Relevanz
In jüngerer Zeit ist ein steigendes erkenntnistheoretisches Interesse an der Produktion geographischer Räume durch Alltagspraktiken, performative turn, zu beobachten (vgl. Krasny & Nierhaus 2008: 7-8; Schnell 2024). Wie eingangs erwähnt, kann mithilfe von Videographie diese Raumproduktion beobachtet, sowie in ihrer zeitlichen, atmosphärischen und affektiven Dimension erfahrbar gemacht werden. Videos (und auch Visualisierungen im Allgemeinen) sind jedoch keineswegs nur Repräsentationen, sondern „schöpferische Akte“ der Erkenntnisproduktion, die neue Sichtweisen eröffnen und bestehende Deutungen irritieren oder erweitern können (Miggelbrink et al. 2025: 15). Sichtbar-Machen ist demnach immer eine Form des Wissensgenerierens, nicht nur des Abbildens. Videographie trägt damit zu einer epistemologisch erweiterten Forschungspraxis bei, in der visuelle Materialien als heuristische Instrumente dienen, um bspw. implizite Routinen, atmosphärische Qualitäten oder verkörperte Handlungen sichtbar zu machen (ebd.: 16-17; Garrett 2011).
Die Relevanz von Videographie als qualitative Methode für die Geographie lässt sich vor diesem Hintergrund als genuin epistemische Qualität audiovisueller Medien präzisieren. Wie Garret (2013: 136) herausstellt, sind Fotographien und Videos nicht bloße Abbilder einer vorgängigen Realität, sondern Praktiken der Wirklichkeitsherstellung, eingebettet in hybride Konstellationen aus Menschen, Technik und Kultur. Genau an diesem Punkt setzt videographische Forschung an: Kameras sehen anders als Menschen. Ihre technischen Eigenschaften (etwa Framing, Tiefenschärfe, Belichtung, Fokus oder temporale Sequenzierung) erzeugen spezifische Modi räumlicher Darstellung, die sich systematisch von menschlicher Wahrnehmung unterscheiden. Diese Differenzen zwischen leiblich-situierter Wahrnehmung und dem technical eye audiovisueller Medien (Crary 1988; Flusser 1985) ermöglichen es, räumliche (bspw. urbane oder ländliche) Prozesse auf alternative Weise sichtbar zu machen: teils analytisch verdichtet, teils irritierend gegenüber vertrauten Wahrnehmungsroutinen. Videographie fungiert damit als reflexives Erkenntnisinstrument, das urbane Räume anders zur Erscheinung bringt, und zugleich die eigene, sozial und kulturell gerahmte Wahrnehmung zum Gegenstand kritischer Auseinandersetzung macht und sich damit deutlich vom alltäglichen, privaten Mediengebrauch abgrenzt.
Zugleich verweist die Methode auf eine grundlegende hochschuldidaktische Schieflage. Wenn akademische Wissensproduktion weiterhin primär über schriftliche Formate bewertet wird, bleiben nicht-textuelle Ausdrucks- und Erkenntnisformen systematisch ungenutzt. Garrett kritisiert daher die Erwartung, dass in der Wissensproduktion jede:r ein good writer sein und schriftliche Arbeiten above else produzieren müsse, als überholt und als Hemmnis für ungenutztes kreatives Potenzial der Wissenschaften (Garrett 2011: 535). Videographie lässt sich vor diesem Hintergrund auch als Beitrag zu einer Öffnung wissenschaftlicher Praxis verstehen, indem sie Wahrnehmung, Darstellung und Analyse räumlicher Prozesse nicht ausschließlich an textbasierte Formate bindet.
In der Lehre bietet Videographie die Möglichkeit, theoretische Konzepte wie Raumproduktion (vgl. Lefebvre 1991), Alltagspraktiken (vgl. De Certeau 1980), Affordanzen oder Governanceprozesse durch eigenes Erleben und Produzieren audiovisueller Daten forschungsnah zu erschließen. Sie erlaubt zudem, Studierende früh an eine interdisziplinäre Forschung heranzuführen, da sie sowohl wissenschaftliche als auch technische, künstlerische und kommunikative Fähigkeiten erfordert. Laut Garrett (2011: 535), sollten vor allem digital natives diese noch unterrepräsentierte Methodologie für sich nutzen, indem sie sie anwenden und den Diskurs so aktiv mitgestalten.
Zwar wachsen heutige Studierende als digital natives auf, doch beschränkt sich die Kompetenz häufig auf den Konsum audiovisueller Medien. Die akademische Lehre muss daher den Schritt vom Konsumieren zum kritischen Produzieren ermöglichen (vgl. Layer 2025a). Videographie bietet hier das Potenzial, geographisches Wissen zu erheben und durch Science Storytelling auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Dabei geht es nicht um einen neutralen Wissenstransfer, sondern um ethische und ästhetische Aushandlungen. Film erlaubt es, komplexe, unsichtbare oder atmosphärische Geographien durch narrative Strukturen verständlich zu machen. Wie Martinez-Conde & Macknik (2017) betonen, erhöht die Nutzung narrativer Elemente das Verständnis komplexer Inhalte signifikant. Videographie wird so in der Lehre zu einer Schnittstelle zwischen universitärer Forschung, künstlerischer Praxis und gesellschaftlichem Diskurs.