Vorlesungen lernförderlich gestalten
Thesen
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Vorlesungen sind im universitären Lehralltag fest etabliert und haben ihre didaktische Berechtigung.
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Es gibt vielfältige Möglichkeiten, die Vorlesung lernförderlich zu gestalten.
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Eine interaktive Gestaltung der Vorlesung erhöht den Lernerfolg der Studierenden.
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Die Vorlesung sollte ein Erlebnis sein. Sie sollte einen Mehrwert gegenüber der Online-Vorlesung oder dem Selbstlernen haben.
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An Studierende stellt die Vorlesung hohe kommunikative Anforderungen, die es zu berücksichtigen gilt.
Vorlesungen als eine zentrale Lehrveranstaltungsform
Die Vorlesung weist eine lange Tradition als Lehrveranstaltungsform auf und ist auch perspektivisch nicht aus dem universitären Lehralltag wegzudenken. Ein wesentlicher Vorzug der Vorlesung besteht darin, einer großen Zuhörerschaft Inhalte komprimiert darzubieten (vgl. Brinkschulte, 2015, S. 9). Aus Sicht der Hochschulen ist sie damit bildungsökonomisch nicht zu übertreffen (vgl. Webler, 2013, S. 89).
Weitere didaktische Vorteile der Vorlesung sind ein kompakter Überblick über das Fach, eine effiziente und didaktisch reduzierbare Darstellung der Inhalte, gleiche Informationen für alle Studierenden, eine lebendigere Aneignung von Inhalten (im Vergleich zu schriftlichen Texten), das Aufwerfen von Fragen, die Möglichkeit der interaktiven Gestaltung und das Fördern des Zuhörens (vgl. Webler, 2013, S. 89).
Als Lehrveranstaltungsform verfügt die Vorlesung über eine eigene Struktur und erfüllt spezifische Zwecke. Daher plädiere ich für ein komplementäres Verständnis verschiedener Lehrveranstaltungsformen wie Vorlesung, Übung, Seminar oder Kolloquium. Der zentrale Zweck der Vorlesung besteht in der Wissensvermittlung (vgl. Brinkschulte, 2015). Dozierende als Expert*innen geben in kurzer Zeit Wissen an die Studierenden als Noviz*innen weiter und führen diese in die Inhalte, Methoden und Denkweisen des neuen Fachs ein. Charakteristisch dabei ist die Tatsache, dass die Dozierenden gegenüber den Studierenden in der Regel über einen deutlichen Wissensvorsprung verfügen.
Für eine lernförderliche Gestaltung der Vorlesung ist es bedeutsam, die Lehrenden- und Inhaltsorientierung als zwei zentrale Eigenschaften didaktisch angemessen zu berücksichtigen. Sie stehen sich tendenziell als Gegensätze gegenüber, und dieses Spannungsfeld können Sie nicht auflösen. Eine wichtige Frage lautet daher: Wie können Sie mit diesen Eigenschaften konstruktiv umgehen? Die Konsequenz aus der Lehrendenorientierung sollte sein, dass Sie die Studierenden aktiv an der Vorlesung beteiligen, sie für die Mitarbeit motivieren und die Vorlesung insgesamt lernförderlich gestalten. Die Inhaltsorientierung können Sie antizipieren, indem Sie Inhalte bewusst auswählen, didaktisch reduzieren und strukturiert darbieten. Wie dies gelingen kann, skizziere ich im folgenden Abschnitt.
Neben den didaktischen Möglichkeiten, die die Vorlesung bietet, gilt es zugleich auch ihre Grenzen zu reflektieren. So führt die Kommunikationssituation im Hörsaal die Anonymität der Massenuniversität deutlich vor Augen und kann zu einer sinkenden Lernmotivation der Studierenden führen (vgl. Webler, 2013, S. 88). Webler (2013, S. 88) nennt einige weitere didaktische Implikationen der Vorlesung, die nachteilhaft für den Lernerfolg der Studierenden sein können. Die Vorlesung kann z.B. dazu führen, dass die Lernenden verstärkt eine passive und rezeptive Lernhaltung einnehmen oder zurückhaltend sind, sich aktiv zu beteiligen. Als Lehrveranstaltung ist die Vorlesung stark lehrendenzentriert. Die Heterogenität der Studierenden kann nur sehr begrenzt berücksichtigt werden, eine Individualisierung des Lernens ist nahezu unmöglich.
