Comics in der Lehre

Wissenschaftskommunikation als Lernziel mittels Science Comics

Thesen

  • Wissenschaftskommunikation (Science Communication) ist eine Kunst, die erlernbar ist. Comics eignen sich dafür bestens (Bertemes, Haan & Hans 2024).
  • Bei Comics handelt es sich um Sequenzen einzelner Bilder und anderer Zeichen, die Informationen vermitteln, und üblicherweise in einem Seitenlayout angeordnet sind, in dem Text in Sprech- und Denkblasen, Boxen und als Onomatopoesie (Soundwords) erscheint (Jüngst 2010).
  • Das Genre Sachcomic – im Folgenden wird der spezifischere Terminus Science Comic verwendet – zielt auf drei wesentliche Funktionen ab: Informieren, Anleiten, Werte vermitteln (Hangartner 2016).
  • Durch die eigene Gestaltung von Science Comics lernen Studierende Science Communication von der Pike auf (Robin, Leblanc & Dumais 2021).
  • Mit der Cut-Out-Technik erzielen Newcomer, auch ohne Zeichen-Skills, gute Ergebnisse. Beim Cut-Out werden Formen aus Fotokarton zu Flachfiguren, Objekten und Hintergründen auf einer Fläche arrangiert, abfotografiert und die Bilder digital nachbearbeitet, d. h. um Texte ergänzt und sequenziell angeordnet (Prechtl 2021). Mit der Cut-Out-Technik lassen sich Comicfiguren, die Menschen in Forschung und Industrie repräsentieren sollen, diversitätssensibel darstellen (Legscha, Ibraj & Prechtl 2024).

 

Intro – Worum geht´s?

Der Beitrag handelt von Science Comics in der Lehre – genau genommen: von der Planung, eigenen Gestaltung und Bewertung von Science Comics durch Studierende. Er stellt ein erprobtes Lernsetting vor, in dem Studierende grundlegende Fertigkeiten, die auf Science Communication abzielen, trainieren. Das Lernsetting ist für Studierende des Lehramts ebenso geeignet wie für Fachstudierende, die sich mit Public Relations und Outreachprojekten auseinandersetzen. Im Mittelpunkt steht die Cut-Out-Technik: Flachfiguren und Objekte aus Fotokarton werden auf eine Fläche gelegt, abfotografiert und digital nachbearbeitet, d. h. um Texte ergänzt und schließlich in ein Comicraster eingepasst (Prechtl 2021). Mit dieser Technik erzielen Newcomer*innen, auch ohne Zeichen-Skills, überzeugende Ergebnisse. Zudem gestattet sie, Comicfiguren, die Menschen in Forschung und Industrie repräsentieren sollen, diversitätssensibel darzustellen. Die Cut-Out-Technik ließe sich in einer langen Textpassage abhandeln, doch es geht, im Sinne des Sprichworts Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, auch kürzer: Bitte rufen Sie das Tutorial auf! Wenn Sie danach diesen Beitrag weiterlesen, sind Sie bereits im Bilde.

Abbildung 1: Feinmotorik – Studierende nutzen die Cut-Out-Technik (Bild: L. Schan).

Abbildung 2: Den Motor zum Laufen bringen – Einzelbild des Comics (Bild: L. Schan).

Zielgruppe

Sollten Sie nach dem Lesen der Einleitung und des Tutorials den Eindruck gewonnen haben, dass das Unterfangen zeitintensiv ist, liegen Sie richtig. Mit einer einzelnen Seminarsitzung ist es nicht getan. Für das Lernsetting, dass im Beitrag vorgestellt wird, werden Sie und die Studierenden circa 24 Stunden (50–60 % in Präsenz, zudem Selbststudium) aufwenden müssen. Erscheint Ihnen dieser Zeitaufwand zu hoch, dürften Ihnen andere Methoden bessere Unterstützung bieten können. An der TU Darmstadt wird das Lernsetting, bezogen auf den Stand der Publikation dieses Beitrags, seit sieben Jahren in einem laborpraktischen Seminar (5 SWS) umgesetzt, das zu einer Hälfte klassisch-experimentell und zur anderen Hälfte auf Science-Comic-Gestaltung ausgerichtet ist.

Dieser Beitrag richtet sich an Dozierende, die...

  • sich Raum und Zeit nehmen können, mit Studierenden unkonventionelle Wege in der Lehre zu beschreiten.
  • den Standpunkt vertreten dürfen, dass komplexe Aufgaben der Lehre guttun, weil sie Studierende vielschichtig herausfordern – angefangen beim Recherchieren und Planen, über das gemeinsame Gestalten, Reflektieren und Optimieren, bis hin zum Bewerten sowie Publizieren und Implementieren der Produkte in Public-Relations-Settings.
  • die Kunst der Science Communication via Comics vermitteln möchten, weil Vieles dafürspricht (vgl. Bertemes, Haan & Hans 2024, Robin, Leblanc & Dumais 2021).
  • auf die Gestaltung eines finalen Produktes setzen möchten, dessen Erstellung zwar durch KI unterstützt, aber nicht gänzlich mit KI vollzogen werden kann.

Die mit dem Lernsetting verknüpften Lernziele, u.a. Sachwissen, Visual Literacy, Medien Handling, Social Skills, und Zeiterfordernis werden im Kapitel Lernziel-Resümee detailliert angeführt. Wir starten mit dem Inhaltsaspekt.

