Lernziele

Videographische Lehre verfolgt das Ziel, Studierende in die Lage zu versetzen, audiovisuelle Methoden als Teil eines erweiterten qualitativen Forschungsverständnisses anzuwenden, kritisch zu reflektieren und mit theoretischen Perspektiven der Humangeographie zu verknüpfen.

Dabei folgt die didaktische Ausrichtung dem Ansatz des Multi-Skilling (vgl. Layer 2025a, Abb. 1). Dieses Konzept bricht die traditionelle akademische Arbeitsteilung auf. Stattdessen erwerben Studierende eine holistische Handlungskompetenz, in der sich verschiedene Anforderungsbereiche gegenseitig durchdringen:

  1. Wissenschaftlich & Reflexiv: Die Fähigkeit, geographische Theorien in visuelle Fragestellungen zu übersetzen.

  2. Technisch & Ästhetisch: Das Handwerk (Kamera, Schnitt), um Inhalte abzubilden, und aktiv zu gestalten.

  3. Kommunikativ & Sozial: Die Kompetenz, Feldzugänge auszuhandeln, Interviews zu führen und sich ethisch sensibel im sozialen Raum zu bewegen.

  4. Organisatorisch & Persönlich: Das Projektmanagement komplexer Datenmengen sowie die Resilienz im Umgang mit unvorhergesehenen Situationen im Feld.

Abb. 1 Multi-Skilling und Crossed Media in der geographischen Hochschullehre. Quelle: Layer 2025a: 42.

Das übergeordnete Lernziel ist die Erkenntnis, dass diese Bereiche nicht isoliert voneinander existieren: Eine gute Kameraeinstellung erfordert oft vorab eine kommunikative Aushandlung, und eine gelungene Analyse im Schnitt setzt eine organisierte Datenstruktur voraus. Im Mittelpunkt stehen deshalb sowohl erkenntnistheoretische als auch praktische Kompetenzen:

Methodisch-wissenschaftliche Kompetenzen

Mit dem Verständnis, wie audiovisuelle Daten in qualitative Forschungsprozesse eingebettet sind, lernen Studierende die Fähigkeiten, die für den Prozess von der Planung über die Erhebung bis hin zur Auswertung relevant sind. Die von Miggelbrink et al. (2025: 15) betonte Erkenntnis, dass Visualisierungen „schöpferische Akte“ und nicht bloße Abbilder sind, bildet eine zentrale Grundlage. Lernziel ist, dass Studierende Videographie als interpretatives Medium begreifen, das neue Formen des Wissens ermöglicht und die Analyse alltäglicher Raumpraktiken unterstützt.

Reflexive und kritische Kompetenzen

Da visuelle Materialien in komplexe Machtverhältnisse, kulturelle Sehgewohnheiten und diskursive Ordnungen eingebettet sind, sollen Studierende ein Bewusstsein für die gesellschaftliche Situiertheit audiovisueller Forschung entwickeln. Dazu zählen: Reflexion der eigenen Position im Feld, kritisches Verständnis von Blickregimen, Auseinandersetzung mit Repräsentation, Selektivität und Auslassungen und Sensibilität gegenüber emotionalen und affektiven Dimensionen visuellen Materials (Küttel & Müller 2025: 73)

Verständnis der Unterschiede zwischen menschlicher Wahrnehmung und Kamera-Wahrnehmung

Ein wichtiges Lernziel besteht darin, dass Studierende die Differenz zwischen menschlicher Wahrnehmung und den technischen Eigenschaften visueller Medien begreifen. Die Kamera erzeugt eigene ästhetische, zeitliche und räumliche Modi der Darstellung. Studierende lernen daher:

  • wie Framing, Eigenschaften des Kameraobjektivs, Belichtung und Fokus räumliche Wirklichkeiten erzeugen und/oder verändern;

  • warum diese technischen Unterschiede nicht als Fehler, sondern als epistemische Ressourcen verstanden werden können;

  • wie sich dadurch neue analytische Einsichten in räumliche Prozesse sowie der eigenen Wahrnehmung und Interpretation dieser ergeben.

Technische, gestalterische und medienpraktische Kompetenzen

  • Kameratechnik, Tonaufnahmen, Lichtführung

  • Grundlagen filmischer Gestaltung (Einstellung, Perspektive, Rhythmus, Montage)

  • Erstellung empirischer Videoaufnahmen im Feld

  • Umgang mit Schnittsoftware und visueller Analyse

Kommunikative Kompetenzen

  • Gesprächsführung in videobasierten Interviews

  • Einführung ins wissenschaftliche Storytelling

  • Präsentation visueller Daten (z. B. im ePortfolio)

  • Dialog mit Praxisakteuren (im Kontext räumlicher Prozesse in Städten z.B. Stadtplanung, Initiativen, Verwaltung)

Organisatorische und projektbezogene Kompetenzen

  • Recherche und Formulierung eigener zu videographischen Methoden passender Fragestellungen

  • Planung der Feldarbeit, Umgang mit audio-visuellen Daten unter besonderer Berücksichtigung von Datenschutz und Ethik (vgl. Genz 2025: 95)

  • Koordination kollaborativer Forschungsprozesse, Zeitmanagement im Kontext audiovisueller Erhebung

Fähigkeit zur Dokumentation und Reflexion (ePortfolio)

  • Transparente Darstellung der Forschungsprozesse

  • Begründung methodischer Entscheidungen

  • Reflexive Einordnung audio-visueller Daten

  • Praxisorientierte Aufarbeitung von Ergebnissen und Präsentation vor Ort

Framing bezeichnet in der Medien- und Kommunikationstheorie die selektive Strukturierung von Wirklichkeit durch Hervorhebung bestimmter Aspekte bei gleichzeitiger Ausblendung anderer (vgl. Entman 1993). In der Videographie erfolgt Framing primär über die Wahl des Bildausschnitts, der festlegt, was sichtbar wird und was außerhalb des visuellen Rahmens verbleibt. In gesellschaftlichen Diskursen hingegen (etwa im Journalismus und in sozialen Medien) manifestiert sich Framing vor allem durch das Weglassen, Gewichten und Kontextualisieren von Informationen. Diese diskursive Form der Rahmung steuert Deutungen weniger über Sichtbarkeit als über Relevanzzuweisungen und narrative Einbettung (Güran & Özarslan 2022). Beide Formen des Framings tragen zur sozialen Konstruktion von Wirklichkeit bei, indem sie Wahrnehmungs- und Interpretationsgrenzen setzen.

Autor*innen

  • Markus Gornik, Freier Projektmanager, studierte Germanistik und Geographie und promoviert aktuell an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema Kooperative Stadtentwicklung.
  • Ole-Kristian Heyer, Studierte Freie Kunst mit Schwerpunkt Fotografie / Medien an der fadbk in Essen und Geografie mit Schwerpunkt Kartografie / Raumwahrnehmung an der Ruhr-Universität Bochum.
  • Yannick Noah Layer, Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Humangeographie an der Universität Freiburg

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