values and attitudes to take informed decisions and make responsible actions for environmental integrity, economic viability and a just society empowering people of all genders, for present and future generations, while respecting cultural diversity.” (UNESCO 2020, 8) Damit wird deutlich, dass BNE handlungsorientiert und wertebasiert ist und ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit miteinbezieht.
Weiter wird beschrieben, was BNE als Konzept ausmacht: „BNE ist ein lebenslanger Lernprozess und integraler Bestandteil einer qualitativ hochwertigen Bildung, welche die kognitiven, sozialen und emotionalen sowie verhaltensbezogenen Dimensionen des Lernens stärkt. Sie ist ganzheitlich und transformativ und umfasst sowohl Lerninhalte als auch Ergebnisse, die pädagogischen Ansätze und Methoden sowie die Lern- und Lehrumgebung selbst.“ (UNESCO 2021, 8) Dies verdeutlicht die große Tragweite und die verschiedenen Ebenen von BNE, die in den nächsten Abschnitten genauer betrachtet werden sollen.
BNE an Hochschulen
Die Fokussierung auf BNE wird in Deutschland im Nationalen Aktionsplan BNE umgesetzt, der mit Blick auf unterschiedliche Bildungsbereiche darauf zielt, BNE strukturell und langfristig zu verankern. Er betont die Bedeutung der Hochschulen: „Durch Forschung und Lehre erarbeiten und vermitteln Hochschulen Wissen, Kenntnisse, Kompetenzen und Werte und bilden Multiplikatorinnen und Multiplikatoren und zukünftige Führungskräfte aus.“ (Nationale Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung 2017, 51) So schreibt der Nationale Aktionsplan für das Feld der Hochschulbildung verbindliche Ziele vor, die es bis 2030 zu erreichen gilt. Diese sprechen neben der Politik zur Schaffung von entsprechenden Rahmenbedingungen auch alle inneruniversitären Akteur*innen an. So sollen sich Forschende und Lehrende weiterbilden, um nachhaltigkeitsbezogene Forschung stärker in die Lehre zu integrieren und neue Lehrformate im Sinne von BNE zu entwickeln. Auch studentische Projekte sollen stärker in die Lehre einfließen, sodass die Hochschule insgesamt eine nachhaltige Transformation erfährt. Der Nationale Aktionsplan hält fest: „[Es gehört] zur Verantwortung jeder Hochschullehrerin und jedes Hochschullehrers [], sich auch mit Nachhaltigkeit/ BNE auseinanderzusetzen.“ (Nationale Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung 2017, 55). Für NRW ist ein Beitrag zum Nationalen Aktionsplan und zur Umsetzung von BNE in der Hochschullehre in der Hochschulvereinbarung festgeschrieben.
Normativität und Emanzipation
Die Zielsetzung von BNE und die Verbindungen zu den SDGs verdeutlichen, dass sie auf normativen Setzungen beruht. Dies wird auch in den folgenden Darstellungen von Kompetenzen und Inhalten weiter deutlich werden. BNE setzt eine positive Grundhaltung zu Natur und allem Leben, eine globale sowie generationenübergreifende Verantwortung und das Bekenntnis zur Demokratie voraus. Diese lassen sich u.a. mit Menschenrechten begründen und müssen mitbedacht und transparent gemacht werden. Zudem bringt auch die Vernetzung mit den SDGs einige Grundhaltungen mit, die sich in den Inhalten und Zielen von BNE widerspiegeln. Neben den schon genannten Aspekten setzen die SDGs auf eine Verbindung von ökologischer, ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit. Für BNE bedeutet das, dass diese Aspekte alle Teil der Lernziele sind und somit nicht allein Fragen von Klima und Umwelt, sondern ebenso soziale und wirtschaftliche Themen eine Rolle spielen. Zu diesen gehören das Bekenntnis zu Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung von Minderheiten sowie die Ausrichtung auf Wirtschaftswachstum und innovative Technologien. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundhaltungen der SDGs gehört zu den Inhalten von BNE (s.u.).
Um eine Auseinandersetzung damit zu gewährleisten, sind ethische Fragen und Wertvorstellungen Teil von BNE. Damit ist sie nicht neutral, sondern sich ihrer Normen bewusst. Das bedeutet, „gute BNE ist normativ, aber nicht bevormundend“ (Bellina u.a. 2020, 32) und möchte Orientierung bieten, indem Wege des Umgangs mit ethischen Fragen und Wege wissenschaftlicher Erkenntnis thematisiert werden. So werden Studierende befähigt, selbst fundiert zu urteilen und eigene Haltungen entwickeln und vertreten zu können. Damit ist BNE ein emanzipatorisches Bildungskonzept, das Studierende zum kritischen Diskurs, zum Handeln und Gestalten befähigen und ermutigen möchte.
Was lernt man durch BNE?
Aufgrund ihrer Bandbreite und Vielfalt ist BNE auch mit unterschiedlichen inhaltlichen, fachlichen und überfachlichen Zielen und Kompetenzen verbunden.
Ganzheitliches Lernen, um die Zukunft zu gestalten
BNE ist ein ganzheitlicher Ansatz, der Lernende auf unterschiedlichen Ebenen anspricht. Oft wird er daher als Lernen mit Kopf, Herz und Hand oder dem Dreiklang „knowing, acting, being“ (Bellina u.a. 2020, 29) beschrieben. Das bedeutet, es geht neben Wissen und kognitiven Fähigkeiten um Handlungskompetenzen und die tatsächliche Anwendung. Dazu legt BNE großen Wert auf Sozial- und Selbstkompetenzen, die zum Beispiel Kooperation und Kommunikation einschließen, ebenso wie Selbstreflexion, Umgang mit Emotionen und Vergewisserung der eigenen Werte. Studierende werden bei BNE in ihrer (zukünftigen) professionellen Rolle ernstgenommen und zugleich persönlich angesprochen. Die Zielsetzung ist, dass Studierende in die Lage versetzt werden, Visionen für eine nachhaltige und gerechte Zukunft zu entwickeln und diese in ihren jeweiligen Professionen voranbringen zu können. Das verdeutlicht die große Bedeutung von BNE an Hochschulen, da viele Studierende später in verantwortungsvollen Positionen in der Gestaltung von Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft sein werden.
