Erhebungsmethoden

Videographische Methoden bilden ein vielfältiges Set visueller Zugänge, mit denen räumliche Praktiken, Atmosphären, Interaktionen und Materialitäten empirisch erforscht und zugleich sichtbar gemacht werden können. Sie verbinden ethnografische, ästhetische und technische Verfahren und eignen sich besonders für qualitative, interpretative und reflexive Forschungsansätze. Grundsätzlich lassen sich für die Erhebung zwei methodische Zugänge unterscheiden, die sich in der Praxis oft überschneiden: audio-visuelle Beobachtung und videobasierte Interviews.

Audio-visuelle Beobachtung: Filmen als räumliche Praxis

Die audio-visuelle Beobachtung, also das aufmerksame, reflektierte Filmen räumlicher Situationen, bildet die Grundlage videographischer Forschung. Hierbei geht es um mehr als das bloße Aufzeichnen, nämlich um ein „forschendes Sehen“, das in engem Bezug zur ethnografischen Tradition steht. Visuelle Methoden sind dabei immer auch körperliche Praktiken des Forschens (vgl. Strüver & Petting 2025): Kameraführung, Positionierung, Bewegung im Raum und Wahrnehmung verschränken sich zu einer visuellen Form der Erkundung.

Typische Formate sind:

  • statische Beobachtungsaufnahmen (fixed shots)

  • bewegte Beobachtungssequenzen (handheld oder stabilisiert)

  • atmosphärische Aufnahmen (Lichtverhältnisse, Rhythmen, Geräusche)

  • Fokus auf Materialitäten (Oberflächen, Objekte, Infrastrukturen)

Diese Bilder dienen der Rekonstruktion räumlicher Situationen und ermöglichen es, zeitliche und räumliche Dynamiken sichtbar zu machen.

Videobasierte Interviews: Sprechen, Erzählen und Zeigen

Videobasierte Interviews kombinieren verbale Kommunikation mit visueller Rahmung. Sie erzeugen eine besondere Form der Interaktion, in der Inhalte sprachlich, körperlich und räumlich vermittelt werden.

Charakteristisch sind:

  • klassische Leitfadeninterviews

  • situierte Interviews im Feld, bei denen Befragte den Raum zeigen (Go-Alongs)

  • Videowalks / Camera-Elicitation-Interviews, bei denen Interviewte selbst filmen

  • Elizitation-Verfahren, die Videoaufnahmen als Stimulus nutzen

Die Methode der Go-Alongs ist besonders geeignet, um die situative Produktion von Raum sichtbar zu machen, etwa durch Wege, Routinen, Körperhaltungen, Interaktionen oder atmosphärische Veränderungen. Sie sind oft besonders ergiebig, wenn sich räumliche Prozesse erst durch Bewegung erschließen, z. B.:

  • Nutzung öffentlicher Räume

  • Wahrnehmungen von Sicherheit/Unsicherheit

  • alltägliche Mobilitätspraktiken

  • Nachbarschaftserkundungen

  • Transformationsprozesse im Quartier

Durch das Mitgehen entsteht eine geteilte Perspektive, die im Video nachvollziehbar bleibt.

Potenziale und Herausforderungen audio-visueller Daten

Audio-visuelle Daten fügen dem wissenschaftlichen Prozess eine weitere Ebene hinzu. Audiodaten sind in der qualitativen Forschung weit verbreitet, visuelle Daten hingegen sind vergleichsweise neu und deutlich komplexer. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig den Studierenden grundlegende Kameratechniken zu vermitteln und sie für Fragen der Bildkomposition zu sensibilisieren. Dies ist bedeutsam, weil das Bild bei jeder Person unterschiedlich entsteht und damit die soziale Konstruktion unserer Wirklichkeit symbolisiert. Zugleich verdeutlicht es, wie wir als Autor*innen steuern können, was wir zeigen oder nicht zeigen, und wie wir es zeigen. Menschen blind halten oder ihnen etwas sichtbar machen – beides ist möglich. Das Gleiche gilt übrigens auch für das geschriebene Wort, wenn auch in abstrakterer Form.

Die Studierenden sollen im Seminarverlauf verstehen, welche technischen Kameraeinstellungen zu einer bestimmten Gestaltung im späteren Bild führen und wie diese Variablen sich wechselseitig beeinflussen. Hierzu können Sie Bildbeispiele zeigen, welche die jeweiligen Einstellungen in ihren visuellen Eigenschaften darstellen. Der Erwerb dieser Bildgestaltungskompetenz ist Voraussetzung für eine valide Interpretation der gesammelten Daten und ist mitentscheidend für bewusste audio-visuelle Forschungsergebnisse.

