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Künstliche Intelligenz und diversitätssensible und inklusive Hochschullehre

Künstliche Intelligenz (KI) kann im Kontext von Inklusion sehr unterschiedlich konnotiert werden: Dies reicht von medizinischen Anwendungen wie der Steuerung von Prothesen oder der Anpassung von Hörgeräten bis hin zu technischen Hilfsmitteln für mehr Zugänglichkeit, etwa durch smarte Brillen, die Gesichter erkennen und vorlesen können. Unserer Eingangsdefinition von diversitätssensibler und inklusiver Bildung folgend rückt für die Hochschullehre jedoch eine andere Form von KI in den Fokus: generative Technologien, insbesondere Sprachmodelle wie Chatbots (zum Beispiel ChatGPT). Diese Systeme können Texte generieren, Aufgaben formulieren und so bei der individuellen Unterstützung von Lernenden helfen. Im vorliegenden Beitrag liegt der Fokus bewusst auf den Handlungsmöglichkeiten der Lehrenden, um Barrieren abzubauen und Teilhabe zu ermöglichen. Im Folgenden gehen wir daher vor allem auf die Potenziale und Herausforderungen generativer KI-Tools zur Gestaltung diversitätssensibler und inklusiver Lehr-Lern-Settings ein.

Es ist äußerst wichtig anzuerkennen, dass jegliche Technik eine gute, durchdachte und inklusive Gestaltung von Lehre nicht ersetzen oder übernehmen kann. Zudem sollten generative Technologien nicht zum Selbstzweck eingesetzt werden. Gleichwohl können KI-Tools Ihnen bei zielorientierter Anwendung dabei helfen, Ressourcen sinnvoll einzusetzen.

Generative KI kann zur individuelleren Gestaltung Inhalte um verschiedene Formate anreichern, zum Beispiel Text um visuelle oder auditive Elemente. Ebenso können Sie besonderen Bedarfen durch individuelle Nutzung bestimmter KI-Tools leichter begegnen, indem Sie zum Beispiel Übersetzungen oder Untertitel einfügen lassen. Je nach Ihrer Zielsetzung, können Sie sich von KI-Tools „beraten“, „informieren“ und „unterstützen“[1] lassen, ebenso wie Sie diese Möglichkeit der KI-Nutzung den Studierenden erklären können. Sie können Anleitungen und konkrete Aufgabenformulierungen mithilfe von generativen Technologien erstellen. Generative KI kann auch dabei helfen, verschiedene Aufgaben bei gleichem Schwierigkeitsgrad, als auch Aufgaben mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad zu formulieren (OECD 2024, EC 2022). Beachten Sie jedoch immer, dass generative Sprachmodelle die Ausgaben auf Basis statistischer Wahrscheinlichkeiten erstellen und diese daher immer unter Vorbehalt und dem Risiko von Falschinformationen bewertet werden müssen.

Interessant ist außerdem die Möglichkeit, mithilfe von generativer KI, zum Beispiel Chatbots, Ihre Selbstreflexion als Lehrperson und die professionelle Lehrkompetenzentwicklung zu stimulieren: Sie können lehrbezogene Herausforderungen „diskutieren“ und „Feedback“ zur Planung und Durchführung erhalten (zum Beispiel auf der Grundlage von Universal Design for Learning mit Ludia).

Die individuelle Nutzung von KI-Tools durch Studierende stellt jedoch ein Risiko dar. Es gilt, einen gleichberechtigten Zugang zu diesen Tools zu sichern. Einige KI-Tools sind kostenpflichtig, andere erfordern eine gewisse Hardware, die nicht immer vorhanden ist. Hier kann es helfen, wenn Sie als Lehrende die KI-Tools anwenden und das generierte Ergebnis (zum Beispiel Transkripte) für Ihre Studierenden bereitstellen.

Es besteht zudem das Risiko, dass Probleme von Zugänglichkeit, Adaptierbarkeit und Barrierefreiheit individualisiert werden. Auf diese Weise wird Techno-Ableism (OECD 2024) erzeugt.

Exkurs zu Techno-Ableism

„Technoableism is a belief in the power of technology that considers the elimination of disability a good thing, something we should strive for.“ (Shew 2023 )

Nicht-behindert sein wird dabei als erstrebenswerter Zustand und implizit höherwertig angesehen. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass Technologie Probleme von Gerechtigkeit, Inklusion, Partizipation und Gleichberechtigung nicht lösen kann. Individuelle Lösungen sind oft gefährlich, da sie bestehende Stereotype verstärken können (zum Beispiel die Annahme, dass sich Menschen mit Behinderungen nur genug anpassen müssen) ohne die zugrunde liegenden Strukturen zu verändern.