BNE-Kompetenzen
Zur Konkretisierung dieser Zielsetzung gibt es verschiedene Kompetenzraster, die aufzeigen, welche Kompetenzen für eine nachhaltige Entwicklung und für die Gestaltung einer gerechten Zukunft notwendig sind. Diese sind eng verbunden mit anderen Konzepten wie Future Skills oder Transformativen Skills. Neben inhaltsbezogenen Kompetenzen (zu Inhalten s. nächster Abschnitt) umfasst BNE diverse Schlüsselkompetenzen oder übergeordnete Kompetenzen. Diese können über einen langen Zeitraum in unterschiedlichen Settings aufgebaut werden. Daran hat Hochschulbildung, wie alle anderen Bildungsbereiche, einen Anteil. Daher hat die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltigkeit an Hochschulen (DG hochN) auf Basis der von der UNESCO ausgegebenen Schlüsselkompetenzen für BNE (UNESCO 2017, 10) und einiger Ergänzungen eine Konkretisierung für den Bereich Hochschule verfasst.
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Die Fähigkeit, … |
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Kompetenz zum systemischen Denken |
Beziehungen zu erkennen und verstehen, komplexe Systeme zu analysieren, die Arten, in denen Systeme in verschiedenen Domänen und Maßstäben eingebettet sind, wahrzunehmen, und mit Unsicherheit umgehen zu können. |
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Kompetenz zur Vor-aussicht |
multiple Zukünfte zu verstehen und zu evaluieren – mögliche, wahrscheinliche, und wünschenswerte – und eigene Visionen für die Zukunft zu kreieren; das Vorsorgeprinzip anzuwenden; die Konsequenzen von Handlungen zu bewerten, und mit Risiken und Veränderungen umgehen zu können. |
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Normative Kompetenz |
die Normen und Werte, die den eigenen Handlungen zugrunde liegen, zu verstehen und zu reflektieren; nachhaltigkeitsbezogene Werte, Prinzipien, und Ziele verhandeln zu können im Kontext von Interessenkonflikten und notwendigen Kompromissen, von unsicherem Wissen und Widersprüchen. |
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Strategische Kompetenz |
gemeinsam innovative Handlungen zu entwickeln und umzusetzen, die Nachhaltigkeit auf lokalen und breiteren Leveln voranbringen. |
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Kollaborative Kompetenz |
von anderen zu lernen; die Bedürfnisse, Perspektiven und Handlungen anderer zu verstehen und zu reflektieren (Empathie); andere zu verstehen, in Beziehung zu treten und empfänglich für andere sein (empathische Führung); mit Konflikten in Gruppen umgehen und kollaboratives, partizipatives Problemlösen möglich machen zu können. |
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Kompetenz zum kritischen Denken |
Normen, Praktiken und Meinungen zu hinterfragen; die eigenen Werte, Wahrnehmungen und Handlungen zu reflektieren; eine Position im Nachhaltigkeitsdiskurs einnehmen zu können. |
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Selbstwahrnehmungskompetenz |
die eigene Rolle in lokalen Gemeinschaften und der globalen Gesellschaft zu reflektieren; das eigene Handeln kontinuierlich abzuschätzen und sich zu motivieren; mit den eigenen Gefühlen und Wünschen umgehen können. Integrierte Problemlösungskompetenz: die übergeordnete Fähigkeit, verschiedene Problemlösungs-Ansätze auf komplexe Nachhaltigkeitsprobleme anzuwenden und tragfähige, inklusive und gerechte Lösungen zu entwickeln, die Nachhaltige Entwicklung fördern. Dabei sollen die o.g. Kompetenzen integriert werden. |
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Diversitäts-, interkulturelle und Equity-Kompetenz |
Verschiedenheit von Menschen und Kulturen zu akzeptieren und ihnen mit Offenheit zu begegnen; die eigene soziokulturelle Situiertheit zu verstehen; sozial-ökologische Ungerechtigkeit zu erkennen und einer ungleichen Behandlung (inklusive ökologische Benachteiligung) von Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit vorzubeugen oder dagegen einzuschreiten. |
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Demokratische Kompetenz |
Demokratie als Wert und Konzepte zu verstehen; Möglichkeiten der demokratischen Teilhabe zu nutzen und gezielt an Prozessen gesellschaftlicher Transformation mitzuwirken; Institutionen, Interessengruppen, und politische Prozesse der Nachhaltigen Entwicklung zu verstehen und mitzugestalten. |
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Globale Kompetenz |
die Erde als Gesamtsystem mit grenzübergreifenden ökologischen und sozialen Wechselwirkungen zu begreifen; die historisch-politisch gewachsenen Ungleichheiten bzgl. nicht-nachhaltiger Entwicklung und ihren Auswirkungen zu verstehen; und beides in eigenes Denken und Handeln einzubeziehen. |
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Affinität für alles Leben |
sich mit anderen Lebensformen (und Menschen) zu identifizieren, Biodiversität und Evolutionsprozesse des Lebens wertzuschätzen; die eigene Spezies als eine von vielen und abhängig von anderen wahrzunehmen; und der Vielfalt und Komplexität des Lebens auf der Erde mit Demut und Staunen zu begegnen. |
Tabelle 1: Kompetenzbeschreibungen. Quelle: Bellina u.a. 2020, 34f.
Was sind Inhalte von BNE?
Neben Zielen und Methoden ist BNE vor allem durch ihre Inhalte bestimmt. Die Themen, über die im Bereich von BNE gelernt werden kann, sind vielfältig. Das wird schon durch die zu Beginn beschriebene Verknüpfung zu den SDGs deutlich.