Wenn Sie eine stärkere Aktivierung der Studierenden erreichen wollen, bieten sich alternative Formate wie Flipped Classroom an (vgl. Hellermann, 2016, S. 52). Das Grundprinzip besteht darin, die Wissensvermittlung aus der Vorlesung in das Selbstlernen zu verlagern. Die Studierenden erarbeiten sich die Inhalte selbst, die Materialien werden ihnen vorab bereitgestellt. Die Vorlesungszeit wird für Fragen, Übungen und praktische Aufgaben genutzt, um so noch eine stärkere Aktivierung der Lernenden zu erreichen. Gerade bei kleineren Studierendengruppen sollte vom Format der Vorlesung abgewichen und auf dialogisch-diskursivere Lehrveranstaltungsformen wie das Seminargespräch umgestellt werden.
Auch wenn Sie die Grenzen der Vorlesung nicht auflösen können, ist es sinnvoll, diese in Ihren didaktischen Überlegungen zu berücksichtigen. In diesem Beitrag erhalten Sie einige Hinweise dazu, wie Sie mit diesen Grenzen konstruktiv umgehen und Vorlesungen lernförderlich gestalten können.
Sinnvolle Strukturierung, Prinzip der Serialität
Wie können Sie Ihre Vorlesung strukturiert gestalten? Hierzu bieten sich mehrere Möglichkeiten an. Wichtig ist es zunächst, dass Sie eine begründete Auswahl der Lerninhalte treffen und eine didaktische Reduktion vornehmen. Dabei ist jeweils zwischen den inhaltlichen Anforderungen und den fachlichen Voraussetzungen der Studierenden abzuwägen, was keineswegs trivial ist. Stellen Sie sich daher immer wieder die Fragen: Welche Inhalte sind aus fachlicher Sicht unverzichtbar? Welche könnten reduziert werden?
Zur Strukturierung von Vorlesungsinhalten bieten sich z.B. die folgenden weiteren Möglichkeiten an:
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Zwischenzusammenfassungen (nach Inputphasen) einbauen,
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(Verständnis-)Fragen zur Wiederholung für die Studierenden formulieren oder
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das Prinzip der Serialität von Vorlesungen nutzen, das ich nun erläutern werde.
Vorlesungen basieren (wie übrigens auch Soap Operas) auf dem Prinzip der Serialität. Unter Serialität versteht man nach Ulrich und Knape (2015, S. 76) eine „auf Fortsetzung, Wiederkehr und Ähnlichkeit von Formen und Inhalten beruhende Struktur“. Eine Vorlesungsreihe erstreckt sich z.B. über ein Semester und besteht aus einzelnen Vorlesungsfolgen, die in der Regel thematisch miteinander verbunden sind. Diesen Seriencharakter von Vorlesungen sollten Sie sich klar machen und die Vor-Strukturierung dieser Lehrveranstaltung können Sie für die „dramaturgische Gestaltung“ (Hellermann, 2016, S. 49) Ihrer Vorlesung didaktisch geschickt nutzen. Die Serialität von Vorlesungen kann Sie als Dozent*in entlasten. So können Sie auf diese vorhandene Struktur von Vorlesungen zurückgreifen, wie ich im Folgenden erläutern werde. Um Ihre Vorlesung gut aufbauen zu können, sollten Sie Anfang und Ende der jeweiligen Sitzung besondere Aufmerksamkeit schenken. Hier einige Ideen dafür, wie Sie das Prinzip der Serialität didaktisch geschickt nutzen können:
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Zum Einstieg der Sitzung nehmen Sie Bezug auf die vorherige Sitzung.
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Im Anschluss daran nennen Sie die Lernziele für die aktuelle Sitzung. Optional können Sie diese Lernziele am Ende der Sitzung auch abgleichen (lassen).
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Während der Sitzungen stellen Sie immer wieder den Bezug zum übergeordneten Thema der Vorlesung her, um den Studierenden Orientierung zu geben.
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Wiederholen Sie systematisch Inhalte.
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Bauen Sie wiederkehrend Rituale und Überraschungsmomente ein.
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Geben Sie am Ende der aktuellen Sitzung einen Ausblick auf die nächste Sitzung. Dies können Sie auch mit Aufgaben für die Studierenden zur Vorbereitung verbinden.