Basic Facts

Comics – seriously? Noch vor Jahrzehnten führte die Nähe der Begriffe Comic und Komik im Bildungswesen zu Ressentiments gegenüber Comics. Diese Zeiten sind vorbei. Sollten Sie demnächst in einen Buchladen gehen und in der Comicabteilung stöbern, werden Sie sich bewegende Geschichten erschließen können, über…

  • die Adoption einer peruanischen Waise (Die Adoption, Drousie & Monin 2017),
  • die kindliche Flucht in die Traumwelt (Geschichten vom Land, Lemire 2010),
  • den faustischen Pakt eines Bildhauers (The Sculptor, McCloud 2015),
  • die Sterbepflege des geliebten Haustiers (Träume von Glück, Taniguchi 2008),
  • den Justizskandal um einen Serienmörder (Haarmann, Meter & Kreitz 2010),
  • die Liebe zweier Sklaven im Lichte der Religionen (Habibi, Thompson 2011),
  • den Widerstand im nicaraguanischen Bürgerkrieg (Muchacho, Lepage 2008),
  • den ersten Libanonkrieg (Waltz with Bashir, Folman & Polonsky 2009) oder
  • den Holocaust (Maus, Spiegelman 2003).

Wie Sie an den Themen sehen konnten, sind Comics nicht per se komisch. Sie lassen sich nicht darüber definieren, welche Emotionen sie bei Menschen auslösen. Aber wenn Comics nicht komisch, kindlich oder simpel sind, was charakterisiert sie dann?

 

Was ist ein Comic?

Mit Comics lassen sich ernsthafte, tiefgründige gesellschaftsrelevante und wissenschaftsbezogene Themen visualisieren. Das macht sie zu einem idealen Werkzeug für Science Communication (Bertemes, Haan & Hans 2024, Farinella 2018, Tribull 2018, Friesen 2018). Comics definieren zu wollen, ist herausfordernd (McCloud 2001, Packard 2016). Zum einen ist das Repertoire an Comics riesig, zum anderen entwickelt sich die Kunstform stetig weiter. An der Auseinandersetzung mit Ambivalenzen geht kein Weg vorbei. Charakterisieren wir Comics anhand des Nach- und Nebeneinanders der Bilder, träfe dies auch auf viele Kirchenfenster zu. Erscheint uns die Kombination von Schrift und Bild wesentlich, fallen Stummcomics aus dem Raster. Für die Lehre eignet sich eine Begriffsbestimmung, die sich an der Grundform des Comics, die gemeinhin als typisch aufgefasst werden dürfte, orientiert (Jüngst 2010, 14, McCloud 2001, 17):

Bei Comics handelt es sich um Sequenzen von Einzelbildern (Panel) und anderen Zeichen, die Informationen vermitteln, und üblicherweise in einem Seitenlayout angeordnet sind, in welchem Text in Sprech- und Denkblasen, Boxen und als Onomatopoesie (Soundwords) erscheint.

Selbstverständlich gibt es auch Comics (Graphic Novels, Webcomics, Mangas etc.), auf die nicht alle diese Kriterien zutreffen.

 

Was ist ein Science Comic?

Der Terminus Science Comic wird im Zusammenhang mit Science Communication verwendet (Bertemes, Haan & Hans 2024). Andere Bezeichnungen sind Educational Comics, Non-fictional Comics, Fact-based Comics, Information Comics und Sachcomics (Hangartner 2016). Im deutschsprachigen Raum ist Sachcomic als Begriff gängig. Zu diesem Genre zählt Eisner (1985) Technical und Attitudinal Instruction Comics. Technical Instruction Comics bieten schrittweise Anleitungen. Ein thematisches Beispiel wäre die exakte Darstellung der Prozessschritte Ausbauen, Schreddern, in Säure lösen, Neutralisieren, Extrahieren etc. bei der Gewinnung von Edelmetallen aus verschrotteten Prozessoren. Dies kommt Erklärvideos auf YouTube nahe. Attitudinal Instruction Comics vermitteln vorrangig eine Einstellung zu einem Thema. Ein Beispiel wäre die Empfehlung, alte Elektrogeräte beim Wertstoffhof abzugeben, um wertvolle Metalle dem Recycling zuführen zu können. Jüngst (2010) ergänzt beide Typen um Fact Comics, die weder anleiten noch persuasiv wirken möchten, sondern schlichtweg Fakten vermitteln. Um im Bild zu bleiben: Eine Comicfigur, Mitarbeiterin eines Wertstoffhofs, informiert über den Goldgehalt in Prozessoren im Kontext nachhaltiger Entwicklung.

Ein Resümee für Sie: Bei Science Comics handelt es sich um ein spezifisches Comicgenre, das auf drei wesentliche Funktionen abzielt: Informieren, Anleiten, Werte vermitteln.

 

Bildende Comics und Bildung durch Comics?

Der zuvor angeführte Terminus Educational Comic ist kritisch zu sehen. Nur weil Autor*innen sich wünschen, dass sie mit ihren Comics Bildung anstoßen, heißt das noch nicht, dass Resultate aufseiten der Zielgruppe eintreten müssen. Andersherum betrachtet, ist im Grunde jeder Comic lehrreich, wenn er bei Leser*innen Verständnis für Inhalte oder Werte hervorruft. Comics sind kein Universalmittel und doch entfalten sich ihre Potenziale in spezifischen Lernsettings ideal (z. B. Jaffe & Hurwich 2019, Sinha, Patel, Kim, MacCorkle & Watkins 2011, Bitz 2010, Green & Myers 2010, Griffith 2010, Schüwer 2005, Rota & Izquierdo 2003). Lernende, die ihre eigenen fachspezifischen Fähigkeiten gering einschätzen, scheinen davon besonders zu profitieren. Sie beschäftigen sich intensiver mit einem Thema, wenn dieses nicht als Aufsatz, sondern als Comic dargeboten wird (Spiegel 2013).