SDGs als Themenfeld
Die 17 Nachhaltigkeitsziele mit ihren vielfachen Unterzielen decken ein sehr breites Themenspektrum aus wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Bereichen ab, zu denen Wissen aufgebaut werden kann. Damit bieten sich breite Anknüpfungspunkte für viele Fachrichtungen und Disziplinen. Das liegt daran, dass die Ziele nicht fachspezifisch sind, sondern immer verschiedene Disziplinen vereinen. Zum Beispiel hat das Ziel 2 „Kein Hunger“ Bezüge zur Medizin (Wissen über gute Nährstoffversorgung), zur Wirtschaftswissenschaft (Wissen über Handelsbedingungen), zur Geographie (Landnutzung zum Anbau), zur Biologie (Nahrungsanbau verbessern) und vielen mehr. Die UNESCO hat mit den „ESD Learning Objectives“ (UNESCO 2017) mögliche Inhaltsbereiche und Lernziele zu allen Nachhaltigkeitszielen verfasst, die eine Orientierung bieten können, auch wenn sie nicht spezifisch für den Hochschulkontext erstellt sind. Entsprechend dem oben genannten Grundsatz „knowing, acting, being“ sind diese in kognitive, verhaltensbezogene und sozio-emotionale Ziele unterteilt. Hier beispielhaft die kognitiven Lernziele für SDG 2:
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Learning objectives for SDG 2 „Zero Hunger“ |
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Cognitive learning objectives |
1. The learner knows about hunger and malnutrition and their main physical and psychological effects on human life, and about specific vulnerable groups. |
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2. The learner knows about the amount and distribution of hunger and malnutrition locally, nationally and globally, currently as well as historically. |
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3. The learner knows the main drivers and root causes for hunger at the individual, local, national and global level. |
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4. The learner knows principles of sustainable agriculture and understands the need for legal rights to have land and property as necessary conditions to promote it. |
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5. The learner understands the need for sustainable agriculture to combat hunger and malnutrition worldwide and knows about other strategies to combat hunger, malnutrition and poor diets. |
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Tabelle 2: Kognitive Lernziele für SDG 2. Quelle: UNESCO 2017, 14.
Durch die eigene Fachspezifik können sich in diesen Zielen jeweils andere Schwerpunkte ergeben. Das gilt auch für die verhaltensbezogenen Ziele, die je nach Thema stärker auf die jeweilige professionelle Handlungsebene bezogen werden können.
Grundsätzlich gehören zu den Inhalten von BNE auch der Nachhaltigkeitsbegriff an sich, ein Einblick in die Entstehungsgeschichte und den aktuellen Diskurs. Dieses größere Bild beinhaltet eine kritische Reflexion. Insbesondere die SDGs sollten kritisch betrachtet werden, sowohl was ihre Gesamtausrichtung betrifft als auch die Ausrichtung einzelner Ziele. Die SDGs bringen einige weitere normative Setzung mit, wie das Festhalten an Wachstumsparadigmen und eine anthropozentrische Sichtweise der Welt. Zudem werden in der Zusammenschau von mehreren Zielen Zielkonflikte deutlich, die ebenso diskutiert werden müssen. Beispielsweise fordert das SDG 13 Maßnahmen zum Klimaschutz, wozu unter anderem die Reduktion von Treibhausgasemissionen gehört. Zugleich fordert das SDG 8 aber Wirtschaftswachstum und das Erreichen von SDG 1 bemisst sich unter anderem an der Reduktion von extremer Armut, was vor allem durch mehr Beschäftigungsmöglichkeiten gelingen kann. Mehr Arbeitsplätze setzen unter anderem mehr wirtschaftliche Betätigung und Konsum voraus. So lange Betriebe und Produktionen nicht ohne Emissionen auskommen, was gerade in vielen Ländern, die stark von extremer Armut betroffen sind, problematisch ist, steht (notwendiges) Wirtschaftswachstum dem Klimaschutz in Teilen entgegen.
In Anbetracht der vielfältigen Anknüpfungspunkte durch die SDGs kann der Eindruck entstehen, dass „alles irgendwie Nachhaltigkeit ist“. Problematisch wird dies dann, wenn Lehrende sich darauf ausruhen, dass sie eines der SDGs einmal angesprochen haben oder wenn es allein bei der (impliziten) inhaltlichen Betrachtung bleibt.
Merke
Die Bezüge zur Nachhaltigkeit sollten bewusst gemacht und reflektiert werden und möglichst in Verbindung mit einzelnen der oben genannten übergreifenden Kompetenzen in die Lehre eingebracht werden.
Abseits der SDGs hat die EU mit dem GreenComp einen Kompetenzrahmen für die Entwicklung hin zu einer ökologischen Nachhaltigkeit veröffentlicht, der ebenso als Quelle für Themen dienen kann (Europäische Kommission 2022, 42-53).
Themen für eine nachhaltige Zukunft
Weitere Themen ergeben sich aus den oben beschriebenen Zielsetzungen von BNE und den damit zusammenhängenden Kompetenzen. So ist ein zentrales Thema von BNE die Zukunft, insbesondere Visionen von einer nachhaltigen Zukunft. Dies kann neben dem Einüben der genannten Kompetenz zur Voraussicht explizit thematisiert werden. Hier können unter anderem Fachbereiche wie Literaturwissenschaften oder Theologie ins Spiel kommen, die sich in unterschiedlichen Formen mit Zukunftsvisionen und -narrativen beschäftigen. Mit den Visionen kommt der Transformation hin zu diesen eine zentrale Bedeutung zu. So spielt ebenso die Frage eine Rolle, wie Veränderungen gelingen können. Diese kann aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Sozial- und Erziehungswissenschaften oder Psychologie können darauf eingehen, wie Veränderungen von Menschen und Gesellschaften akzeptiert und umgesetzt werden können, Geschichtswissenschaft kann dem aus historischer Perspektive nachgehen. Technische und naturwissenschaftliche Fachbereiche sind in der Lage, innovative Lösungen bspw. für die Reduktion des CO2-Ausstoßes anzubieten. Aus juristischer und politikwissenschaftlicher Perspektive können mögliche Weichenstellungen für Transformationen entwickelt werden.
Themen, die alle Bereiche in gleicher Weise ansprechen, hängen vor allem mit den beschriebenen Selbstkompetenzen zusammen. Dazu gehören das explizite Thematisieren von ethischen Fragen und die Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und Haltungen. Es können darunter Eigenschaften wie Vertrauen oder Empathie fallen oder die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und -reflexion sowie Verbundenheit zur Natur. Als Lehrende*r können Sie in Ihrer Veranstaltung beispielsweise Zeit dafür geben, dass Studierende die besprochenen Themen oder Inhalte auf sich selbst beziehen, Anschlusspunkte für sich selbst finden oder ihre eigene Sichtweise entfalten können. Dabei können Impulsfragen eine Unterstützung bieten. Diskussionen um Werte und Haltungen können durch Positionierungen angestoßen werden. Dazu können Sie Studierende auffordern, sich zu einer bestimmten Frage auf einer Skala von Zustimmung bis Ablehnung einzuordnen. Dies kann, wenn es der Raum zulässt, durch eine Aufstellung im Raum passieren. Die Studierenden können sich in kleinen vertraulichen Gruppen zu ihrer Positionierung austauschen und das in die ganze Gruppe geben, was sie mit allen teilen möchten. Gerade bei Themen rund um ökologische Nachhaltigkeit kann es sich lohnen, die Natur direkt aufzusuchen und eine Lehrveranstaltung oder Teile dieser im Freien durchzuführen. Die Bedeutung von Naturerfahrungen können Sie verdeutlichen, indem Sie diese zum Abschluss mit den Studierenden reflektieren. Noch genauer zusammengestellt sind viele dieser Aspekte in den Inner Development Goals (IDGs), die in Anlehnung an die SDGs die Notwendigkeit eines inneren Wandels beschreiben wollen und die Grundlage für eine Auseinandersetzung bieten können. Verschiedene Methoden dazu sind im IDG Toolkit zusammengestellt.
