We start with why
Stellen Sie sich vor: Sie möchten Klimawandel oder soziale Ungleichheit nicht nur verständlich machen, sondern Ihre Studierenden dazu anregen, aktiv entgegenzuwirken. Sie beobachten, dass Ihre Studierenden Methoden der empirischen (Sozial-)Forschung zwar kennen, aber nicht verständig damit umgehen können. Sie möchten in Ihrer Lehre mit einem Verein oder einer Schule aus der Nachbarschaft zusammenarbeiten. Sie fragen sich, wie Sie in Ihrer Lehre sozialwissenschaftliche Theorien im Ruhrgebiet greifbar machen. Oder Ihre Studierenden sollen erleben, dass zum erfolgreichen Studium auch gesellschaftliche Mitgestaltung und Demokratieförderung gehören.
Wenn Sie als Lehrende*r möchten, dass Ihre Studierenden nicht alleine fachliche Inhalte erlernen, sondern sie auch praktisch anwenden und für das Gemeinwohl einbringen, ist Service Learning das passende Konzept für Ihre Hochschullehre. Service Learning integriert gesellschaftliches Engagement Studierender in die Lehrveranstaltung.
Es gibt drei häufige Lehrendenmotive, um Service Learning (abgekürzt: SL) durchführen zu wollen:
1. Ins Handeln kommen – Praktische Handlungserfahrungen ermöglichen
Einige Lehrende beginnen von der Idee, die didaktischen Vorteile von Service Learning nutzen zu wollen oder die eigene Lehre zu verändern. Wenn Sie der Auffassung sind, dass praktische Handlungserfahrungen für Ihre curricularen Lehrthemen und -ziele hilfreich sind, können Sie über Service Learning nachdenken. Vielleicht haben Sie den Eindruck, dass Sekundäranalysen von Datensets oder Paper Cases für Ihre Masterstudierenden (und für Sie selbst) eher ermüdend als lehrreich sind? Vielleicht beschleicht Sie das Gefühl, dass Ihre Studierenden Themen wie ‚Armut‘ zwar akademisch besprechen, aber nicht wirklich nachfühlen können? Oder vermitteln Sie Woche für Woche Forschungsmethoden, die in den Studierendenköpfen abstrakt bleiben, weil sie nicht angewendet werden? Aus allen drei Fragen heraus sind bereits Service Learning-Konzepte erwachsen.
2. Gesellschaftlichen Probleme bearbeiten – Aktivistische Haltung
Andere Lehrende sind von der Wahrnehmung aus gestartet, dass die akademische Lehre häufig nicht adäquat auf die wirklich drängenden Probleme der Gegenwart antworten kann und daran vorbeiläuft. Manche Lehrenden und Studierenden haben das Bedürfnis, der Gesellschaft für das gefühlte Privileg eines Studiums etwas zurückzugeben, indem sie sich im Rahmen der Lehre gesellschaftlich engagieren. Andere sehen genau da eine Machtungleichheit, die sie erfahrbar machen, verändern und kritisch reflektieren möchten. Einige möchten Entwicklungen wie dem Klimawandel entgegenwirken, andere Trends wie die Digitalisierung demokratisieren. Tatsächlich verdankt sich ein Großteil der Entwicklung von Service Learning, vor allem in den USA, wo der Begriff geprägt wurde, einer aktivistischen Haltung (im ausdrücklichen Unterschied zu einer aktionistischen Haltung). Unsere Gegenwart bietet eine Menge besorgniserregender Entwicklungen – von der immanenten Klimakrise über politische Bedrohungen unserer Demokratie bis zu sozialen Verwerfungen angesichts von Migrations- und Sozialleistungsdebatten.
3. Verantwortungsvolle Absolvent:innen – Zu gesellschaftlichem Engagement befähigen
Im allgemeinen Sinne einer humanistischen Bildung schließlich lässt sich argumentieren, dass ein Studium auch zum gesellschaftlichen Engagement befähigen sollte (das ist so übrigens auch in den Bologna-Zielsetzungen formuliert). Deshalb ist es aus dieser Perspektive nur folgerichtig, gesellschaftliches Engagement für die Studierenden erfahrbar zu machen und Bezüge zwischen Studium und Gemeinwohl herzustellen.
Die genannten Motive finden sich auch auf organisationaler bzw. institutioneller Ebene: zeitgemäße Lehre diskutiert Handlungsbezüge, Umsetzbarkeit, Erfahrungswissen breiter als in der Vergangenheit. Ein zeitgemäßes Wissenschaftsverständnis erkennt die Bedeutung auch von Transdisziplinarität und transdisziplinärer Forschungsvorhaben für nutzbaren Erkenntnisgewinn. Die Frage nach dem Transfer wissenschaftlicher Erkenntnis in die Öffentlichkeit bzw. Zivilgesellschaft ist in Hochschulstrategien und Fördermittelausschreibungen (auch für Forschungsprojekte z.B. bei der DFG) mit ausschlaggebend. Service Learning gibt Ihnen die Möglichkeit, Ihre Lehre so anzupassen, dass sie diese Tendenzen aufnimmt und konkret adressiert.
Dieser Beitrag zeigt Ihnen, worauf Sie dabei achten sollten.