 

Ein gemeinsamer Blick auf Wissenschaft und Comic

Sie werden es bemerkt haben: Alle Beispiele stammen aus der Chemie. Natürlich können Science Comics auch in anderen Fächern in die Lehre integriert werden. Der Markt bietet hierzu mittlerweile einiges, und mein Fokus als Chemiedidaktiker liegt auf einer Betrachtung meines Fachs. Als Beispiele zu erwähnen sind u.a. der Manga Guide to Biochemistry (Takemura, Kikuyaro & Sawa 2011), die Dynamic World of Chemical Reaction (Biskup, Martin & Schulz 2011), und vieles mehr. Manche Visualisierungsformen der sequenziellen Kunst sind denen, die Chemie-Fachleute in ihren Publikationen nutzen, ähnlich. Auf solche Gemeinsamkeit hinzuweisen, ist nicht neu. In den Neunzigerjahren befasste sich der Nobelpreisträger Hoffmann mit Verwandtschaften zwischen Darstellungen im Comic und in der Chemie sowie mit den darauf bezogenen Rezeptionen (Hoffmann & Laszlo 1991). Leser*innen, die die Freiräume (Gutter) zwischen den Panels des Comics imaginativ überbrücken, agieren wie Chemie-Fachleute, die Reaktionsmechanismen deuten: im Kopf ergänzen sie Zwischenschritte, Dreidimensionalität und Dynamik. Weitere Gemeinsamkeiten können Sie sich beim parallelen Lesen von McClouds Buch Comic richtig lesen (2001) und Rheinbergers Aufsatz über Visualisierungen in den Naturwissenschaften (2009) erschließen:

  • Kompression und Dilatation von Raum und Zeit: Sind Objekte oder Phänomene zu klein, werden sie vergrößert, sind sie zu groß, verkleinert. Was für unsere Sinne zu schnell ist, wird ausgebremst, was zu langsam ist, wird beschleunigt.
  • Verstärkung und Schematisierung: Mit Codes wie Kontur, Proportion, Hinweispfeil oder Symbolfarbe wird die Typik eines Objektes herausgearbeitet. Exemplarisch sei auf Kontraste verwiesen, die Details und Strukturen wahrnehmbar machen (in der Biochemie: Fluoreszenzmarkierung, im Comic: Strichstärken beim Inking).

Bedenken Sie auch: Manch chemiebezogenes Symbol wird mit Alltagsgegenständen assoziiert. Fullerene sehen aus wie Fußbälle und Chaperone erinnern an einen Topf mit Deckel. „Die Welt der Moleküle gewinnt durch diese konnotative Integration den Charakter einer miniaturisierten Alltagswelt“ (Schummer 1995). Das nennt man Transmediation.

 

Ein Trip durch die Chemie? – Über die Vorzüge des Storytellings

Der chemiehistorische Comic Bicycle Day (Blomerth 2019) spitzt die Ereignisse des 19. April 1943 zu, nachdem Albert Hofmann, im Selbstexperiment, eine hohe Dosis der neu synthetisierten Substanz Lysergsäurediethylamid (LSD) zu sich genommen hatte. Im Technicolor-Comix-Stil umgesetzt, bietet er alles, was Chemie ausmacht: opulente Versuchsapparaturen und Laborkabinetts, Fachsprache und Symbolik, Kooperationen und Dispute – sowie Ekstase. In reicher Bildsprache lässt der Comic Menschen am situativen Erleben des Chemikers teilhaben und regt die Imagination aller an, die noch nie LSD synthetisiert und keine Vorerfahrung mit Drogen gemacht haben. (Visuelles) Storytelling erlaubt Begegnungen mit Menschen an fremden Orten in der Vergangenheit oder Zukunft, den Blick über deren Schulter auf Handgriffe und Karten, das Einfühlen in Konflikte etc. (Prechtl & Legscha 2022, Kellermann 2018). Alles fängt mit der Narration an. Sie wird als Storyboard eingerichtet. Mit diesem wird die visuelle Umsetzung des Comics realisiert. Beginnen wir mit den Comicfiguren.

Planen: Comicfiguren

In der Planungsphase des Comics wird ein Storyboard erstellt. Spätestens jetzt sollten Sie Ihren Erwartungshorizont festgelegt haben. Denn Sie sollten den Studierenden alle Kriterien, die später, während der Comicbewertung (vgl. Kap. 7) relevant werden, vorab bekannt geben. Die Phase können Sie, wenn möglich, um Impulsvorträge ergänzen. Hierzu folgen Themenvorschläge:

Nicht ganz mein Proto-Typ

Es wird Ihnen im Alltag nicht entgangen sein: (Natur)wissenschaftler*innen werden oft stereotyp in Szene gesetzt. Drei Prototypen erscheinen gehäuft: erstens destruktive, wahnsinnige Genies (Mad/Bad Scientists), zweitens geniale, ehrwürdige Ikonen (Science Heroes), drittens begabte, sozial isolierte Individualist*innen (Nerds). Typ 1 findet sich konzentriert in Marvel- und DC-Universen. Typ 2 wird zuweilen mit einem Nimbus, einer Leuchterscheinung um Kopf oder Körper repräsentiert (zu sakraler Ikonografie im Comic s. Jüngst 2010). Typ 3 ist häufig in seine eigene Welt versunken (Ein Eisgekühlter Gast taut auf, Franquin 2003). Freilich gibt es Mischformen. Im Fall des Wissenschaftsgotts tritt das Sakrale mit abgehobener, selbstherrlicher Gestik und anmaßendem Sprachduktus auf (Benny und Paula und der Atom Reaktor, Greenpeace 2006). Solche Prototypen sind dem Naturwissenschaftsimage nicht förderlich. Sie halten sich zudem beharrlich. Dies belegen unter anderem Draw-a-Scientist-Tests.