Daneben spielen Emotionen im Kontext von Nachhaltigkeit eine besondere Rolle, da das Thema mit Zukunftsängsten, Frustration, Resignation oder auch Hoffnung und Motivation besetzt sein kann. Sie können diese Gefühle beispielsweise durch kurze Einstiege und Ausstiege aus Sitzungen aufgreifen, in denen Studierende ihre aktuelle Stimmung – ganz allgemein oder auch in Bezug auf ein konkretes Thema – einordnen. Das kann z.B. durch digitale Abfragen anonym geschehen oder in kleineren Gruppen im direkten Austausch. Ein mögliches Hilfsmittel dafür ist eine Liste möglicher Gefühle. Andere Möglichkeiten sind die Einordnung auf einem Stimmungsbarometer, dem Vergleich von Gefühlen mit einer Wetterlage oder einer Auswahl an Bildern oder Fotos, die die aktuelle Stimmung beschreiben können.
Wie sieht BNE in der Lehre aus?
BNE fußt entsprechend ihrer Zielsetzungen auf bestimmten Haltungen, die in der Lehre mehr oder weniger sichtbar sein können und sie dennoch tragen. So ist BNE durch Handlungsorientierung sowie Inter- und Transdisziplinarität geprägt, setzt auf inner- und außeruniversitäre Kooperation und arbeitet innovativ und transformativ. Daneben begreift BNE die Transformation zu einer nachhaltigen Welt als Gemeinschaftsaufgabe und zeichnet sich durch gleichberechtigte Beteiligung und Partizipation, im Fall der Hochschule insbesondere von Studierenden, aus. Ebenso gehört das Wahr- und Ernstnehmen von Emotionen und die Auseinandersetzung mit Werten zu BNE dazu. Um dies umzusetzen, muss Lehre transformiert werden: Sie soll Wissen generieren statt reproduzieren, studierenden- statt lehrendenzentriert, reflexiv statt rezeptiv, kollaborativ statt im Wettbewerb, ganzheitlich statt kognitiv fixiert sein sowie verschiedene Zugänge zu Wissen und Erkenntnis anbieten (Bellina u.a. 2020, 43).
Merke
BNE zeigt sich in der Lehre nicht als einzelnes, einheitliches didaktisches Konzept. Vielmehr ist BNE an verschiedene didaktische Prinzipien und Methoden der Hochschullehre anschlussfähig.
Bei der Auswahl spielen insbesondere die beschriebenen Haltungen sowie die angestrebten Kompetenzen eine Rolle. Dies sind einige mögliche didaktische Modelle, die je zu unterschiedlichen Bereichen von BNE beitragen:
- Interdisziplinäres Lernen ist notwendig, um die verschiedenen Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung in ihrer Komplexität und systemischen Eingebundenheit fassen und bearbeiten zu können.
- Problemorientiertes Lernen fördert systemisches und strategisches Denken, die für transformative Prozesse notwendig sind.
- Projektorientiertes Lernen ermöglicht den Aufbau von Handlungs- und Kooperationskompetenzen, die für Transformationen benötigt werden.
- Challange based Learning oder Service Learning bietet den Lernenden reale Lerngelegenheiten und fördert Selbstwirksamkeitserfahrungen, die gegen Frustration helfen können.
- Praxisbezüge in der Lehre bieten die Möglichkeit, auf die konkreten zukünftigen Gestaltungsräume der Studierenden einzugehen und diese in die Lehre einzubeziehen.
- Aktives lernen fördert die Motivation und Involviertheit der Studierenden und unterstützt so die persönliche Auseinandersetzung mit den Inhalten, was gerade für die Selbstkompetenzen relevant ist.
- Exkursionen und erfahrungsbezogenes Lernen bieten einen Einblick in tatsächliche Praxisprobleme oder -lösungen und schaffen eigene Erfahrungen, zum Beispiel Naturerfahrungen. Diese können die Auseinandersetzungen mit eigenen Werten und Haltungen sowie dem Verhältnis zu Natur und anderen Menschen anregen.
- Transformatives Lernen beschäftigt sich explizit mit Veränderungen und möchte in mehreren Schritten die Transformation von inneren Haltungen oder auch gesellschaftlichen Werten thematisieren. Näheres gibt es zum Beispiel in diesem 3-Minuten-Podcast.
- Lernen für Demokratie kann geschehen, indem demokratische Aushandlungsprozesse und Diskussionskultur geübt werden oder Medienkompetenzen (wie Umgang mit Informationsfluten und Falschinformationen) aufgebaut werden. Dazu dienen klassische wissenschaftliche Kompetenzen sowie Methoden, die auf Diskussionen und Aushandlungsprozesse zielen. Einige Beispiele, die zum Teil auch für die Hochschule geeignet sind, finden sich bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Besonders die Methoden in den Bereichen Einsteigen (hier vor allem 03-06), Austauschen und Argumentieren der Methodensammlung können für die Arbeit mit Studierenden genutzt werden.
- Ethisches Lernen stellt Werte und ethische Fragen in den Fokus. Eine mögliche Methode ist, Diskussionen um diese Fragen an konkreten Dilemmasituationen zu entspinnen.
