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Teil 2: Wie kann ich Service Learning konzipieren?

19. März 2026

Zu den Prinzipien von Service Learning gehört, dass Sie Lernen und Engagement verbinden und gleichwertig adressieren. Konzeptionell lohnt es sich jedoch, wenn Sie beide Ebenen eigenständig betrachten: (ECTS-)Credits gibt es auch im Service Learning nur für erfolgreiches Lernen, nicht für das Engagement. Für erfolgreiches Engagement ist demgegenüber zweitrangig, ob bzw. was die Studierenden gelernt haben – hier zählt die Qualität der Unterstützung.

Bei der Konzeption stellen sich also immer zwei Fragen:

  1. Wie können Sie das studentische Lernen optimal situieren und organisieren?

  2. Wie können Sie ein Engagement organisieren, das für alle Beteiligten möglichst zielführend und erfolgreich ist?

Aus Lehrendenperspektive empfiehlt sich, bei der Lernleistung zu beginnen. Diese ist (im Vergleich zu ‚klassischen‘ Seminaren) fundamental anders: Methodisch-didaktisch wird Lernen an und durch Erfahrung ein wesentlicher Teil Ihres Kurses. Eigenständige praktische Erfahrungen Ihrer Studierenden kombinieren sich mit abstrakten, wissenschaftlich kontrollierten Wissensbeständen. Dabei sind Erfahrungen ein auch theoretisch nicht vollständig durchdrungenes Konzept. Sie entstehen im eigenständigen, persönlichen Erleben und vor dem Hintergrund der jeweils individuellen Voraussetzungen, Vorerfahrungen und Wissensbestände. Sie sind insofern nicht kontrollierbar und standardisierbar und brauchen gerade deshalb die gemeinsame Reflexion (s.u., Teil 6). Wenn Sie Service Learning konzipieren, lohnt es sich, zuerst zu analysieren und zu antizipieren, welche Erfahrungen die Studierenden brauchen, um die Lehr-/Lernziele zu erreichen. Folgerichtig gilt es, erst einmal geeignete Ziele zu formulieren und zu priorisieren (Mordel, Heckmann & Horz 2020: 95).

Lehr-/Lernziele

Mit Service Learning können Sie auf vielfältige fachliche und überfachliche Lehr-/Lernziele hinarbeiten, z.B.:

  • wissenschaftliche Methoden und Theorien (insbesondere der sozialwissenschaftlichen Disziplinen und des Lehramts) anwenden, illustrieren, kontrastieren;

  • wissenschaftsbasiert praktische Handlungskompetenzen und Problemlösungen ermöglichen;

  • transdisziplinäre Forschungsvorhaben an die Lehre anbinden;

  • im Sinne transdisziplinärer Lehre über den akademischen Tellerrand hinausblicken;

  • im Sinne von Challenge-based Learning praktische Projekterfahrungen in schlecht strukturierten Realsituationen ermöglichen;

  • fachübergreifende persönliche und soziale Schlüsselkompetenzen fördern (z.B. Team- und Kommunikationsfähigkeiten, Problemlösung, Resilienz);

  • Demokratieförderung praktizieren und vermitteln;

  • Studierende an (die Relevanz von) Engagement für gesellschaftliche Themen (z.B. nachhaltiges Handeln) heranführen;

  • ein tieferes Verständnis der Studieninhalte provozieren, in dem Studierende diese eigenständig für (nicht-fachliche) Zielgruppen aufbereiten bzw. übersetzen;

  • gesellschaftliche bzw. wohlfahrtsstaatliche Bedingungen erfahrbar machen, Defizite konkretisieren, Debatten untermauern, z.B. soziale Ungleichheit, Armut, Diversität;

  • die Möglichkeiten und Grenzen von Aktivismus veranschaulichen und reflektieren;

  • die persönliche Entwicklung Ihrer Studierenden als auch deren Employability fördern;

  • Critical Service Learning zielt darauf, gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen, soziale Machtverhältnisse zu verändern und authentische, machtsensible Beziehungen zu entwickeln (Mitchell 2008: 53).

