Vorlesungen als Erlebnis

24. April 2026

Vorlesungen sollten einen Mehrwert gegenüber der (aufgezeichneten) Online-Vorlesung oder dem Selbststudium haben. Damit Studierende dieses „Live-Erlebnis“ erfahren können, sollten Sie auf verschiedene Gestaltungselemente zurückgreifen.

Eine interaktive Gestaltung der Vorlesung wird hochschuldidaktisch immer wieder gefordert (vgl. z.B. Dubs, 2019). Für eine stärkere Aktivierung der Studierenden bieten sich verschiedene „Werkzeuge“ an, die Sie auch miteinander kombinieren sollten. Dies kann v.a. durch (inhaltliche) Fragen an die und von den Studierenden oder Voting-Tools geschehen. Votings-Tools können auf vielfältige Weise eingesetzt werden, so z.B. zur Erstellung von Meinungsbildern, zur Aktivierung von Vorwissen, als auflockerndes Element (z.B. für intuitive Einschätzungen der Studierenden), zur begründeten Entscheidungsfindung (z.B. bei verschiedenen Antwortmöglichkeiten) und zur Formulierung von Fragen zu den Vorlesungsinhalten im geschützten Raum.

Zu einer stärkeren Aktivierung der Studierenden trägt auch die Strukturierung von Arbeitsphasen nach dem Prinzip think – pair – share (vgl. Hellermann, 2016, S. 49 oder Herbst, 2016, S. 6-8) wesentlich bei. Nach diesem Prinzip gehen Sie wie folgt vor. Sie stellen den Studierenden eine Frage. Über diese Frage denken die Studierenden jeweils für sich nach und machen sich dazu Notizen (think). Im nächsten Schritt tauschen sich die Studierenden zu zweit (naheliegenderweise mit der Sitznachbarin oder dem Sitznachbarn) aus (pair). Anschließend besprechen Sie die Frage im Plenum, indem Sie z.B. einzelne Studierende aufrufen oder auf deren Meldungen reagieren. Durch die Abstimmung zu zweit mit der Sitznachbarin oder dem Sitznachbarn gewinnen die Studierenden an Selbstbewusstsein, ihre Antwortvorschläge sind dadurch stärker abgesichert und die kommunikative Hemmschwelle, sich in einem größeren Auditorium zu äußern, sinkt.

Wichtig ist dabei auch, dass Sie regelmäßig Fragen an die Studierenden in Ihre Vorlesung einbauen und ihnen darüber hinaus auch Raum geben, selbst Fragen an Sie zu adressieren. Auch wenn dies Zeit in Anspruch nimmt, die nicht zur Vermittlung weiteren Wissens zur Verfügung steht, ist dies aus verschiedenen Gründen didaktisch sinnvoll. Zum einen kommen Sie stärker in Kontakt mit den Studierenden. Zum anderen können mögliche Fragen der Studierenden aufschlussreich für Sie sein. Sie erhalten dadurch ein wichtiges Feedback zu möglichen Schwierigkeiten der Studierenden bei der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Vorlesungsinhalten.

Eine geeignete Methode zur Selbsteinschätzung der Studierenden ist der Sicherheitscheck. Die Studierenden notieren auf einem Notizzettel eine Skala von 0 (unsicher) bis 10 (sehr sicher). Sie schätzen selbst ein, wie sicher sie ein Thema beherrschen, woran sie dies festmachen und was sie noch leisten müssen oder benötigen, um mehr Sicherheit zu erlangen.

Darüber hinaus sollten Sie systematisch Beispiele einbauen und so an die Erfahrungswelt der Studierenden anknüpfen. Zusätzliche Informationen, die nicht auf den Vorlesungsfolien stehen, stellen ebenfalls einen Mehrwert der Vorlesung dar. Hier können Sie weitere Beispiele und Erklärungen oder Exkurse einbauen und den Studierenden dadurch zusätzliche Angebote zum Verstehen neuer Inhalte machen. Wichtig dabei ist, dass Sie den Studierenden deutlich machen, worum es sich bei diesen zusätzlichen Informationen jeweils handelt. Möchten Sie z.B. ein zusätzliches Beispiel zur Erklärung eines Zusammenhangs anführen oder einen Aspekt durch einen Exkurs vertiefen? Bei der Strukturierung der Vorlesungsinhalte können Sie auch mit Spannungselementen arbeiten, um das Interesse der Studierenden an fachlichen Fragen oder Problemen noch zu verstärken. Spannungselemente können z.B. Aufbereitungen der Inhalte in Form von Fragen oder Problemstellungen sein. Die Studierenden müssen sich mit diesen zunächst selbst auseinandersetzen, bevor ihnen die Lösung präsentiert wird.

Vor allem sollten Sie Ihre Lehrpersönlichkeit zeigen. Es ist wichtig, dass die Studierenden Sie bei aller fachlichen Expertise auch als Persönlichkeit wahrnehmen. Wie dies geschieht, kann sehr unterschiedlich ausfallen und sollte zu Ihnen passen, damit es authentisch wirkt. Ihre Begeisterung für das eigene Fach sollte für die Studierenden spürbar sein. Beispiele aus Ihrem Alltag, biografische Einblicke sowie das Vorleben von Werten und beruflichem Ethos machen Ihre Lehrpersönlichkeit beispielsweise deutlicher sichtbar und prägen sich bei den Studierenden ein.

Autor*in

  • Dr. Martin Wichmann, Germanistische Linguistik, Fakultät für Philologie, Ruhr-Universität Bochum. Schwerpunkte: mündliche, angewandte und vermittlungsbezogene Aspekte des Deutschen (als Fremdsprache): gesprochene Wissenschaftssprache, mündliche Varietäten, Hörverstehensdidaktik und Lehrwerkanalyse. , martinwichmann

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