Mitzudenken ist bei einer Umgestaltung der Lehre, dass diese auch neue Prüfungsformen und Evaluationsformen braucht. Da viele der Lernformen nicht das Ergebnis oder das Wissen, sondern Kompetenzen und den Prozess in den Mittelpunkt stellen, sollten Prüfungen dies miteinbeziehen. So können Präsentationen Praxisergebnisse und die dahinterstehenden Entwicklungsschritte und Lernzuwächse verdeutlichen, Portfolios bieten die Möglichkeit, das Lernen über Prozesse reflektiv zu begleiten und die Kompetenzentwicklung zu beschreiben. Ebenso benötigt es Lehr-Lern-Settings, die auf Selbstkompetenzen, ganzheitliche Erfahrungen und Wertefragen ausgerichtet sind, sowie explizit beurteilungsfreie Räume. Sie können Transparenz und Sicherheit für die Studierenden schaffen, wenn Sie zu Beginn einer Lehrveranstaltung die Ziele und Inhalte erläutern und benennen, welche der Lernziele in welcher Form geprüft werden sollen. Wenn Sie in Ihrer Veranstaltung zum Beispiel ethische Fragestellungen zum Thema diskutieren, können sich Studierende dabei ihrer eigenen Haltung bewusst werden und diese reflektieren. Die persönliche Haltung darf in der Lehrveranstaltung thematisiert werden, wenn klar ist, dass sie nicht inhaltlicher Teil der Prüfung sein wird. In einer Prüfung kann dann die Kompetenz zum begründeten Urteilen die Prüfungsleistung sein, aber nicht die persönliche Haltung der Studierenden. Somit bietet die Lehre einen bewertungsfreien Raum zur persönlichen Entwicklung.
Darüber hinaus verändern sich damit die Rollen von Lehrenden sowie die von ihnen benötigten Kompetenzen. Der Aufbau von normativen Kompetenzen und das ethische Lernen erfordern zum Beispiel, dass Lehrende sich selbst mit ihren Haltungen und Werten auseinandersetzen. Lernen in und an konkreten Projekten, die von Studierenden umgesetzt und strategische und kollaborative Kompetenzen fördern sollen, braucht Lehrende als Begleitung und Unterstützung. Ein Fokus auf partizipative Lehre fordert Lehrende auf, einen Teil der Verantwortung für eine Veranstaltung abzugeben und Lehre als gemeinsame Aufgabe zu begreifen.
Wie können Sie BNE umsetzen?
Die Umsetzungsmöglichkeiten von BNE sind genauso vielfältig wie die Themen, Kompetenzen und Methoden, die sie ausmachen. Daher ist die Antwort auf diese Frage nicht leicht und zugleich einfach: Sich trauen, etwas Neues auszuprobieren.
BNE heißt: Trauen Sie sich Neues
BNE setzt bei vielem an, was es in der Hochschullehre schon gibt: Wissenschaftlichkeit, kritisches und strukturiertes Denken, eine Vielfalt an Fächern und Inhalten. Diese Grundlagen können mit weiteren neuen Aspekten ergänzt werden. Die Aussage „ganz oder gar nicht“ ist an dieser Stelle jedoch fehl am Platz. Nicht jede Lehrveranstaltung muss konkrete Praxisprojekte bearbeiten und dabei zugleich Diskussionen und Selbstreflexionen beinhalten. Jede Veranstaltung kann an BNE ihren Anteil haben. Um dies zu verdeutlichen, kann die Kategorisierung der DG hochN in die Bereiche Verstehen, Verändern und Handeln herangezogen werden:
- Verstehen: „‚Grand Challenges‘ erkennen und sich systematisch damit auseinandersetzen können“
- Verändern: „Mensch-Natur-Verhältnisse neu denken und Wege zur Problemlösung entwickeln können“
- Handeln: „Verantwortung übernehmen und sich aktiv an gesellschaftlicher Transformation beteiligen können“ (DG hochN 20.08.2024)
Während sich zum Beispiel für Verstehen das Format einer Vorlesung gut eignen kann, ist dies beim Handeln weniger der Fall, da dieses mehr auf Eigenaktivität und Kooperation baut. Da ohne das Verstehen kein Handeln möglich wird, haben alle Formen ihre Berechtigung, wobei Lerngelegenheiten mit vielen Interaktionsmöglichkeiten und unterschiedlichen Zugängen zu Wissen, wie kleinere Seminare oder Blended Learning-Formate, die Möglichkeit bieten, alle drei Kategorien abzudecken, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen. Die Wahl eines Schwerpunkts aus den Kategorien Verstehen, Verändern, Handeln kann Ihnen bei der Gestaltung der Lehre eine Orientierung bieten. In gleicher Weise müssen Sie aus der Fülle der oben beispielhaft benannten Prinzipien und Methoden auswählen, was für Ihre konkrete Lehrveranstaltung relevant ist. Für diese Auswahl kann eine Fokussierung auf das Verstehen, Verändern oder Handeln eine Hilfe sein. So kann zum Beispiel interdisziplinäres Lernen in allen drei Kategorien umgesetzt werden, projektorientiertes Lernen hingegen hat einen deutlichen Schwerpunkt im Handeln und braucht daher ein Lernformat, das dieses auch ermöglicht.
Als Orientierung, die bei der Umgestaltung einer eigenen Lehrveranstaltung hin zu BNE unterstützen kann, hat die DG hochN einen morphologischen Kasten entwickelt (s. Abb. 2).
Abbildung 2: Morphologischer Kasten. Quelle: Bellina u.a. 2020, 63.
Diesen können Sie als Lehrende*r zunächst nutzen, um Ihre eigene Veranstaltung anhand der Kategorien zu analysieren. Die Bereiche sind weder als trennscharf noch als vollständig gedacht. Sie sollen eine Orientierung und Anregung bieten. Danach können Sie reflektieren:
- An welchen Stellen können Sie etwas ändern?
- An welchen Stellen ist es sinnvoll, etwas zu ändern?
- An welchen Stellen möchten Sie etwas verändern?
- Wo können Sie Neues wagen?
So kann eine Grundlagenveranstaltung zu Beginn des Bachelors mit vielen Studierenden vielleicht kein Seminar werden, aber das Themenspektrum so verändert werden, dass (weitere) Nachhaltigkeitsthemen vorkommen oder das Lehr-Lernformat kann variiert werden, sodass weitere Lehrende andere Perspektiven einbringen oder Studierende als studentische Lehrende partizipieren können. Vielleicht können Sie Ihren Studierenden in der Vorlesung auch Zeit und ein Impuls für eine persönliche Reflexion geben.
Für eine neue oder gestaltungsoffene Lehrveranstaltung kann der morphologische Kasten ebenso genutzt werden. Hier können zu Beginn Fragen nach der Zielsetzung stehen: Soll es in der Veranstaltung vor allem um Verstehen, Verändern oder Handeln gehen? Welche der Kompetenzen können angesprochen werden? Davon ausgehend können Sie den morphologischen Kasten für eine erste Orientierung durcharbeiten. Dazu können Überlegungen kommen, wie weitere Aspekte wie Partizipation eine Rolle spielen können.