Solche Rituale können z.B. die Strukturierung der Arbeitsphasen nach dem Prinzip think – pair- share oder wiederkehrende (Zwischen-)Zusammenfassungen sein. Quiz-Elemente und ad-hoc-Fragen wären beispielsweise geeignete Überraschungselemente. Überlegen Sie sich gern weitere eigene Ideen zur Strukturierung Ihrer Vorlesung. Der (zeitliche) Mehraufwand für die Vorbereitung und Umsetzung dieser strukturierenden Ideen sollte jedoch nicht allein bei Ihnen liegen. Daher rege ich an, dass Sie Ihre Studierenden möglichst häufig handlungsorientiert aktivieren. So ist es z.B. naheliegend, dass die Studierenden (Zwischen-)Zusammenfassungen oder inhaltliche Bezüge selbst formulieren.
Generell empfehle ich, eine Auswahl zu treffen, einzelne Ideen gezielt umzusetzen und interessant zu variieren. Es ist nicht sinnvoll, möglichst viele Ideen flächendeckend zu realisieren. Einige der beschriebenen Ideen können gut mit aktivierenden Lehrmethoden kombiniert werden, was ich gern an einigen Beispielen erläutern möchte.
Für (Zwischen-)Zusammenfassungen lässt sich die Zwischenbilanz als Methode anwenden. Die Studierenden setzen sich mit der Sitznachbarin bzw. dem Sitznachbarn zusammen und tauschen sich dazu aus, was sie bislang gelernt haben und wie sie dieses Wissen anwenden können.
Um Vorlesungsinhalte systematisch zu wiederholen, bietet sich die Methode Challenge by Choice an. Die Studierenden erhalten Fragen bzw. Aufgaben in drei verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Sie wählen selbst den Schwierigkeitsgrad aus, bearbeiten die Aufgaben eigenständig und gleichen ihre Antworten mit dem Erwartungshorizont ab. Wichtig ist, dass der Zeitaufwand zur Bearbeitung der Aufgaben für alle drei Schwierigkeitsgrade insgesamt gleich umfangreich ist.
Zum Ende der Sitzung empfehle ich die Zwei-Minuten-Frage. Die Studierenden reflektieren das Gelernte, identifizieren offene Fragen und geben anonym Feedback. Sie erhalten zwei Minuten Zeit, um z.B. die folgenden Fragen zu beantworten: Was war die zentrale Erkenntnis der heutigen Sitzung? Welche Frage ist für mich noch offen? Welcher Zusammenhang ist mir noch unklar? Auf diese Weise erhalten Sie als Lehrende unmittelbar Feedback, das Sie direkt nutzen können, indem Sie dies in die Gestaltung der nächsten Sitzung einbeziehen.
Vorlesungen als Erlebnis
Vorlesungen sollten einen Mehrwert gegenüber der (aufgezeichneten) Online-Vorlesung oder dem Selbststudium haben. Damit Studierende dieses „Live-Erlebnis“ erfahren können, sollten Sie auf verschiedene Gestaltungselemente zurückgreifen.
Eine interaktive Gestaltung der Vorlesung wird hochschuldidaktisch immer wieder gefordert (vgl. z.B. Dubs, 2019). Für eine stärkere Aktivierung der Studierenden bieten sich verschiedene „Werkzeuge“ an, die Sie auch miteinander kombinieren sollten. Dies kann v.a. durch (inhaltliche) Fragen an die und von den Studierenden oder Voting-Tools geschehen. Votings-Tools können auf vielfältige Weise eingesetzt werden, so z.B. zur Erstellung von Meinungsbildern, zur Aktivierung von Vorwissen, als auflockerndes Element (z.B. für intuitive Einschätzungen der Studierenden), zur begründeten Entscheidungsfindung (z.B. bei verschiedenen Antwortmöglichkeiten) und zur Formulierung von Fragen zu den Vorlesungsinhalten im geschützten Raum.
