Begriffsbestimmung und Beschreibung von Virtual Exchange

Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen und geografischen Regionen haben seit Ende der 1990er Jahre unterschiedliche Begriffe für Aktivitäten verwendet, die Studierende mittels Online-Tools in interkulturelle Kommunikation und gemeinsames Lernen einbeziehen. Die Fremdsprachenausbildung ist zum Beispiel eines der ersten Gebiete, in denen diese Praxis in der universitären Bildung unter dem Namen ‚Telecollaboration‘ stattfand (O’Dowd 2018). In Forschung und Praxis werden auch die Begriffe Collaborative Online International Learning (COIL) oder Globally networked learning environments verwendet. Als Zusammenführung der verschiedenen disziplinären Forschungsstränge wird aktuell empfohlen, den Begriff Virtual Exchange zu verwenden (O’Dowd 2018; Rubin 2022; Lee et al. 2022).

Abbildung 1: Der Begriff Virtual Exchange führt viele Begriffe zusammen. Quelle: eigene Darstellung.

Vor dem Hintergrund der COVID-19 Pandemie haben sich Virtual Exchange Angebote ausgebreitet wie nie zuvor (z.B. Rubin 2022, S. 3-4; UNICollaboration 2023; Stevens Initiative 2023). Die verstärkte Nutzung digitaler Instrumente führte zu Alternativen zum bis dahin vorherrschenden Präsenzunterricht. Dies gilt auch für Internationalisierungsaktivitäten, die vor der Pandemie vor allem mit Reisen und Auslandsaufenthalten verbunden waren.

Es ist daher wichtig zu betonen, dass Virtual Exchange kein Ersatz für physischen Austausch ist, sondern dass diese beiden Formate sich gegenseitig ergänzen und unterschiedliche Anforderungen von Internationalisierung in der Hochschulbildung erfüllen können. Beide sind strategische Instrumente mit spezifischen Zielen (Stevens Initiative 2023, S. 3, 19). Dies zeigt sich zum Beispiel in der Studie von Lee, Leibowitz & Rezek (2022), die eine Längsschnittstudie mit Daten von über 39.000 Studierenden über einen Zeitraum von zehn Jahren durchgeführt haben. Ihre Ergebnisse zeigen, dass die Teilnahme an einem Virtual Exchange Projekt die Wahrscheinlichkeit einer anschließenden Teilnahme an physischer Mobilität deutlich erhöht – die Wahrscheinlichkeit verdoppelt sich in der Gruppe mit Virtual Exchange Erfahrung im Vergleich zur Kontrollgruppe (Lee et al. 2022, S. 217).

Definition

“Virtual exchange is defined as technology-enabled, facilitated, people-to-people education sustained over a period of time. It entails the use of technology to bridge students across cultural and geographic boundaries and from different contexts.” (Helm et al. 2020, S. 93)

Virtual Exchange-Aktivitäten zielen also darauf ab, Studierende über Online-Kommunikationstools in Kontakt und in kollaborative Zusammenarbeit mit internationalen Kommiliton*innen zu bringen (Lee et al. 2022, S. 204) um interkulturelle kommunikative Kompetenzen sowie Global Citizenship Education zu fördern.

In der Literatur wird zwischen ‚Grassroots‘-Austauschaktivitäten (Helm et al. 2020, S. 99), die auch als COIL Virtual Exchanges (Rubin 2022, S. 9) bezeichnet werden, und extern angebotenen Virtual Exchange-Aktivitäten unterschieden, die von einem externen Anbieter gegen eine Gebühr vororganisiert und durchgeführt werden (z.B. Soliya, X-culture, Stevens Initiative).

Der Grundgedanke bleibt derselbe, nämlich Studierende in zwei (oder mehr) verschiedenen Ländern über Online-Kommunikationstools zu verbinden und sie in interkulturelle Vergleiche und kollaborative Aktivitäten in kleinen, international gemischten Gruppen einzubinden, wie Jon Rubin (2022) erklärt: “To launch a COIL course, the instructor of a class at a higher education institution in one country links online with a professor and his or her class in another region or country. Together, their students engage and develop joint projects, usually over a continuous 5- to 8-week period.” (Rubin 2022, S. 6-7).