Lehrende erzählen: So setzen Sie BNE um
Lehrende der RUB aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen erzählen in kurzen Statements, wie Sie Nachhaltigkeit in Ihre Lehre einbringen. Lassen Sie sich von den Beispielen inspirieren.
Zehn Fragen für BNE in Ihrer Lehre
Als Hilfe für diese Überlegungen finden Sie hier einige Fragen, die Sie bei der Integration von BNE in die Lehre unterstützen können:
- Welchen Bereich von BNE möchten Sie in den Fokus stellen? Soll es vor allem um Verstehen gehen, sollen Veränderungen erarbeitet werden oder soll konkret gehandelt werden? Hier sind auch Überschneidungen möglich, vermutlich werden nicht alle drei Bereiche (Verstehen, Verändern, Handeln) gleiche Bedeutung haben.
- Welche übergreifenden Kompetenzen möchte Sie fördern? Sollen zum Beispiel strategische Kompetenzen im Fokus stehen, die auf konkrete Umsetzungen zielen, sollen Ihre Studierenden die kritische Reflexion von Inhalten einüben oder möchten Sie die normative Kompetenz schulen? Sie können auf mehrere Kompetenzen Bezug nehmen.
- Welche Anschlüsse gibt es an Ihr Fach? Bieten sich direkt Themen an, die mit ökologischer, ökonomischer oder sozialer Nachhaltigkeit verbunden sind oder können Sie möglicherweise das Thema eines SDGs als Beispiel für Ihre Themen nutzen? Vielleicht können Sie Ihr eigenes Fach nutzen, um einen neuen Blick auf ein Nachhaltigkeitsthema zu bekommen oder ein umfassendes Thema wie Zukunftsvisionen zu thematisieren.
- Welche Inhalte möchten Sie aufgreifen? Gibt es Inhalte, die sich aus Ihren Fachbezügen ergeben oder sollen bewusst fachfremde Inhalte aus neuer Perspektive betrachtet werden? Möglicherweise bieten sich interdisziplinäre Themen bzw. Betrachtungsweisen an.
- Welche Lernformate oder Methoden unterstützen Ihre Ziele? Je nach Antwort auf die ersten Fragen können unterschiedliche Wege zum Ziel führen. Wenn es um eine einzelne Sitzung Ihrer Lehrveranstaltung geht, ist die Auswahl u.a. durch die gegebenen Rahmenbedingungen beschränkt. Projektorientierte Lehre kann nicht in einer einzigen Sitzung umgesetzt werden, demokratiebildende Methoden (s. vorherige Seite.: Lernen für Demokratie) hingegen schon.
- Wo wagen Sie Veränderung in Ihrer Lehre? Wenn nach Ihren Antworten auf die letzten Fragen eine für Sie altbekannte Lehrveranstaltung entstanden ist, können Sie nochmal zurückgehen und einen einzelnen Aspekt verändern. So können Sie Neues probieren oder erfahren, ohne alles verändern zu müssen.
- Wie können Sie die Partizipation von Studierenden fördern? An welchen Stellen können sich Studierende mit ihren Themen und Ideen in Ihre Lehre einbringen? Gibt es ggf. freie Slots für studentische Themen oder werden Studierende zu Akteur*innen ihrer eigenen Projekte?
- Welchen Raum können Sie für den Umgang mit Emotionen und Selbstreflexion bieten? Sie können Studierenden die Gelegenheit zum vertraulichen Austausch untereinander geben oder sie mit Reflexionsfragen anregen, auf ihre eigene Entwicklung zu schauen. Beides kann in einem bewertungsfreien Raum geschehen. So können Sie durch die Kommunikation über Gefühle die Berechtigung von Emotionen verdeutlichen.
- Welche Ressourcen können Sie nutzen? Gibt es schon verfügbares Material zu den gewählten Themen (z.B. als OER) oder mögliche Lehrmethoden zur Inspiration? Gibt es Möglichkeiten, um Unterstützung erhalten? Unten finden Sie eine Sammlung mit einigen Tipps. Vielleicht hilft auch der Austausch mit Kolleg*innen oder ein Beispiel der RUB (s.u.) weiter.
- Wie können Sie Ihr Beispiel weitergeben? Zu Nachhaltigkeit in der Bildung gehört es auch, Dinge weiter zu nutzen und Bildungsinhalte frei verfügbar zu machen. Können Sie das erstellte Material ggf. (teilweise) als OER verfügbar machen oder mit Kolleg*innen teilen?
Angebote, Tipps und Tools für BNE in der Hochschullehre
Es gibt vielfältige Quellen und Angebote rund um Nachhaltigkeit und BNE in der Hochschullehre. Hier eine Auswahl von möglichen Ressourcen:
- Virtuelle Akademie Nachhaltigkeit: Onlinekurse zu unterschiedlichen Themen rund um Nachhaltigkeit, aus denen auch einzelne Teile genutzt werden können.
- SDG Academy (englisch): Onlinekurse zu verschiedensten Bereichen nach SDGs sortiert. In der zugehörigen Online-Bibliothek sind auch viele Einzelmedien verfügbar.
- SDG Campus: wachsendes Online-Angebot zu unterschiedlichen Nachhaltigkeitszielen.
- Hamburg Open Online University: digitale Lernangebote u.a. rund um Nachhaltigkeit und mit zum Teil sehr spezifischen Nachhaltigkeitsthemen.
- BNE-Portal: Sammlung von BNE-Materialien für die Hochschule.
- Sustainicum collection: Sammlung von Lehrmaterial und -methoden für die Hochschule.
- Ed (englisch): Sammlung von OER-Material zu den SDGs der Universität Edinburgh.
- BNE-OER: offenes Bildungsmaterial für die Lehramtsausbildung.
- Transformative Teaching Toolbox: Methodensammlung für transformatives Lernen der Uni Wuppertal.
- Future Skills Journey: Onlinekurse und Material zum Erwerb von Future-Skills.
- IDG Toolkit (englisch): Methoden zur Arbeit mit den Inner Development Goals.
- Xtopien: Ideen zur Gestaltung von Zukunftsvisionen.