Zu einer stärkeren Aktivierung der Studierenden trägt auch die Strukturierung von Arbeitsphasen nach dem Prinzip think – pair – share (vgl. Hellermann, 2016, S. 49 oder Herbst, 2016, S. 6-8) wesentlich bei. Nach diesem Prinzip gehen Sie wie folgt vor. Sie stellen den Studierenden eine Frage. Über diese Frage denken die Studierenden jeweils für sich nach und machen sich dazu Notizen (think). Im nächsten Schritt tauschen sich die Studierenden zu zweit (naheliegenderweise mit der Sitznachbarin oder dem Sitznachbarn) aus (pair). Anschließend besprechen Sie die Frage im Plenum, indem Sie z.B. einzelne Studierende aufrufen oder auf deren Meldungen reagieren. Durch die Abstimmung zu zweit mit der Sitznachbarin oder dem Sitznachbarn gewinnen die Studierenden an Selbstbewusstsein, ihre Antwortvorschläge sind dadurch stärker abgesichert und die kommunikative Hemmschwelle, sich in einem größeren Auditorium zu äußern, sinkt.
Wichtig ist dabei auch, dass Sie regelmäßig Fragen an die Studierenden in Ihre Vorlesung einbauen und ihnen darüber hinaus auch Raum geben, selbst Fragen an Sie zu adressieren. Auch wenn dies Zeit in Anspruch nimmt, die nicht zur Vermittlung weiteren Wissens zur Verfügung steht, ist dies aus verschiedenen Gründen didaktisch sinnvoll. Zum einen kommen Sie stärker in Kontakt mit den Studierenden. Zum anderen können mögliche Fragen der Studierenden aufschlussreich für Sie sein. Sie erhalten dadurch ein wichtiges Feedback zu möglichen Schwierigkeiten der Studierenden bei der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Vorlesungsinhalten.
Eine geeignete Methode zur Selbsteinschätzung der Studierenden ist der Sicherheitscheck. Die Studierenden notieren auf einem Notizzettel eine Skala von 0 (unsicher) bis 10 (sehr sicher). Sie schätzen selbst ein, wie sicher sie ein Thema beherrschen, woran sie dies festmachen und was sie noch leisten müssen oder benötigen, um mehr Sicherheit zu erlangen.
Darüber hinaus sollten Sie systematisch Beispiele einbauen und so an die Erfahrungswelt der Studierenden anknüpfen. Zusätzliche Informationen, die nicht auf den Vorlesungsfolien stehen, stellen ebenfalls einen Mehrwert der Vorlesung dar. Hier können Sie weitere Beispiele und Erklärungen oder Exkurse einbauen und den Studierenden dadurch zusätzliche Angebote zum Verstehen neuer Inhalte machen. Wichtig dabei ist, dass Sie den Studierenden deutlich machen, worum es sich bei diesen zusätzlichen Informationen jeweils handelt. Möchten Sie z.B. ein zusätzliches Beispiel zur Erklärung eines Zusammenhangs anführen oder einen Aspekt durch einen Exkurs vertiefen? Bei der Strukturierung der Vorlesungsinhalte können Sie auch mit Spannungselementen arbeiten, um das Interesse der Studierenden an fachlichen Fragen oder Problemen noch zu verstärken. Spannungselemente können z.B. Aufbereitungen der Inhalte in Form von Fragen oder Problemstellungen sein. Die Studierenden müssen sich mit diesen zunächst selbst auseinandersetzen, bevor ihnen die Lösung präsentiert wird.
Vor allem sollten Sie Ihre Lehrpersönlichkeit zeigen. Es ist wichtig, dass die Studierenden Sie bei aller fachlichen Expertise auch als Persönlichkeit wahrnehmen. Wie dies geschieht, kann sehr unterschiedlich ausfallen und sollte zu Ihnen passen, damit es authentisch wirkt. Ihre Begeisterung für das eigene Fach sollte für die Studierenden spürbar sein. Beispiele aus Ihrem Alltag, biografische Einblicke sowie das Vorleben von Werten und beruflichem Ethos machen Ihre Lehrpersönlichkeit beispielsweise deutlicher sichtbar und prägen sich bei den Studierenden ein.