Was unter Gesichtspunkten von diversitätssensibler und inklusiver Bildung besonders zu beachten ist, sind generelle Probleme bei der Anwendung von generativer KI, wie die Reproduktion von Stereotypen, und die nicht vorhandene gleichberechtigte Repräsentation aller Bevölkerungsgruppen. Diskriminierende Praktiken sind in generativer Technologie inhärent. Das bedeutet für Sie, wenn Sie sie nutzen: Sie müssen wachsam sein, um die Diskriminierung zu erkennen, und dann nacharbeiten. Gleichzeitig besteht das Potential, durch technische Unterstützung den eigenen Verzerrungen und Vorannahmen (Bias) auf den Grund zu kommen.

Datenschutz und Verantwortlichkeiten sind zudem oftmals unklar oder gar nicht geregelt (EC 2022). Die Ruhr-Universität stellt mit GPT@RUB eine den EU-Datenschutzrichtlinien entsprechende Anwendung zur Verfügung.

Achten Sie ebenso darauf, sozio-emotionale Aspekte des Lernens zu berücksichtigen, zum Beispiel durch Interaktion und kooperative Formate. Ein übermäßiges individualisiertes Lernen mit KI-Tools kann diese sozio-emotionalen Aspekte des Lernens vernachlässigen (OECD 2024).

Aus diesen Chancen und Risiken leiten wir vier konkrete Empfehlungen für Sie als Lehrende ab:

  1. Informieren Sie sich, um KI zu verstehen. Lernen Sie, welche Aspekte für einen vertrauensvollen Einsatz notwendig sind, und welche Fragen an ein Tool zu stellen sind, um diese Aspekte zu überprüfen. Die Europäische Kommission hat Leitfragen für Lehrende entwickelt, die dabei helfen können (EC 2022).
  2. Besuchen Sie Fortbildungen (an der RUB z.B. Innovation trifft Inklusion: KI-Anwendungen für barrierefreie Medien), um einen KI-Einsatz für Ihre Lehre begründet abwägen zu können, um selbigen auszuprobieren, sich über Möglichkeiten auszutauschen, wie KI im Sinne von inklusiver Bildung einzusetzen ist, und wie die Risiken begrenzt werden können.
  3. Nutzen Sie Daten und Learning Analytics. Diese können hilfreich sein, um eine erste Unterstützung für die Studierenden (KI-generiertes „Feedback“, automatisierter Hinweis auf Texte oder andere Lehrmaterialien) sicherzustellen.
  4. Sprechen Sie mit Ihren Kolleg*innen über KI-Tools und ihren möglichen Einsatz in der Lehre. Treffen Sie Entscheidungen für oder gegen ein Tool im Team und in Absprache. Es ist bislang unklar, welche weiteren Auswirkungen der Gebrauch von KI-Tools auf die Interaktionen und Dynamiken an der Hochschule und im Lehrsetting haben wird. Im Sinne inklusiver Pädagogik kann dazu geraten werden, der Isolation, die durch vermehrte Anwendung individueller Tools entsteht, durch gezielte Kooperation und Interaktion während der Lehrveranstaltung entgegenzuwirken.

[1] Wir sind uns bewusst, dass ein generatives Sprachmodell nicht beraten, informieren und unterstützen kann, sondern halluzinierte Wahrscheinlichkeiten produziert. Daher setzen wir diese Wörter hier und im Folgenden in Anführungszeichen.

Autor*innen

  • Dr. Astrid Tan, koordiniert das hochschuldidaktische Teilprojekt der Europäischen Universität UNIC für das Zentrum für Wissenschaftsdidaktik der Ruhr-Universität Bochum. Schwerpunkte: Virtual Exchange, Entwicklung von (digitalen) Materialien für Lehrende zum Thema Interkulturelle Lehre. Zuvor wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Inklusive Bildung., astridtan
  • Dr. Robin Matz, Mitarbeiter im Zentrum für Wissenschaftsdidaktik der Ruhr-Universität Bochum. Tätigkeitsschwerpunkte: Hochschuldidaktisches Qualifizierungsprogramm, Betreuung von Studierenden, Beratung zu Lehrkonzepten.

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