 

Exkurs: Draw a Scientist!

Mit dem Draw-a-Scientist-Test (DAST) wird beforscht, wie Kinder sich Naturwissenschaftler*innen vorstellen. Kurz gesagt: männlich, im Laborkittel, mit Laborequipment. Erstaunlich ist, dass sich dieses Image im Verlaufe der letzten Jahrzehnte nur wenig verändert hat. Anschauliche DAST-Befunde lassen sich über Websuchmaschinen leicht finden. An ihrem Beispiel kann in der Hochschullehre ein Problembewusstsein dafür geschaffen werden, dass bereits Kinder althergebrachte Images reproduzieren. Auf dieser Grundlage lässt sich die Notwendigkeit legitimieren, eigene, positive Bilder von Naturwissenschaftler*innen selbst zu gestalten und zu teilen. Für eine tiefgründigere Auseinandersetzung mit dem Analyseinstrument DAST, mit dessen Genese und Modifizierung, eignet sich die Abhandlung von Finson (2002); Lamminpää, Vesterinen & Puutio (2020) und Prechtl (2006) beschäftigen sich mit dem Übergang vom DAST zum Comic.

 

Ideale Figuren: nicht stereotyp, sondern divers

In Comics, insbesondere in solchen, die mit der Cut-Out-Technik gestaltet werden, lassen sich Diversitätsdimensionen wie Alter, Geschlecht und geschlechtliche Identität, ethnische und soziale Herkunft, Fähigkeiten, Religion und Weltanschauung sensibel abbilden (Legscha, Ibraj & Prechtl 2024). Hier und hier finden Sie Cut-Out-Science-Comics, in denen genau darauf Wert gelegt wurde. Comics sind insofern wirkmächtig, als sie Role Models erschaffen können, die Stereotypen sprengen. Eine Annäherung an die Frage, wie Comicfiguren auf Leser*innen wirken und ob sie das Potenzial zum Role Model haben, erfolgte, anhand der verlinkten Exempel, vermittels Gruppendiskussion (Jesserich 2022) und Fragebogenerhebung (vgl. Prechtl 2024). Die Befundlage stimmt zuversichtlich.

Abbildung 3: Ausschnitt aus dem Cut-Out-Science-Comic Crazy for Chemistry – Alginatbällchen im Bubble-Tea (unveröffentlicht, Giessl, Krömer & Pfeil 2024).

Abbildung 4: Ausschnitt aus Auf die Probe gestellt – Leylas erster Tag im Labor (Jakob 2019a).

 

Reflexionsübung: Enlightenment

Möchten Sie sich vor der Phase der Comicgestaltung absolut sicher sein, dass Studierende nicht unbeabsichtigt Stereotype reproduzieren werden, sollten Sie kleine Übungen zur Reflexion von Science-Images anbieten. Einen subtilen Zugang eröffnen klassische Bildbetrachtungen. Bezogen auf Prototypen im Fach Chemie bieten sich zwei Werke des Malers Joseph Wright of Derby an:

  • An Experiment on the Bird in the Air Pump, 1768 (Craske 2020, 118f.). Der Maler inszeniert den Experimentator als modernen Magier. Die Menschen, um ihn herum, werden Zeuge, wie aus einem Glaskolben, in dem ein Vogel steckt, die Luft gesaugt wird. Der Empiriker beobachtet das Geschehen sachlich, zwei Mädchen hingegen emotional-aufgewühlt, besorgt um das Tier. Die Leidenschaft des Philosophen, mit geneigtem Kopf, gilt der Vernunft. Das Liebespaar ist auf sich fixiert; das Experiment ist ihrer Aufmerksamkeit entrückt. An den Prototypen lassen sich Haltungen gegenüber den Naturwissenschaften erschließen.
  • The Alchymist, in Search of the Philosopher's Stone, Discovers Phosphorus, and prays for the successful Conclusion of his operation, as was the custom of the Ancient Chymical Astrologers, 1771/1795 (Craske 2020, 196). Das Ölgemälde, mit dem sperrigen Titel, zeigt einen gotisch anmutenden Raum, beleuchtet vom Mondlicht und erhellt vom Experiment der Phosphordarstellung. Der Alchemist kniet vor der Retorte, überwältigt vom Eindruck der Phosphoreszenz. Am Werk lassen sich Merkmale sakraler Ikonografie herausarbeiten (Bauernfeind 2021), und daran wiederum einen Prototyp von Wissenschaftler*in, den wir zuvor kennengelernt haben.