Kommunikative Anforderungen an (internationale) Studierende
Vorlesungen stellen hohe kommunikative Anforderungen an (internationale) Studierende (vgl. Wichmann und Michelini, 2024, S. 42). Die Studierenden müssen in der Vorlesung gleichzeitig (sehend) zuhören, Vorlesungsfolien verarbeiten, mitschreiben und z.T. auch Fragen beantworten oder stellen. Systematisches Mitschreiben muss zudem erst vermittelt werden, da auf schulische Vorerfahrungen häufig nicht zurückgegriffen werden kann. Angebote hierzu stellen die Studiengänge (z.B. durch propädeutische Tutorien) oder die DaF-Bereiche an den Sprachenzentren für die Zielgruppe der internationalen Studierenden bereit. Beim Mitschreiben sind die Studierenden auch mit der Herausforderung konfrontiert, permanent zwischen der Audio-Spur der Dozierenden und schriftlichen Informationen (z.B. Skript, Folien) Querbezüge herzustellen und sich inhaltlich orientieren zu müssen. Daher sollten Sie darüber reflektieren, wie stark Sie sich an den Folien orientieren bzw. von diesen abweichen. Eine zu starke Orientierung an den Folien könnte von den Studierenden als zu starr und wenig motivierend empfunden werden. Auch der Mehrwert der Live-Vorlesung dürfte in diesem Fall nicht deutlich genug sichtbar werden. Wenn Sie zu sehr über die Folien hinausgehen, laufen Sie möglicherweise Gefahr, dass die Bezüge zu den Folien verloren gehen und sich die Studierenden inhaltlich nicht ausreichend orientiert fühlen. Daher ist das Ziel für Sie als Lehrperson, dass Sie eine sinnvolle Balance zwischen diesen beiden Polen finden und den Studierenden zusätzlich durch explizite sprachliche Hinweise immer wieder Orientierung geben.
Auch die Gestaltung von Vorlesungsfolien stellt kommunikative Anforderungen an Studierende, da sie einen umfangreichen und in einem schriftsprachlichen Duktus verfassten Input verarbeiten und mit der Audio-Spur der Dozierenden verknüpfen müssen. Sie sollten sich daher gut überlegen, wie sie Vorlesungsfolien (z.B. in Powerpoint) sprachlich angemessen gestalten. Hierzu einige Tipps, die für Sie hilfreich sein können (vgl. Hellermann, 2016, S. 51-52):
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Alle Vorlesungsfolien sollten jeweils mit einer Überschrift versehen sein.
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Auf den Folien präsentieren Sie nur ausgewählte Informationen von begrenzter Länge. Vermeiden Sie unbedingt lange, monolithische Textblöcke, da diese auf die Studierenden ermüdend wirken und schwer aufzunehmen sind.
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Wählen Sie kurze und prägnante Formulierungen. Notieren Sie Stichpunkte und verzichten Sie möglichst auf ausformulierte Sätze, die Sie zu sehr festlegen und zu umfangreich sind.
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Gehen Sie bei den Formulierungen auf den Folien sprachsensibel vor. Wählen Sie an geeigneten Stellen eine möglichst einfache Sprache. Selbstverständlich müssen der charakteristische wissenschaftssprachliche Stil und die Korrektheit der fachlichen Inhalte erhalten bleiben. Prüfen Sie jedoch, ob tatsächlich in jedem Fall grammatisch komplexe Formulierungen zwingend notwendig sind.
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Inhaltliche Sinnabschnitte sollten grafisch verdeutlicht werden (z.B. durch Einrückungen, farbliche Hervorhebungen oder Blockbildungen).
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Wählen Sie eine ausreichend große Schriftgröße und eine schnörkellose Schriftart.
Kommunikativ anspruchsvoll für die Studierenden ist gerade auch der Wechsel zwischen monologischen und interaktiv-dialogischen Phasen. Vorlesungen sind zwar in der Regel monologisch ausgerichtet, stark vorgeplant und basieren auf einer schriftlichen Grundlage (Skript, Notizen, Folien usw.), punktuell treten jedoch – auch aus den o.g. Gründen der Strukturierung – dialogisch-interaktive Abschnitte auf, so dass die Studierenden rasch „umswitchen“ müssen. Um Studierenden dieses „Umswichten“ zu erleichtern, können Sie z.B. die interaktiv-dialogischen Abschnitte jeweils immer gleich anmoderieren. Herausfordernd sind darüber hinaus ein schnelles Sprechtempo, eine undeutliche Aussprache sowie alltagssprachliche und idiomatische Wendungen. Achten Sie daher auf eine sprachsensible Gestaltung Ihrer Vorlesung, indem Sie z.B. Ihr Sprechtempo anpassen, mit Pausen und Betonungen zur Hervorhebung wichtiger Inhalte arbeiten und verschiedene Formulierungsalternativen anbieten.
