Kommunikative Anforderungen an (internationale) Studierende
Vorlesungen stellen hohe kommunikative Anforderungen an (internationale) Studierende (vgl. Wichmann und Michelini, 2024, S. 42). Die Studierenden müssen in der Vorlesung gleichzeitig (sehend) zuhören, Vorlesungsfolien verarbeiten, mitschreiben und z.T. auch Fragen beantworten oder stellen. Systematisches Mitschreiben muss zudem erst vermittelt werden, da auf schulische Vorerfahrungen häufig nicht zurückgegriffen werden kann. Angebote hierzu stellen die Studiengänge (z.B. durch propädeutische Tutorien) oder die DaF-Bereiche an den Sprachenzentren für die Zielgruppe der internationalen Studierenden bereit. Beim Mitschreiben sind die Studierenden auch mit der Herausforderung konfrontiert, permanent zwischen der Audio-Spur der Dozierenden und schriftlichen Informationen (z.B. Skript, Folien) Querbezüge herzustellen und sich inhaltlich orientieren zu müssen. Daher sollten Sie darüber reflektieren, wie stark Sie sich an den Folien orientieren bzw. von diesen abweichen. Eine zu starke Orientierung an den Folien könnte von den Studierenden als zu starr und wenig motivierend empfunden werden. Auch der Mehrwert der Live-Vorlesung dürfte in diesem Fall nicht deutlich genug sichtbar werden. Wenn Sie zu sehr über die Folien hinausgehen, laufen Sie möglicherweise Gefahr, dass die Bezüge zu den Folien verloren gehen und sich die Studierenden inhaltlich nicht ausreichend orientiert fühlen. Daher ist das Ziel für Sie als Lehrperson, dass Sie eine sinnvolle Balance zwischen diesen beiden Polen finden und den Studierenden zusätzlich durch explizite sprachliche Hinweise immer wieder Orientierung geben.
Auch die Gestaltung von Vorlesungsfolien stellt kommunikative Anforderungen an Studierende, da sie einen umfangreichen und in einem schriftsprachlichen Duktus verfassten Input verarbeiten und mit der Audio-Spur der Dozierenden verknüpfen müssen. Sie sollten sich daher gut überlegen, wie sie Vorlesungsfolien (z.B. in Powerpoint) sprachlich angemessen gestalten. Hierzu einige Tipps, die für Sie hilfreich sein können (vgl. Hellermann, 2016, S. 51-52):
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Alle Vorlesungsfolien sollten jeweils mit einer Überschrift versehen sein.
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Auf den Folien präsentieren Sie nur ausgewählte Informationen von begrenzter Länge. Vermeiden Sie unbedingt lange, monolithische Textblöcke, da diese auf die Studierenden ermüdend wirken und schwer aufzunehmen sind.
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Wählen Sie kurze und prägnante Formulierungen. Notieren Sie Stichpunkte und verzichten Sie möglichst auf ausformulierte Sätze, die Sie zu sehr festlegen und zu umfangreich sind.
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Gehen Sie bei den Formulierungen auf den Folien sprachsensibel vor. Wählen Sie an geeigneten Stellen eine möglichst einfache Sprache. Selbstverständlich müssen der charakteristische wissenschaftssprachliche Stil und die Korrektheit der fachlichen Inhalte erhalten bleiben. Prüfen Sie jedoch, ob tatsächlich in jedem Fall grammatisch komplexe Formulierungen zwingend notwendig sind.
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Inhaltliche Sinnabschnitte sollten grafisch verdeutlicht werden (z.B. durch Einrückungen, farbliche Hervorhebungen oder Blockbildungen).
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Wählen Sie eine ausreichend große Schriftgröße und eine schnörkellose Schriftart.
Kommunikativ anspruchsvoll für die Studierenden ist gerade auch der Wechsel zwischen monologischen und interaktiv-dialogischen Phasen. Vorlesungen sind zwar in der Regel monologisch ausgerichtet, stark vorgeplant und basieren auf einer schriftlichen Grundlage (Skript, Notizen, Folien usw.), punktuell treten jedoch – auch aus den o.g. Gründen der Strukturierung – dialogisch-interaktive Abschnitte auf, so dass die Studierenden rasch „umswitchen“ müssen. Um Studierenden dieses „Umswichten“ zu erleichtern, können Sie z.B. die interaktiv-dialogischen Abschnitte jeweils immer gleich anmoderieren. Herausfordernd sind darüber hinaus ein schnelles Sprechtempo, eine undeutliche Aussprache sowie alltagssprachliche und idiomatische Wendungen. Achten Sie daher auf eine sprachsensible Gestaltung Ihrer Vorlesung, indem Sie z.B. Ihr Sprechtempo anpassen, mit Pausen und Betonungen zur Hervorhebung wichtiger Inhalte arbeiten und verschiedene Formulierungsalternativen anbieten.
Für internationale Studierende kann eine interaktive Gestaltung der Vorlesung, wie sie hochschuldidaktisch gewünscht ist, besonders herausfordernd sein, da sie möglicherweise wissenschaftlich anders sozialisiert sind. Das Fragenstellen kann in einigen Wissenschaftskulturen, aus denen die internationalen Studierenden kommen, nicht üblich oder nicht erwünscht sein. So ist es möglicherweise unhöflich, Dozierende zu unterbrechen oder es wird als widersinnig wahrgenommen, dass Dozierende den Studierenden in der Vorlesung Fragen stellen, da die Dozierenden doch selbst bereits über das Wissen verfügen. Auch könnten Studierende auf Fragen verzichten, da ein Fragen oder Kommentieren in einigen Wissenschaftskulturen nicht akzeptabel wäre.
Als Dozierende können Sie schlicht nicht alle kulturspezifischen Unterschiede Ihrer (international) heterogenen Studierendengruppen kennen. Didaktisch ist vielmehr eine allgemeine Sensibilisierung für unterschiedliche Wissenschaftskulturen bedeutsam. Ich empfehle daher, dass Sie die Lernziele und Anforderungen sowie die Tatsache, dass Sie sich Fragen und Diskussionsbeiträge explizit wünschen, zu Beginn der Vorlesung jeweils transparent machen und erläutern, da Ihre Art zu lehren aus den genannten Gründen nicht ohne weiteres kulturübergreifend vorausgesetzt werden kann.