Wie können Studium und Lehre international(er) gestaltet werden?

Heutige Universitäten zeichnen sich durch hohe Diversität und Internationalität ihres Personals und ihrer Studierenden aus – sie lassen sich somit als multilinguale und multikulturelle Räume verstehen, die dem gemeinsamen und interaktiven Lernen und Forschen dienen. Aus Studien [1] und durch Rückmeldungen von Lehrenden wissen wir zudem, dass seitens internationaler Studienanfänger*innen der fachliche Vorwissensstand heterogen ist, je nach Herkunftsland die akademische „Lehr- und Lernkultur“ teils stark von der in Deutschland etablierten abweicht (vgl. z.B. Hiller 2017) und die Wissenschafts- und Fachsprache vor allem zu Beginn Schwierigkeiten bereitet. Diese und weitere Faktoren erschweren die Partizipation und können den Studienerfolg gefährden: „Den Ausschlag für den Studienabbruch geben nur selten mangelnde Fähigkeiten, oft dagegen Gründe wie fehlendes Zugehörigkeitsgefühl zur Hochschule oder die Schwierigkeit, sich im unbekannten Studiensystem zurechtzufinden“ (SVR-Forschungsbereich 2017, S. 33).

Um eine internationale und interkulturelle Dimension in Studium und Lehre zu integrieren, sind sehr vielfältige Ansätze möglich. Welche IaH-Maßnahmen sinnvoll und effektiv sind, richtet sich nach den spezifischen Voraussetzungen der Hochschule, der Fakultät und der individuellen Lehrveranstaltung, so dass diese sehr unterschiedlich ausfallen können. Auf Ebene der Lehre können Sie beispielsweise bei der Definition der Lernziele eine internationale Dimension berücksichtigen sowie bei der Auswahl der Seminarliteratur und weiterer Arbeitsmaterialien auf interkulturelle Ausgewogenheit bzw. Diversität internationaler Perspektiven achten. Einige Schlüsselmerkmale und Ansätze für die praktische Umsetzung von IaH in der Praxis führen Jones und Reiffenrath für die gleichnamige Expert Community der European Association for International Education (EAIE) an. [2] Eine Sammlung von Ressourcen für die praktische Umsetzung finden Sie außerdem am Ende dieses Beitrags.

Qualitätskriterien und fundierte Empfehlungen, wie verschiedene Akteure die sprachliche und kulturelle Vielfalt an Hochschulen produktiv nutzen können, gehen aus einem internationalen Projekt zu den Chancen und Herausforderungen im multikulturellen und multilingualen Lernraum hervor (vgl. Lauridsen et al. 2015). Der Gruppe der Lehrenden empfehlen die Autor*innen, ein explizites Bewusstsein für die Lehr- und Lernprozesse zu schaffen („Raising awareness about teaching and learning“). Das beinhaltet, die eigenen Lehrmethoden, die Erwartungen an die Studierenden sowie Prüfungsformen und Bewertungskriterien transparent zu machen, explizit zu besprechen und ggf. gemeinsam mit den Studierenden teilweise neu auszuhandeln. Dies erfordert neben Selbstreflexion auch Aufgeschlossenheit gegenüber anderen, ggf. neuen Lehr- und Lernformen: „This may also mean embracing a change in methodologies, such as team teaching (language and subject teachers), peer-tutoring, and tandem learning, as well as reflection on these processes“ (Lauridsen et al. 2015, S. 21). Darüber hinaus stellt sich Lehrenden die Aufgabe die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass alle Studierenden gleichberechtigt partizipieren können, d.h. die existierende Diversität aktiv zu „managen“ und als Ressource zu nutzen: „Using cultural diversity as a classroom resource includes finding ways of integrating experiences and knowledge of both internationally mobile students and local students from diverse backgrounds“ (Jones / Reiffenrath 2020).

Insbesondere in Studiengängen mit einem hohen Anteil internationaler Studierender besteht ein wichtiger und effektiver Ansatz für den produktiven Umgang mit Diversität im akademischen Lehr- und Lernkontext darin, für einen stärkeren Austausch zwischen lokalen und internationalen Studierenden zu sorgen und Formen interaktiven Lernens in kulturell heterogenen Arbeitsgruppen zu fördern, durch „teambuilding and collaboration, using the cultural diversity of the students as a resource, and openly discussing cultural differences and cultural expectations“ (Lauridsen et al. 2015, S. 21). Eine interaktive Lernform, die sich dafür gut eignet, ist das Peer-Learning.

Unter Peer-Learning versteht man „ein Konzept, in welchem die Vermittlung von Lerninhalten aktiv und interaktiv zwischen Lernenden gestaltet wird“ (Gerholz 2014, S. 165). Ein „Peer“, d.h. ein Angehöriger der gleichen sozialen Gruppe, ist im akademischen Bereich also ein*e Mitstudierende*r, im gleichen oder einem höheren Semester. Ein großer Vorteil des Peer-Learning-Ansatzes besteht darin, dass er eine „vertrauensvolle Lernatmosphäre“ schafft, „in der Studierende ermutigt werden, Fragen zu stellen, eigene Probleme zu thematisieren und Feedback zu geben, was gleichzeitig die Lernmotivation erhöhen und soziale Isolation vermeiden kann“ (Gerholz 2014, S. 166).

Was versteht man unter Peer-Learning?

Im Peer-Learning laufen nicht nur fachliche sondern, durch die persönliche Interaktion, auch soziale Lernprozesse ab. Stellt man die Peer-Learning-Teams kulturell heterogen zusammen, ist mit diesem sozialen Lernen auch interkulturelle Kommunikation und kulturelles Lernen verknüpft, bei dem Studierende unter Umständen ihre „gewohnte persönliche bzw. kulturelle ‚Komfortzone’ verlassen müssen“ (Otten / Scheitza 2015, S. 22). Gerade dieses „Verlassen der Komfortzone“ kann als starker Katalysator für Reflexionsprozesse über die eigene kulturelle Prägung fungieren und die Basis dafür bilden, sich in Personen mit einem anderen kulturellen Hintergrund hineinversetzen zu können.

[1] u.a. die Sondererhebung zu internationalen Studierenden im Rahmen der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks und des DZHW; zu den Ergebnissen vgl. Apolinarski, B. / Brandt, T.: Ausländische Studierende in Deutschland 2016. Ergebnisse der Befragung bildungsausländischer Studierender im Rahmen der 21. Sozialerhebung. Bonn: BMBF 2018.

[2] www.eaie.org/blog/internationalisation-at-home-practice.html