Für internationale Studierende kann eine interaktive Gestaltung der Vorlesung, wie sie hochschuldidaktisch gewünscht ist, besonders herausfordernd sein, da sie möglicherweise wissenschaftlich anders sozialisiert sind. Das Fragenstellen kann in einigen Wissenschaftskulturen, aus denen die internationalen Studierenden kommen, nicht üblich oder nicht erwünscht sein. So ist es möglicherweise unhöflich, Dozierende zu unterbrechen oder es wird als widersinnig wahrgenommen, dass Dozierende den Studierenden in der Vorlesung Fragen stellen, da die Dozierenden doch selbst bereits über das Wissen verfügen. Auch könnten Studierende auf Fragen verzichten, da ein Fragen oder Kommentieren in einigen Wissenschaftskulturen nicht akzeptabel wäre.
Als Dozierende können Sie schlicht nicht alle kulturspezifischen Unterschiede Ihrer (international) heterogenen Studierendengruppen kennen. Didaktisch ist vielmehr eine allgemeine Sensibilisierung für unterschiedliche Wissenschaftskulturen bedeutsam. Ich empfehle daher, dass Sie die Lernziele und Anforderungen sowie die Tatsache, dass Sie sich Fragen und Diskussionsbeiträge explizit wünschen, zu Beginn der Vorlesung jeweils transparent machen und erläutern, da Ihre Art zu lehren aus den genannten Gründen nicht ohne weiteres kulturübergreifend vorausgesetzt werden kann.
Fazit
Vorlesungen gehören zu den zentralen Lehrveranstaltungsformen im universitären Lehralltag. Um sie lernförderlich zu gestalten, sollten Sie neben der Aktivierung der Studierenden auf eine Auswahl und strukturierte Darbietung der Inhalte achten. Das Prinzip der Serialität von Vorlesungen können Sie zur Strukturierung nutzen, indem Sie z.B. Bezüge zur vorherigen und nächsten Sitzung herstellen und systematisch Zusammenfassungen einbauen. Vorlesungen sollen ein Erlebnis sein und damit einen Mehrwert gegenüber der (aufgezeichneten) Online-Vorlesung aufweisen. Damit dies gelingt, können Sie z.B. mit Voting-Tools, der Strukturierung der Arbeitsphasen nach dem Prinzip think – pair – share und der regelmäßigen Verwendung von Fragen und Beispielen arbeiten. Auch Ihre eigene Lehrpersönlichkeit sollten Sie dabei einsetzen. Kommunikativ sind Vorlesungen sehr anspruchsvoll. Studierende sollten daher wissenschaftspropädeutisch beim Mitschreiben angeleitet und Vorlesungsfolien sprachlich angemessen gestaltet werden.
Literatur
Brinkschulte, Melanie (2015): (Multi-)Mediale Wissensvermittlung in universitären Vorlesungen. Eine diskursanalytische Untersuchung am Beispiel der Wirtschaftswissenschaft. Heidelberg: Synchron.
Dubs, Rolf (2019): Die Vorlesung der Zukunft. Theorie und Praxis der interaktiven Vorlesung. Opladen und Toronto: Barbara Budrich.
Hellermann, Klaus (2016): Die gute Vorlesung. In: Ruhr-Universität Bochum – Stabsstelle Interne Fortbildung und Beratung (Hrsg.): Wissen, was zählt. Ideen für die Lehre. 2., überarb. u. erw. Aufl. Bochum: Universitätsverlag, S. 49-52.
Herbst, Jan-Peter (2016): Kommunikation und Wissenskonstruktion – Eine quantitative Studie zum Einsatz kommunikationsanregender Methoden in der Vorlesung. In: die hochschullehre. Interdisziplinäre Zeitschrift für Studium und Lehre 2, S. 1-21.
Ulrich, Anne und Knape, Joachim (2015): Medienrhetorik des Fernsehens. Begriffe und Konzepte. Bielefeld: transcript.
Webler, Wolf-Dietrich (2013): Die Vorlesung – eine ausbaufähige Lehrveranstaltung (I). Herzstück der Hochschullehre? Relikt des Mittelalters? Rückständig oder modern? Oder gar strategisches Mittel der Qualitätssicherung des Studiums? In: Das Hochschulwesen. Forum für Hochschulforschung, -praxis und -politik 61, 3, S. 82-94.
Wichmann, Martin und Michelini, Juliane (2024): Arbeit mit authentischen Daten. Vorstellung einer Unterrichtsreihe zum Hörverstehen von Vorlesungen in studienbegleitenden DaF-Kursen. In: Fremdsprache Deutsch 70, S. 41-48.