Abb. 2 zeigt eine Sequenz von fünf Videostandbilder, die alle vom selben Standort und in dieselbe Richtung aufgenommen wurden. Der variable Parameter ist hier die Brennweite. Diese hat maßgeblichen Einfluss auf die Raumwahrnehmung im Bild. Die menschliche Sehgewohnheit liegt in etwa bei einer Brennweite von 50mm. Wählen Sie ein Weitwinkel-Objektiv, erhalten Sie einen breiteren Bildausschnitt (Panorama), während sich bei einem Tele-Objektiv Ihr Blick auf einen Zielpunkt richtet (Detail). Die gewählte Brennweite hat auch Auswirkungen auf die Einebnung der Raumsituation im Bild.

Abb. 2 Brennweite. Eigene Darstellung.

Abb. 3 beinhaltet eine Belichtungsreihe, wobei das mittlere Bild den menschlichen Sehgewohnheiten am ähnlichsten ist. Aber unterbelichtete (zu dunkel) oder überbelichtete Aufnahmen können etwas zeigen, was ansonsten unentdeckt geblieben wäre. Zudem hat Helligkeit/Dunkelheit stets einen blicklenkenden Charakter, ähnlich wie Schärfe/Unschärfe auch.

Abb. 3 Belichtung. Eigene Darstellung.

Abb. 4 verdeutlicht, dass sich je nach Aufnahmehöhe Unterschiede in der Selbstverortung bei der Bildbetrachtung ergeben. Eine starke Untersicht kann ein Objekt im Bild groß und ggf. bedrohlich wirken lassen, während eine Aufsicht das Objekt eher klein erscheinen lässt und ggf. die eigene Position als überlegen kommuniziert.

Abb. 4 Perspektive. Eigene Darstellung.

Abb. 5 illustriert das relative Zusammenspiel von Farbe und Bildinterpretation. Unsere menschliche Reizverarbeitung erzeugt meist ein ausgewogenes Bild mit normalem Weiß – denken wir jedenfalls. In Wirklichkeit sind Farbinformationen eine der komplexesten und fehleranfälligsten Parameter, wenn wir unsere Umwelt analysieren, interpretieren und verstehen wollen. Im rechten Bild wurde im Bildbearbeitungsprogramm der mittlere Grauwert am weißen Band auf der Motorhaube des Vans gesetzt. Im linken Bild wurde der Wert im Grün der Karosserie festgelegt. Beides sind technisch korrekt durchgeführte Weißabgleiche. Es bleibt also unsere menschliche Wahrnehmungserfahrung als Correctiv bzw. Referenz für stimmige Farbwirkung.

Abb. 5 Weißabgleich (mittleres Grau). Eigene Darstellung.

Abb. 6 zeigt die blicklenkenden Eigenschaften von bewusst gesetzter Schärfe bzw. Unschärfe. Ein Video, kann wie ein fotografisches Bild, meist in Vorder-, Mittel- und Hintergrund unterteilt werden. Durch das gezielte Setzen vom Fokus auf ein bestimmtes Bildelement, kann der bildbetrachtende Blick gelenkt und Bildaussagen konkretisiert werden. Hierbei spielt die Wahl der Blende eine zusätzliche Rolle. Das bekannte Freistellen von Bildinhalten vor einem unscharfen Hintergrund, setzte eine offene Blende von f2.8 bis f5,6 voraus. Bei hohen Blendenwerten f11 bis f22 wird der Bildraum meist durchgängig scharf abgebildet, was aber auch stets in Abhängigkeit von der Objektiv-Konstruktion zu sehen ist, da die Linsenanordnung in Tele- oder Weitwinkelobjektiven unterschiedliche Abbildungseigenschaften in Bezug auf die räumliche Darstellung mitbringen.

Abb. 6 Fokus. Eigene Darstellung.

Abb. 7 verdeutlicht, dass auch die Verschlusszeit maßgeblichen Einfluss auf die Bildwirksamkeit haben kann. Durch eine sehr kurze Belichtungszeit ab einer Millisekunde, können bewegliche Objekte im wahrsten Sinne des Wortes festgehalten bzw. eingefroren werden. Auf der anderen Seite führen längere Belichtungszeiten ab einer Sekunde zu Bewegungsunschärfe, welches vor allem ein fotografisches und weniger ein videographisches Stilmittel ist. Diese bestimmte Art der Unschärfe ist nicht zu verwechseln mit Blenden-Unschärfe und falscher Fokussierung wie in Abb. 6 gezeigt.

Abb. 7 Verschlusszeit. Eigene Darstellung.

Autor*innen

  • Markus Gornik, Freier Projektmanager, studierte Germanistik und Geographie und promoviert aktuell an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema Kooperative Stadtentwicklung.
  • Ole-Kristian Heyer, Studierte Freie Kunst mit Schwerpunkt Fotografie / Medien an der fadbk in Essen und Geografie mit Schwerpunkt Kartografie / Raumwahrnehmung an der Ruhr-Universität Bochum.
  • Yannick Noah Layer, Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Humangeographie an der Universität Freiburg

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