Planen: Objekte

Bevor es im Thema weitergeht, lohnt es sich, kurz innezuhalten, um zu klären, welcher Kompetenzerwerb in einem Science-Comic-Projekt eigentlich zu erwarten ist. Der Schlüsselbegriff lautet: Visual Literacy. Wie alle Kompetenzen, ist diese ein Dreiklang aus Wissen, Können und Wollen. In erster Linie sind es „Fähigkeiten, welche für eine zielgerichtete Nutzung und den produktiven Umgang mit Visualisierungen benötigt werden“ (Wafi & Wirtz 2016, 3). Dementsprechend kennen und reflektieren kompetente Menschen visuelle Grundbausteine und Konventionen, können Informationen grafisch umwandeln, um Informationen gezielt zu vermitteln, und engagieren sich für sinnstiftende visuelle Kommunikation in Arbeits- und Bildungsprozessen. Außerdem werden Kenntnisse und Fertigkeiten in den Kompetenzbereichen Sachwissen, Erkenntnisgewinnung (u. a. Modelle), Kommunikation und Bewertung aufgebaut und ausdifferenziert. Vermutlich werden Sie zustimmen, dass Sie von Studierenden nicht verlangen können, dass diese sich Grafikdesign on top aneignen. Die Erfahrung zeigt, dass Grundkenntnisse völlig ausreichen. Eine Einführung in das Thema anhand der Meta-Comics von McCloud (2001, 2007), kombiniert mit Rosinenpicken in Standardwerken (Heber 2018, Heimann & Schütz 2018), zu Farben, Formen und grafischen Elementen, wirkt auf Studierende motivierend. Soll ein Science Comic dem Experimentieren gewidmet werden, ist zudem die Beschäftigung mit Gestaltgesetzen hilfreich (Bühler, Schlaich & Sinner 2017). Generell stellt sich die Frage, wie Sachinhalte bestmöglich in die Comicstruktur zu integrieren sind. Hierauf liefern Ihnen die nachfolgenden Abschnitte Antworten.

Strategie: Wissenschaft aus der Perspektive des erzählenden Ichs

Im Manga Reaktor 1F (Tatsuta 2016) berichtet der Zeichner Kazuto Tatsuta aus der Ich-Perspektive über Aufräumarbeiten in der Kraftwerkruine Fukushima. Er nimmt die Leser*innen mit auf seine Arbeitsstelle, führt über das Gelände, informiert über den Strahlenschutz und stellt alle Arbeitsschritte allgemeinverständlich vor. Die Vorteile dieser Art der Integration von Sachwissen in Comics liegen auf der Hand: starkes Storytelling, hohe Authentizität. Ein Nachteil ergibt sich für die Darstellung komplexer Systeme. Denn dafür benötigt der Ich-Erzähler Organigramme, Infografiken und Karten (Tatsuta 2016, 44–45, 128–129), die den Leserhythmus enorm beeinflussen.

Strategie: Der Storyline beigesellte wissenschaftliche Illustrationen

Der narrativen Struktur des Science Comics wissenschaftsbezogene Illustrationen in Form von Informationskästen und Infografiken, die nicht in Panels (Einzelbilder) eingebunden sind, beiseitezustellen, hat Vor- und Nachteile (Jüngst 2010, 192ff.). Einerseits können Informationen präzise, unter Verwendung von Hinweispfeilen und Beschriftungen, präsentiert werden. Andererseits ist die Strategie unattraktiv für die Leser*innen, da Informationskästen und Infografiken eine intensive Auseinandersetzung mit den abgebildeten Informationen erfordern, wodurch der Leserhythmus unterbrochen wird.

Strategie: Wissenschaftliche Illustrationen als Abbildungen im Panel

Das Einbinden einer wissenschaftlichen Abbildung in ein Panel ist eine elegante Art, wissenschaftliche Informationen in Science Comics unterzubringen. Anschaulicher formuliert: Eine Comicfigur zeigt eine technische Anlage oder chemische Reaktion auf dem Tablet, am digitalen Whiteboard, an der Kreidetafel, als Hologramm usw. (vgl. Max Axiom, Biskup, Martin & Schulz 2011) oder gestattet den Leser*innen einen Blick über ihre Schulter, während sie Tabellen studiert. Im Vergleich zu Infografiken und Informationsboxen, die Panels beigesellt werden, ist an der Strategie vorteilhaft, dass der Lesefluss nicht stark ausgebremst wird. Zudem, und das ist vielleicht der entscheidende Punkt, entsteht kein Bruch mit dem grafischen Stil des Comics. Von Nachteil ist, dass diese Art der Darstellung viel Raum benötigt. Oft sind deshalb nur die Hände der Figuren, die eine Illustration halten, zu sehen.

Abbildung 5: Wissenschaftliche Illustrationen als Abbildungen im Panel. Ausschnitt aus dem Comic Mit Benedict im Labor (unveröffentlicht, Medeuov & Legscha 2019).

Abbildung 6: Wissenschaftliche Illustrationen als Abbildungen im Panel, aus Spidergirl und die rätselhaften Spinnfäden (unveröffentlicht, Blümler, Fuhlbrügge & Steinbrügge 2024).

Strategie: Handlungen innerhalb wissenschaftlicher Illustrationen

Gelegentlich werden Handlungen in wissenschaftliche Illustrationen hinein verlagert, indem Comicfiguren geschrumpft werden, damit diese Exkursion in den menschlichen Körper, den Mikrokosmos oder die Welt der Atome unternehmen können (Jüngst 2010, 189ff.). Die französische Zeichentrickserie Il était une fois...la vie arbeitet mit diesem Prinzip, ebenso die Comicserie Max Axiom (Biskup, Martin & Schulz 2011). Ein Vorteil betrifft die Motivation: Es muss faszinierend sein, in das Innere des eigenen Körpers oder zum Kern eines Atoms reisen zu können. Die Nachteile sind didaktischer Natur. Zum einen können steuernde Codes, z. B. Pfeile, nicht verwendet werden. Diese würden den realistischen Effekt zunichtemachen. Zum anderen entsteht das Problem der unzulässigen Vermischung von Stoffebene und Symbolebene. So werden etwa bei Max Axiom Moleküle wie mikroskopisch kleine Teile gehandhabt: Max zeigt ein Stück Kupfermetall und daneben, symbolisch, die atomare Struktur des Festkörpers. Das Metall und die Metallatomsymbole werden gleichfarbig dargestellt – was aber nicht der Wahrheit entspricht.