- BNE hoch3: Selbstlernkurs für Lehrende, die BNE in der Lehre umsetzen möchten.
- Beispielsammlung innovative Lehrformate (DG hochN): einzelne Materialien und Methoden bis hin zu großen Lehrkonzepten.
- Informationen zu den SDGs und ihren aktuellen Entwicklungen:
- SGDs allgemein
- Deutschlands Stand beim Erreichen der SDGs
- Weltweiter Stand beim Erreichen der SDGs im UN-Datenportal
- Halbzeitbericht zur Agenda 2030
- Einzelne Tools:
- EnRoads: Simulation zum Ausprobieren, wie unterschiedliche Faktoren in ihrem Zusammenspiel auf den Klimawandel einwirken.
- Planet N: Spielerische Szenarien zu nachhaltigkeitsbezogenen Dilemmasituationen.
- Worldview Upgrader (englisch): Verschiedene Quizze, die die eigenen Konzepte zu verschiedenen Nachhaltigkeitsthemen in Frage stellen.
- Energiewende-o-mat: Tool zur Auseinandersetzung mit eigenen Handlungsoptionen.
- Angebote an der RUB:
- Planspiel Sustain 2030: Im Rahmen eines Planspiels können die Teilnehmenden die komplexen Zusammenhänge der 17 SDGs und der politischen Umsetzung von Maßnahmen zum Erreichen der Ziele erfahren. Dank einer Campus-Lizenz steht das Spiel allen Mitgliedern der RUB kostenfrei zur Verfügung. Alle Informationen und Unterstützung beim Einsatz bietet das Nachhaltigkeitsbüro.
- Das Klimapuzzle (Climate Fresk): Das Workshopformat Klimapuzzle bietet eine kompakte Möglichkeit, die Hintergründe des Klimawandels und seiner Folgen zu verstehen und eigene sowie institutionelle Handlungsmöglichkeiten zu reflektieren. Die Mitarbeitenden des Nachhaltigkeitsbüros sind ausgebildete Workshopleiter*innen und unterstützen gerne bei der Umsetzung.
- Die Klima-Waage: Die Klima-Waage ist ein untersützendes Tool, um die Klimawirkung von alltäglichen Handlungen besser zu verstehen und positive Beiträge zum Klimaschutz zu verdeutlichen. Das Material kann im Nachhaltigkeitsbüro ausgeliehen werden.
- Spiele zu Nachhaltigkeit: Studierende der RUB haben in einem Seminar Spiele zu Nachhaltigkeit entwickelt. Auch das Nachhaltigkeitsbüro der RUB hat einige Spiele vor Ort, die ggf. in der Lehre genutzt werden können.
Abblidung 2: Ein Entscheidungsbaum zeigt verschiedene Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit für Studierende und Lehrende der RUB. Quelle: eigene Darstellung.
BNE in das Studium bringen
Es ist deutlich geworden, dass eine einzelne Lehrveranstaltung nur einen kleinen Teil zu den Zielen von BNE beitragen kann. Um diesen in der Hochschulbildung wirklich näher zu kommen, muss BNE in einen gesamten Studiengang implementiert und curricular verankert sein. So können alle unterschiedlichen Veranstaltungsarten und -ausrichtungen ihren Beitrag leisten, um Studierenden die Entwicklung von BNE-Kompetenzen zu ermöglichen. Dies macht einen gemeinsamen Prozess zur Weiterentwicklung der Lehre eines Studiengangs notwendig und auch Absprachen zu den einzelnen Lehrveranstaltungen und was diese leisten sollen. Zugleich kann es eine Entlastung sein, wenn deutlich wird, was jede Veranstaltung (nicht) leisten muss. Die DG hochN gibt in ihrem Wiki einige Hinweise, wie so eine Entwicklung begonnen werden kann.
BNE ist allerdings noch größer gedacht als einzelne Studiengänge oder Fachbereiche, denn ein zentraler didaktischer Aspekt von Hochschul-BNE ist der Whole Institution Approach. Dieser beschreibt, dass Nachhaltigkeit nicht einzeln betrachtet werden darf, sondern immer über alle Bereiche Institution hinweg vernetzt. Es soll gelebt werden, was gelehrt wird und das Umfeld soll als Lernfeld für Nachhaltigkeit und Ort der Transformation dienen. Dabei geht es an Universitäten neben der Lehre sowohl um den Betrieb, die Verwaltung und die Forschung. Es soll auf eine „zunehmende Konsistenz zwischen propagierten Werten nachhaltiger Entwicklung und entsprechendem Handeln auf verschiedenen Systemebenen“ (Schmitt/ Stecker 2019, 6) hingewirkt werden.
Die institutionelle Verantwortung bedeutet nicht, dass ohne die umgreifenden Überlegungen gar nicht erst mit BNE angefangen werden muss.
Merke
Jeder kleine Schritt in einer Lehrveranstaltung trägt zum Weg zu mehr Nachhaltigkeit in der Lehre bei.
Welche Beispiele gibt es für BNE an der RUB?
An der RUB gibt es schon einige Lehrveranstaltungen, die BNE umsetzen. Eine Auswahl, die als Inspiration dienen kann, findet sich in den Lehrmustern der RUB. Eine weitere Sammlung findet sich in den Präsentationen der Nachhaltigkeitswoche 2023. BNE spielt auch eine zentrale Rolle im Leitbild Lehre der RUB.
Hier ein paar weitere Veranstaltungen und Projekte rund um BNE und Nachhaltigkeit in der Lehre:
- Die BNE-Tutor*innen: Im Rahmen eines Moduls im Optionalbereich werden Studierende zu BNE-Tutor*innen ausgebildet und unterstützen Lehrende ein Semester lang bei der Umsetzung von BNE in einer konkreten Lehrveranstaltung. Das gesamte Lehr-Lern-Konzept ist auf einer Seite des Stifterverbandes abrufbar, zudem gibt es einen Kurzipnut zum Projekt im Videoformat.
- Die SDG-Interviewreihe: Lehrende der RUB aus unterschiedlichen Disziplinen erklären in kurzen Gesprächen die Bedeutung eines Nachhaltigkeitsziels allgemein und konkret für uns an der RUB und im Ruhrgebiet.
- Das Nachhaltigkeitszertifikat: Studierende haben die Möglichkeit, ein Nachhaltigkeitszertifikat zu erhalten, wenn sie Veranstaltungen mit expliziten Nachhaltigkeitsbezügen belegen. Viele der dafür anrechenbaren Veranstaltungen sind auf der Homepage des Zertifikats sichtbar, sodass Sie dort Inspirationen finden können.