Wenn Sie mit dem Future Skills 2030 Framework des Stifterverbands vertraut sind: mit Service Learning lässt sich *jeder* Kompetenzbereich der grundlegenden, transformativen und gemeinschaftsorientierten Zukunftskompetenzen adressieren.

Das richtige Engagement

Von Ihren jeweiligen Zielen ausgehend können Sie antizipieren und in Folge planen, wie unterschiedliche Engagementsituationen bzw. -formen dazu beitragen können. Wenn Ihre Veranstaltung ökologische Nachhaltigkeit adressieren soll, wo bzw. wie können sich Ihre Studierenden dafür einsetzen? Sollen sie Bäume pflanzen? Die Öffentlichkeitsarbeit für Greenpeace unterstützen? Und was wäre dann die gesellschaftliche Wirkung? Denken Sie nicht zu groß, um sich nicht zu übernehmen. Auch die Neukonzeption einer Website für den örtlichen Imkerverein (Wie in der SL-Veranstaltung „Öffentlichkeitsarbeit in Institutionen“ an der UDE) ermöglicht Ihren Studierenden z.B., über die Rolle von Zuchtbienen für Biodiversität zu recherchieren und nachzudenken. Andersherum genauso: wenn Sie Greenpeace (oder die Tafeln, oder das Schauspielhaus Bochum) für eine Lehrkooperation anfragen, sollten Sie antizipieren, welche Lernerfahrungen dort realistisch möglich sind. Wollen Sie z.B. professionelles Vorgehen im Projektmanagement methodisch vermitteln, brauchen Sie ein Projekt, in dem Ihre Studierenden die Schwierigkeiten im planerischen Vorgehen und die kommunikative Steuerung in Projekten auch selbst erfahren können, wie die Organisation einer Posterausstellung im öffentlichen Raum.

Mit den Lehr-/Lernzielen und der Engagementform haben Sie beide o.a. Ebenen so umrissen, dass Sie an die Ausgestaltung Ihrer Service Learning Veranstaltung gehen können.
Im nächsten Schritt gilt es, die Anteile zwischen Theorie und Engagement auszutarieren und dann vom Groben ins Detail zu planen. Folgende Fragen bieten sich hierzu an:

  • Welche Engagementerfahrung ist sinnvoll, um das Seminarthema und die Lernziele zu unterstützen bzw. zu adressieren?

  • Bei welchen Partnerorganisationen können die Studierenden geeignete Erfahrungen machen?

  • Welcher Zeitrahmen (ECTS-Umfang) steht für das Engagement zur Verfügung?

  • Was müssen die Studierenden wissen, um sinnvoll in die Engagementerfahrung einzusteigen?

  • Wie organisieren Sie Prüfung und Übergabe der Projektergebnisse?

Bei der Planung müssen Sie an mehreren Stellen Entscheidungen treffen, die den Aufbau und die Ausgestaltung Ihrer Lehrveranstaltung entscheidend beeinflussen. Die wesentlichen Spielräume zur Variation finden Sie nachstehend in Teil 6. Gerade weil Service Learning einigermaßen komplex ist, empfiehlt es sich, die Entscheidungen bewusst zu treffen und klar zu dokumentieren. Am Ende sollte ein Seminarplan stehen, der für *alle Beteiligten* Klarheit über den Ablauf schafft. Wenn Sie nun bereits Lust haben, Service Learning anzudenken, hilft vielleicht der nachstehende Canvas. Er wurde speziell für Einsteiger*innen in Service Learning entwickelt und unterstützt Sie bei der grundlegenden Klärung:

Abb. 1 Service Learning-Canvas. Quelle: eigene Darstellung.

Autor*in

  • Karsten Altenschmidt, wissenschaftlicher Mitarbeiter UNIAKTIV, Institut für wissenschaftliche Schlüsselkompetenzen (IwiS), Universität Duisburg-Essen, Dozent Hochschuldidaktik, freiberuflicher Berater, Trainer, Moderator. Tätigkeitsschwerpunkte: Service Learning, transdisziplinäre Lehre, Campus-Community Partnerschaften; Projektmanagement, Kommunikation und (Pitch)Präsentation, Ideation und Design Thinking., karstenaltenschmidt

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