 

Reflexionsübung: Radiation

Während der Planungsphase sollten sich Studierende Eindrücke von den vielfältigen Möglichkeiten, die Comics bieten, verschaffen dürfen. Sie können die Fäden beisammenhalten, wenn Sie einen Schwerpunkt auf die angeführten Strategien legen oder einen geteilten Kern thematisieren. Empfehlenswert sind Themen, die kontrovers diskutiert werden können, wie die Nutzung radioaktiver Stoffe im Kontext von Energiewende, Verteidigung und Therapie.

 

Comic

Literatur

Kurzinfo

Barfuß durch Hiroshima

Nakazawa (2004-2005)

Der Comic mit autobiografischen Elementen handelt vom (Über-)Leben des sechsjährigen Gen Nakaoka nach dem Abwurf der Atombombe Little Boy auf Hiroshima.

Rocks and Minerals. Geology from Caverns to the Cosmos

Hirsch (2020)

Die visuelle Einführung in die Mineralogie bietet einen Exkurs zu radioaktiven Mineralien und zur radioaktiven Datierung anhand der Halbwertszeit.

Reaktor 1F. Ein Bericht aus Fukushima

Tatsuta (2016)

Tatsuta arbeitet als Aufräumer in der Kraftwerkruine Fukushima Daiichi 1F. Er beschreibt das Gelände und die tägliche Arbeit (u.a. mit einem Szintillationszähler, vgl. S. 133).

Marie Curie and Radioactivity

Colwell Miller, Larson & Heike (2007)

Der Comic führt in die Entdeckungsgeschichte des Radiums – vermittels Aufbereitung der Pechblende – durch die Curies ein und behandelt zudem die Anfänge der Strahlentherapie.

Radioactive Man – Radioactive Repository Volume One

Groening (Hg.) (2012)

Bei einem Atombombentest wird Kane verstrahlt und erhält dadurch übernatürliche Kräfte, wie die Fähigkeit zu fliegen. Mit dem Sidekick Fallout Boy bekämpft er fortan Schurken.

Spirou+Fantasio: Alles wie verhext

Fournier (2004)

Vor der Kulisse eines Nuklearzentrums begegnen Spirou und Fantasio dem Todesboten Anku, der sie mit düsteren Warnungen beunruhigt. Kurz darauf explodiert das AKW.

The Periodic Table of Elements. Understanding the Building Blocks of Everything

Chad (2023)

Es wird u.a. dargelegt, dass Americium das gebräuchlichste radioaktive Element im Haushalt ist – es findet sich in Rauchmeldern. Die Funktionsweise eines AKW wird skizziert. Es wird erklärt, wie „neue“ Elemente geschaffen werden.

Tabelle 1: Auflistung von Comics, die sich der Radioaktivität widmen (Pannar 2011). Das Repertoire umfasst sachliche, fiktive und satirische Exempel.

Komparative Comicanalysen eignen sich, um Wahrheitsgehalte von Darstellungen zu überprüfen und daran den kompetenten Umgang mit Fakten, Fiktionen und auch alternativen Fakten in Medien unterschiedlichster Provenienz zu schulen. Dabei werden Mythen, die sich, wie im Fall der TV-Serie Simpsons, im Bild des dreiäugigen Fischs Blinky widerspiegeln (vgl. Halpern 2008, 42ff.), faktenbasiert ausgehebelt. Ein Tipp für Sie am Rande: Die mit Chemie angereicherte Manga- und Animeserie Doctor Stone (jap. Dokuta Suton) bietet eine ergiebige Quelle für Faktenchecks.

Gestalten: Cut-Out-Science-Comics

Beginnen wir mit der Auflistung der Basismaterialien, die benötigt werden: Fotokarton in vielen Farben, Feinschere, Papierskalpell, Schneideunterlage, Klebstoff und Stifte. Und ein Schneideplotter? – der ist ein Nice to have.

Abbildung 7: Basismaterial für die Cut-Out-Technik (Bild: J. Jakob).

Im Idealfall konstruiert man mit einer Digitalkamera, einer Beleuchtungsquelle und Stativen ein Legetrickstudio. Freilich ist ein Legetrickstudio keine notwendige Voraussetzung für das Vorhaben. Low-Cost-Varianten, bei denen anstelle der Digitalkamera ein Smartphone und statt des Stativs ein Karton oder ein Lineal – als Auflage für das Smartphone, eingerichtet zwischen zwei Bücherstapeln – verwendet wird, funktionieren einwandfrei.

Abbildungen 8 und 9: Professionelles Legetrickstudio an der Universität (links) und Low-Cost-Variante mit einem Smartphone (rechts) (Bilder: M. Prechtl).

Technische Umsetzung – analoges Handwerk

Zunächst werden die Comicfiguren, Objekte und Hintergründe entworfen, wobei eine gezielte Internetrecherche nach Vorlagen für Cartoonköpfe und -hände hilft. Die Formen werden zugeschnitten. Es ist wichtig, verschiedene Münder, Augen und Hände vorrätig zu halten, damit Mimik und Gestik lebendig inszeniert werden können. Ratsam ist es, alle Einzelteile in kleinen Boxen oder Tüten zu lagern.