- Die Ringvorlesung „Klimawandel und Nachhaltigkeit“: Die Ringvorlesung wird jedes Semester angeboten und ist unter anderem Teil des Nachhaltigkeitszertifikats. Sie bietet jedes Semester unterschiedliche Themen und ist für alle Interessierten offen.
- Die Living Labs: Im Rahmen von Abschlussarbeiten bearbeiten Studierende echte Probleme rund um Nachhaltigkeit, die aus der Verwaltung der RUB oder von Parter*innen aus der Region stammen. Das Nachhaltigkeitsbüro vermittelt die Angebote an betreuende Lehrstühle.
- Das Projekt BNE@RUB: Das Projekt von ZfW, Optionalbereich und PSE bietet Angebote und Unterstützung für Lehrende und Studierende der RUB rund um BNE in der Hochschullehre.
- Die interdisziplinären RUB Schools: Eine gute Möglichkeit, die Interdisziplinarität von BNE umzusetzen bietet die Förderung für summer oder winter schools. Auf der Homepage finden sich einige Beispiele für Lehrangebote, u.a. aus dem Bereich Nachhaltigkeit.
- Die studentischen Initiativprojekte: Die Würdigung des Engagements von Studierenden sowie Partizipation werden mit den studentischen Initiativprojekten vorangetrieben. Sie bieten die Möglichkeit für studentische Lehre.
- Das Projekt Re-thinking Education: Gemeinsam mit der PSE bringt die Initiative Kreidestaub e.V. BNE ganz praktisch in die Lehramtsausbildung und in die Schule, indem gemeinsam Lerneinheiten geplant und durchgeführt werden.
- Der Studigarten: Studierende betreiben als eigener Verein einen Gemüsegarten am Campus und bieten in diesem in jedem Sommersemester auch ein Seminar zum studentischen Gärtnern an.
Wie können Sie sich zu BNE vernetzen?
Inzwischen gibt es viele Aktive in den Bereichen Nachhaltigkeit und BNE an Hochschulen. Wenn Sie sich zu diesen Themen vernetzen möchten oder sich über aktuelle Informationen oder Veranstaltungshinweise freuen, dann sind vielleicht einige dieser Netzwerke für Sie interessant.
Die schon oft angesprochene DG hochN ist ein deutschlandweites Hochschulnetzwerk, das vielfältige Informations- und Austauschmöglichkeiten bietet. In ihrem Wiki finden Sie Informationen zu unterschiedlichen Themen in Bezug auf Nachhaltigkeit an Hochschulen. Darin befindet sich unter anderem ein empfehlenswerter Leitfaden für die Lehre. Zudem gibt es diverse Hubs, die zum digitalen Austausch oder Treffen vor Ort einladen. Für die Lehre ist der Hub „Innovative Lehrformate für BNE“ besonders interessant.
In NRW vernetzt Humboldt hochN die Universitäten in Bezug auf Nachhaltigkeit. Sie bieten insbesondere Förderungsmöglichkeiten, eine Ringvorlesung, Angebote für Nachwuchswissenschaftler*innen und eine Karte mit den Nachhaltigkeitsprojekten der NRW-Universitäten. Ergänzend gibt es in NRW das Netzwerk BNE in der Lehrkräftebildung, in dem sich Lehrende von Universitäten im Bereich der Lehrkräfteausbildung untereinander und mit weiteren Akteur*innen vernetzen können.
Insbesondere Studierende können im Netzwerk N eine Heimat zu allen Themen rund um Nachhaltigkeit finden. Es hat zahlreiche Angebote, die ggf. auch Kooperationen mit Lehrenden eröffnen können. In jedem Fall lohnt es sich, interessierte Studierende darauf aufmerksam zu machen. Zudem bietet Netzwerk N eine große Sammlung an Best-Practice-Beispielen für das Einbringen von Nachhaltigkeit in Hochschule und Lehre.
Als offenes Angebot findet einmal im Jahr die Public Climate School statt. Während einer Woche gibt es deutschlandweit digitale und lokale Vorträge und Veranstaltungen zu Klimawandel und Nachhaltigkeit, die auch in der Lehre genutzt werden können oder aus Aufhänger für die eigene Lehrveranstaltung in der Woche dienen können.
An der RUB ist das Nachhaltigkeitsbüro die Ansprechstelle rund um Nachhaltigkeit, die sowohl Informationen zur Nachhaltigkeit an der RUB liefert als auch Aktivitäten anbietet. Um am Prozess zur nachhaltigen Gestaltung der RUB mitzuwirken, gibt es die Denkfabrik Nachhaltigkeit, in der es auch eine AG Lehre gibt, die ebenfalls gute Vernetzungsmöglichkeiten bietet.
Literatur
Bellina, Leonie; Tegeler, Merle Katrin; Müller-Christ, Georg; Potthast, Thomas (2020): Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) in der Hochschullehre. BMBF-Projekt „Nachhaltigkeit an Hochschulen: entwickeln – vernetzen – berichten (HOCHN)“, Bremen; Tübingen.
DG hochN: Leitfaden Lehre. Portal 1: Kernelemente der Hochschul-BNE (zuletzt abgerufen am 20.08.2024).
Europäische Kommission, Gemeinsame Forschungsstelle (2022): GreenComp – der Europäische Kompetenzrahmen für Nachhaltigkeit. Luxemburg: Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union.
Nationale Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung (2017): Nationaler Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung. Der deutsche Beitrag zum UNESCO-Weltaktionsprogramm, Berlin.
Schmitt, Claudia; Stecker, Christine: Nachhaltige Entwicklung im Wissenschaftssystem: Perspektiven aus dem HOCHN -Verbund. Entwurf Stand: 30.8.2019 (zuletzt abgerufen am 22.04.2024).
UN Generalversammlung (2015): Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, U.N. GAOR, 70th Sess., Supp. No. 15+16, U.N. Doc. A /RES/70/1.
UNESCO (2017): Education for Sustainable Development Goals. Learning objectives, Paris: United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization
UNESCO (2020): Education for sustainable development. A roadmap. Paris: United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization
UNESCO (2021): Bildung für nachhaltige Entwicklung. Eine Roadmap. Bonn: Deutsche UNESCO-Kommission e.V.