Vorlesungen als eine zentrale Lehrveranstaltungsform

24. April 2026

Die Vorlesung weist eine lange Tradition als Lehrveranstaltungsform auf und ist auch perspektivisch nicht aus dem universitären Lehralltag wegzudenken. Ein wesentlicher Vorzug der Vorlesung besteht darin, einer großen Zuhörerschaft Inhalte komprimiert darzubieten (vgl. Brinkschulte, 2015, S. 9). Aus Sicht der Hochschulen ist sie damit bildungsökonomisch nicht zu übertreffen (vgl. Webler, 2013, S. 89).

Weitere didaktische Vorteile der Vorlesung sind ein kompakter Überblick über das Fach, eine effiziente und didaktisch reduzierbare Darstellung der Inhalte, gleiche Informationen für alle Studierenden, eine lebendigere Aneignung von Inhalten (im Vergleich zu schriftlichen Texten), das Aufwerfen von Fragen, die Möglichkeit der interaktiven Gestaltung und das Fördern des Zuhörens (vgl. Webler, 2013, S. 89).

Als Lehrveranstaltungsform verfügt die Vorlesung über eine eigene Struktur und erfüllt spezifische Zwecke. Daher plädiere ich für ein komplementäres Verständnis verschiedener Lehrveranstaltungsformen wie Vorlesung, Übung, Seminar oder Kolloquium. Der zentrale Zweck der Vorlesung besteht in der Wissensvermittlung (vgl. Brinkschulte, 2015). Dozierende als Expert*innen geben in kurzer Zeit Wissen an die Studierenden als Noviz*innen weiter und führen diese in die Inhalte, Methoden und Denkweisen des neuen Fachs ein. Charakteristisch dabei ist die Tatsache, dass die Dozierenden gegenüber den Studierenden in der Regel über einen deutlichen Wissensvorsprung verfügen.

Für eine lernförderliche Gestaltung der Vorlesung ist es bedeutsam, die Lehrenden- und Inhaltsorientierung als zwei zentrale Eigenschaften didaktisch angemessen zu berücksichtigen. Sie stehen sich tendenziell als Gegensätze gegenüber, und dieses Spannungsfeld können Sie nicht auflösen. Eine wichtige Frage lautet daher: Wie können Sie mit diesen Eigenschaften konstruktiv umgehen? Die Konsequenz aus der Lehrendenorientierung sollte sein, dass Sie die Studierenden aktiv an der Vorlesung beteiligen, sie für die Mitarbeit motivieren und die Vorlesung insgesamt lernförderlich gestalten. Die Inhaltsorientierung können Sie antizipieren, indem Sie Inhalte bewusst auswählen, didaktisch reduzieren und strukturiert darbieten. Wie dies gelingen kann, skizziere ich im folgenden Abschnitt.

Neben den didaktischen Möglichkeiten, die die Vorlesung bietet, gilt es zugleich auch ihre Grenzen zu reflektieren. So führt die Kommunikationssituation im Hörsaal die Anonymität der Massenuniversität deutlich vor Augen und kann zu einer sinkenden Lernmotivation der Studierenden führen (vgl. Webler, 2013, S. 88). Webler (2013, S. 88) nennt einige weitere didaktische Implikationen der Vorlesung, die nachteilhaft für den Lernerfolg der Studierenden sein können. Die Vorlesung kann z.B. dazu führen, dass die Lernenden verstärkt eine passive und rezeptive Lernhaltung einnehmen oder zurückhaltend sind, sich aktiv zu beteiligen. Als Lehrveranstaltung ist die Vorlesung stark lehrendenzentriert. Die Heterogenität der Studierenden kann nur sehr begrenzt berücksichtigt werden, eine Individualisierung des Lernens ist nahezu unmöglich.

Wenn Sie eine stärkere Aktivierung der Studierenden erreichen wollen, bieten sich alternative Formate wie Flipped Classroom an (vgl. Hellermann, 2016, S. 52). Das Grundprinzip besteht darin, die Wissensvermittlung aus der Vorlesung in das Selbstlernen zu verlagern. Die Studierenden erarbeiten sich die Inhalte selbst, die Materialien werden ihnen vorab bereitgestellt. Die Vorlesungszeit wird für Fragen, Übungen und praktische Aufgaben genutzt, um so noch eine stärkere Aktivierung der Lernenden zu erreichen. Gerade bei kleineren Studierendengruppen sollte vom Format der Vorlesung abgewichen und auf dialogisch-diskursivere Lehrveranstaltungsformen wie das Seminargespräch umgestellt werden.

Auch wenn Sie die Grenzen der Vorlesung nicht auflösen können, ist es sinnvoll, diese in Ihren didaktischen Überlegungen zu berücksichtigen. In diesem Beitrag erhalten Sie einige Hinweise dazu, wie Sie mit diesen Grenzen konstruktiv umgehen und Vorlesungen lernförderlich gestalten können.

Autor*in

  • Dr. Martin Wichmann, Germanistische Linguistik, Fakultät für Philologie, Ruhr-Universität Bochum. Schwerpunkte: mündliche, angewandte und vermittlungsbezogene Aspekte des Deutschen (als Fremdsprache): gesprochene Wissenschaftssprache, mündliche Varietäten, Hörverstehensdidaktik und Lehrwerkanalyse. , martinwichmann

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