Im Mittelpunkt dieses Beitrags steht das ‚Grassroots‘- oder COIL-Modell von Virtual Exchange, bei dem der Austausch „ein integraler Bestandteil ihrer Lehrveranstaltungen wird, über den die Lehrenden die volle Kontrolle haben“ (Helm et al. 2020, S. 99, Übersetzung AT). Dies wird möglich, weil Sie als Lehrperson den Virtual Exchange mit einer*m internationalen Partner*in für Ihre eigenen, bereits bestehenden Lehrveranstaltungen konzipieren. Die spezifischen Kursziele behalten Sie bei. Als Duo planen Sie gemeinsam eine Aktivität für beide Studierendengruppen. Auf diese Weise werden Sie als Lehrende*r und Ihre Studierenden in einen interkulturellen Dialog und Diskussionen im jeweiligen Fachgebiet involviert. Die Kommunikation und Zusammenarbeit in Kleingruppen mit den internationalen Kommiliton*innen wird durch Online-Tools realisiert (Helm et al. 2020, S. 99).

Jüngste Untersuchungen zu Virtual Exchange Programmen zeigen, dass dieser Ansatz das Potenzial hat, die Teilnahme an internationalen Austauschprogrammen vielfältiger zu gestalten. Es können Regionen einbezogen werden, die bisher aufgrund von Konflikten oder politisch unsicheren Situationen nicht an physischen Austauschprogrammen teilgenommen haben. Dies führt zu einer höheren Repräsentation von Einzelpersonen und Gruppen, die normalerweise in internationalen Austauschprogrammen unterrepräsentiert sind. Der Bericht der Stevens-Initiative (2023, S. 14) zeigt zum Beispiel eine höhere Beteiligung von nicht-weißen, behinderten und Studierenden der ersten Generation in Virtual Exchange Programmen.

Verschiedene Studien belegen Außerdem Auswirkungen von Virtual Exchange auf die interkulturellen Kompetenzen der Teilnehmer*innen. Einige neuere Studien haben ein quasi-experimentelles Design mit einer Kontrollgruppe verwendet und quantitative und qualitative Daten gesammelt. Diese zeigen einen signifikanten Anstieg der interkulturellen und globalen Kompetenzen der Studierenden, unabhängig vom Zeitraum, der Region, aus der sie teilgenommen haben, und ihrem Alter (Hackett et al. 2023; Stevens Initiative 2023; Stevens Initiative 2022), nachdem sie an einer COIL/Virtual Exchange Aktivität teilgenommen haben.

Inklusion und Zugänglichkeit ergeben sich im virtuellen Raum jedoch nicht von selbst, auch wenn die Probleme hier anders gelagert sind als bei einer realen Reise und, wie oben beschrieben, bestimmte Zielgruppen einfacher einbezogen werden können. Technologie in Hard- und Software muss auf Barrierefreiheit geprüft werden (dies umfasst die physische Verfügbarkeit, die Zugänglichkeit, sowie Nutzbarkeit), Übersetzung oder Untertitelung von Videos sowie barrierefreie Dokumente (Stevens Initiative 2023, S. 21) sind ebenfalls als Grundlagen zu nennen. Hinsichtlich der Kommunikation und Interaktion können zusätzliche Maßnahmen notwendig sein, um einen gleichberechtigten Zugang zu einer engagierten Diskussion für alle Teilnehmenden zu gewährleisten, wie z.B. der Wechsel von synchronen und asynchronen Kommunikationskanälen, die Möglichkeit der vielfältigen Präsentation von Inhalten, die Integration von Reflexions- und Feedbackprozessen, sowie methodische Vielfalt (vgl. z.B. Hockings 2010; Thomas & May, 2010). Die Prinzipien von Universal Design for Learning (UDL) können ebenfalls hilfreich dabei sein, eine inklusive Lehre in der Hochschule und im virtuellen Raum zu gestalten (CAST 2024).