Abbildung 10: Einzelteile für die Kleidung der Comic-Figuren (Bild: J. Jakob).

Abbildung 11: Sammlung von Pappfigureneinzelteilen und Objekten (Bild: J. Jakob).

Abbildung 12: Der Aufbau eines Hintergrunds aus Pappelementen (Bild: J. Jakob).

Abbildung 13: Das Arrangieren von Figuren vor dem Hintergrund (Bild: J. Jakob).

 

Technische Umsetzung – digitales Handwerk

Die Pappfiguren, -objekte und -hintergründe werden digital abfotografiert. Besonders bequem gelingt dies mit einer an einem Stativ fest installierten Digitalkamera. Diese lässt sich mit einer kostenlosen Software für Live-View-Aufnahmen (z. B. EOS Utility Canon) über einen Laptop ansteuern. Die Überführung der Einzelbilder in ein Raster (Panel Grid) und die Platzierung von Sprechblasen erfolgt mit einer Comicsoftware (z. B. Comic Life). Bei der Gestaltung des Rasters gibt es viel Spielraum. Newcomer sollten zu Beginn ein einheitliches Raster (Uniform Grid), bestehend aus drei Zeilen mit je drei Panels, verwenden. Hierein lassen sich auch spezielle Panels integrieren:

  • Insert Panel: Ein kleines Panel wird in einem großen Panel positioniert. Das große Panel zeigt den größeren Zusammenhang (z. B. eine Apparatur mit Rückflusskühlung), das kleine Panel die Details (z. B. eine Thermometerskala).
  • Establishing Shot (McCloud 2007, Kap. 4): Ein großes Eröffnungspanel zu Beginn bietet den Leser*innen eine erste Orientierung. Die meisten Daily Soaps starten auf diese Weise: Großstadt am Morgen (Panel 1) – erleuchtetes Fenster im Wohnblock (Panel 2) – Kommunikation am Frühstückstisch (Panel 3).

Abbildung 14: Establishing Shot (linke Seite). Ausschnitt aus dem Cut-Out-Science-Comic Fischsterben am Angelteich – Leyla und die Winkler-Probe (Jakob 2019b).

Die sequenzielle Anordnung von Panels kann herausfordernd sein. Es lohnt sich, vor dem Aufbau der Sequenzen, McClouds Ausführungen zu den Möglichkeiten der Verknüpfung einzelner Panels durchzugehen (McCloud 2001).

Präsentieren

Die Vorstellung der eigens erstellten Cut-Out-Science-Comics vor anderen kann auf verschiedene Weise erfolgen:

  • Analoges Verteilen gedruckter Broschüren. Das professionelle Drucken in einem Copyshop muss finanziert werden. Das kann von Nachteil sein. Mit der Investition gestattet man sich/anderen aber auch, das eigene Produkt in Händen zu halten.
  • Digitales Aufspielen auf Tablets. Dies ist kostenneutral, setzt aber gelingendes BYOD (Bring Your Own Device) voraus.
  • Projektion über den Beamer. Ein Nachteil ergibt sich aus dem Format. Ein Comic im Hochformat und eine Projektionsfläche im Querformat passen nicht zusammen. Es muss gescrollt werden, was den Leserhythmus stört.

Die Kombination aus Präsentationsform 1 oder 2 mit 3 ist besonders effektiv.

Bewerten

Während der Feedbackphase bewerten Studierende die Cut-Out-Science-Comics ihrer Kommiliton*innen anhand von Kriterien. Im Idealfall reflektieren sie dabei auch die Qualität des eigenen Kompetenzerwerbs. Feedbackregeln sollten zuvor verabredet werden. Denn nur eine wertschätzende und konstruktive Rückmeldung stärkt den Menschen hinter der Sache. Zum Ausgangspunkt des Feedbacks können Leitfragen, wie die folgenden, genommen werden: Wurde eine überzeugende Welt erschaffen? Ist das Storytelling sinnstiftend? Wurde der Sachinhalt fachlich korrekt und strukturiert dargeboten? Ist der Comic bildlastig, textlastig oder ausgewogen? Treibt die Panelanordnung den Lesefluss an oder bremst sie ihn aus? Wirken Gestik und Mimik der Comicfiguren authentisch? usw. Zur Unterstützung kann eine tabellarische Übersicht dienen, die nicht als Mängelliste aufgefasst werden sollte. Auch in einer klassischen Prüfungssituation können die Qualitätskriterien der Orientierung dienen. In diesem Fall sollte jedoch unbedingt die Interdependenz der Kriterien im Rahmen der Präsentation der Studierenden herausgearbeitet werden.

Qualitätskriterien

Stichworte zur Orientierung

Punkte

Kommentar

Zieltransparenz und Zielgruppenadäquatheit

Intention, Vorwissen, Alter, Herkunft, Geschlecht, Inklusion…

0 - 1 - 2 - 3

 

Elementarisierung

Vom Bekannten zum Neuen, Vom Konkreten zum Abstrakten…

0 - 1 - 2 - 3

 

Inhaltliche Korrektheit

Forschungsstand, angemessene Fachsprache…

0 - 1 - 2 - 3

 

Strukturierung

Panel-Abfolge, Leseführung, roter Faden, Perspektiven…

0 - 1 - 2 - 3

 

Text

Schriftgröße, Rechtschreibung und Grammatik, Sprech- und Denkblasen…

0 - 1 - 2 - 3

 

Setting

Authentizität, Übersichtlichkeit, Figur-Hintergrund-Kontrast…

0 - 1 - 2 - 3

 

Figuren

Diversität, Charakter, Gestik, Mimik…

0 - 1 - 2 - 3

 

 

Aktionen

Bedienung des Equipments, Laborsicherheit, Speedlines…

0 - 1 - 2 - 3

 

Interaktionen

Logik der Abfolge, Dialog in Shot-Reverse-Shot-Einstellung…

0 - 1 - 2 - 3

 

Kreativität

 

0 - 1 - 2 - 3

 

 

Tabelle 2: Bewertungsbogen für Cut-Out-Science-Comics.

Lernziel-Resümee

Studierende erwerben Sachwissen und trainieren etliche Fertigkeiten, während sie eigene Science Comics planen, gestalten und an dem ihnen gegebenen Feedback konstruktiv bewerten lernen:

Phase

Wichtige Lernziele

Zeitaufwand in Stunden

(P: Präsenz, S: Selbststudium)

Planen

·         Sachwissen: Inhalte recherchieren und anhand des Vergleichs verschiedener Quellen auf ihre Korrektheit hin überprüfen; Zielgruppenadäquatheit der Inhalte antizipieren; allgemeine Grundlagen zu Comic-Theorie und Science Communication recherchieren.

·         Science Communication & Visual Literacy: Inhalte didaktisch elementarisieren; Inhalte via Storytelling kontextualisieren; ein finales Storyboard entwickeln; Cut-Out-Figuren und Equipment – aufeinander abgestimmt dimensioniert – designen; diversitätssensible und stereotypenfreie Darstellungen entwickeln.

·         Medien-Handling: Cut-Out-Elemente gestalten; Foto-Studio-Setting aufbauen/nutzen.

·         Social Skills: Entscheidungen und Handlungsschritte diskutieren und abstimmen.

Einführungsvortrag: 2(P)

Recherche zum Fachinhalt und Design: 2(S)

Figurengestaltung: 3(S)

Kollaboratives Gestalten von Story und Storyboard inklusive Reflexion: 3(P)

Gesamt: circa 5(P)+5(S)

Gestalten

·         Sachwissen: Inhalte in den Sprechblasen/Textboxen fachsprachlich korrekt formulieren; Phänomene wahrnehmungswirksam inszenieren.

·         Science Communication & Visual Literacy: Inhalte strukturiert darstellen (sequenzieren); Denkmodelle visualisieren und dabei deren Potenziale/Grenzen reflektieren; Farb- und Steuerungscodes planen; Symbolik darstellen und unterstützend kommentieren; Gestik, Mimik, Aktionen und Interaktionen der Figuren visuell arrangieren; Figur-Hintergrund- und Farb-Kontraste optimieren.

·         Medien-Handling: Arbeitsfläche schatten- und reflexionsfrei ausleuchten; digitale Fotos anfertigen und geordnet abspeichern; Perspektiven und Einstellungen variieren; Comic-Software für das Finishing (Panel Grid, Sprech- und Denkblasen, Soundwords) anwenden.

·         Social Skills: Handlungsschritte gemeinsam koordinieren.

Analoges Handling (Figuren legen, Fotos erstellen) inklusive Reflexion: 4–6(P)

Digitales Handling (Comic-Software) inklusive Reflexion: 4–6(S)

Gesamt: circa 5(P)+5(S)

 

 

Präsentieren & Bewertung

·         Sachwissen: Bewertungskriterien für Science Comics recherchieren oder entwickeln; Vor- und Nachteile unterschiedlicher Präsentationsformen diskutieren und abwägen.

·         Science Communication & Visual Literacy: Science Comics präsentieren.

·         Medien-Handling: Während der Präsentation Besonderheiten hervorheben, heranzoomen, highlighten; ggf. digitale Feedback-Tools anwenden.

·         Social Skills: Wertschätzendes, konstruktives Feedback geben und annehmen.

Vorbereitung der Präsentation: 1(S)

Präsentation (15 min.) und Feedback (15 min.) pro Gruppe: 0.5(P)

Gesamt: 3–4(P)+1(S)

 

Tabelle 3: Lernziele.

Outro – Wie geht´s weiter?

Sie und die Studierenden können das Konzept jederzeit kreativ weiterentwickeln. Es ist denkbar, dass Studierende Ihnen vorschlagen, gleich einen Animationsfilm mit der Cut-Out-Technik zu erstellen. Dies ist möglich, aber äußerst zeitintensiv, da selbst im Amateurfilmbereich sechs Bilder pro Sekunde produziert werden müssten, damit ein zufriedenstellendes Resultat erzielt werden kann. Die Zeit ist der Flaschenhals. Die Produktion eines Cut-Out-Science-Comics ist in einem für die Lehre realistischen Zeitrahmen möglich, die Trickfilmproduktion hingegen nicht. Aber es gibt Mittelwege, die ausgekundschaftet werden können; aktuell experimentiert z. B. der Instagram-Account Fe_ducation mit einem Comic-Reel-Mashup. Darüber hinaus ist Vieles möglich – Hauptsache es wird gut gemacht und beim Machen stets reflektiert.

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Autor*in

  • Prof. Dr. Markus Prechtl, Professor für Fachdidaktik Chemie, Technische Universität Darmstadt. Arbeitsschwerpunkte: Bildung für nachhaltige Entwicklung, Gender/Diversity, (Visuell) Science Communication.