Mythen rund um’s Lehren & Lernen

Thesen

  • Für Sie als Lehrkraft ist es wichtig, aufmerksam für das Thema Lernmythen zu sein.
  • Lerntypen, Lernpyramide, Vergessenskurve, Digital Natives – sind Beispiele für verbreitete Lernmythen.
  • Mythen rund ums Lernen sind leicht verständlich und erscheinen uns als einleuchtende, allgemeingültige Weisheiten.
  • Der Charme von Lernmythen liegt darin, dass sie hochkomplexe Themen auf simple, griffige Aussagen oder plakative Formeln herunterbrechen.
  • Der Glaube an Lernmythen ist eine von mehreren Ursachen für ineffektives Lernen.
  • Der Glaube an einen Lernmythos wie z.B. die Lerntypen kann als Glaubenssatz mit der Identität eines Menschen verbunden sein. Deshalb kann es für Lernende herausfordernd sein, zu akzeptieren, dass Lerntypen in dieser Form nicht existieren.
  • Der Glaube an Lernmythen kann als „selbsterfüllende Prophezeiung“ Potenziale von Lernenden einschränken.
  • Nachhaltiges Lernen ist ein Prozess und braucht eine aktive kognitive Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand, Zeit, gezieltes Üben, strukturiertes Wiederholen, sinnvolle Anwendung und konstruktives Feedback.

Lernmythen genauer betrachtet

Was sind Lernmythen?

Lernmythen gehören in den Bereich der »Urbanen Legenden«. Es sind verbreitete Annahmen darüber, wie Lernen, unser Gehirn, Lernmedien, Lernmethoden oder die Digitalisierung der Bildung funktionieren – und neuerdings, je nach Perspektive, auch darüber, welche Bildungsprobleme künstliche Intelligenz für uns lösen oder uns bereiten wird. Häufig sind sie leicht verständlich und erscheinen uns als einleuchtende, allgemeingültige Weisheiten.

Sie begegnen uns als Trendbegriffe (Digital Natives), eingängige Formeln (7-38-55), anschauliche grafische Formen (Lernpyramide) oder simple Drei-Schritte-Frameworks und versprechen einfache Erklärungen für hoch komplexe Sachverhalte rund um das Lehren und Lernen

Woher kommen Lernmythen?

Lernmythen haben eine starke narrative Kraft. Manchmal kommen sie sogar als angebliche Zitate berühmter Persönlichkeiten daher, wie Konfuzius („Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“) oder Albert Einstein („Wir nutzen nur 10 Prozent unserer Gehirnkapazität“). Tatsächlich stammen diese Zitate weder von Konfuzius noch von Albert Einstein, sondern wurden im Marketing erfunden, um Produkte zu verkaufen.

Lernmythen vermitteln klare, eingängige Botschaften und halten sich ausgesprochen hartnäckig. Weisheiten wie »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr« haben wir bereits von unseren Eltern oder Großeltern gehört und wenn nicht dort, dann spätestens in der Schule. Manche Lernmythen begleiten uns Jahrzehnte lang. Getarnt als vermeintliche Lebensweisheiten könne sie zu tief verankerten Glaubenssätzen werden. Solche Glaubenssätze können beeinflussen, was und wie wir lernen (visueller vs. auditiver Lerntyp) und sogar, was wir über unsere Talente glauben (z.B. gut in Mathe und deshalb schlecht in Sprachen).

Vereinfachung wissenschaftlicher Erkenntnisse

Andere Lernmythen entstehen durch die Fehlinterpretation oder die zu starke Vereinfachung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ein Beispiel dafür ist der Mehrabian-Mythos. Nach dem Mehrabian-Mythos (7-38-55) nehmen wir in Vorträgen nur 7 Prozent Informationen aus dem Inhalt auf, aber 93 Prozent über Mimik, Gestik und die Stimme.

Jedoch hat Albert Mehrabian in seinen Studien gar keine Präsentationen untersucht, sondern „Silent Messages“. Er erforschte Situationen, wenn verbale und nonverbale Botschaften nicht übereinstimmen. Seine Probandinnen waren 37 weibliche Psychologie-Studierende (Mehrabian, A.; Wiener, M.; 1967). Prof. Mehrabian schreibt seit Jahrzehnten gegen die Fehlinterpretation seiner Studie an. „Es ist eindeutig absurd zu implizieren oder zu behaupten, dass der verbale Anteil aller Kommunikation nur sieben Prozent der Botschaft ausmacht.“ (Albert Mehrabian, zitiert nach Lapakko, D. 2015). Dennoch wird 7-38-55 nach wie vor in Weitertbildungen gelehrt.

Von Einzelbeobachtungen auf Allgemeines schließen

Lernmythen entstehen auch, wenn wir von Einzelbeobachtungen auf Allgemeines schließen („Bei mir ist das so – also ist es immer so!“) oder Kausalität und Korrelation verwechseln. Nur weil zwei Ereignisse gleichzeitig auftreten, bedeutet dies nicht automatisch, dass eines die Ursache des anderen ist. Im Internet gibt es Webseiten, die absurde Scheinkorrelationen aufs Korn nehmen, wie z.B. die von Tyler Given. Ein Beispiel aus der Sammlung von Tyler Given ist die Korrelation zwischen der Anzahl der UFO-Sichtungen in Florida und der Häufigkeit des Vornamens Camden unter Neugeborenen zwischen 1975 und 2020.

Der Charme von Lernmythen liegt darin, dass sie hochkomplexe Themen wie Lernen, unser Gehirn oder zwischenmenschliche Kommunikation auf simple, griffige Aussagen oder plakative Formeln herunterbrechen und scheinbar einfache Patentlösungen für komplizierte Sachverhalte bieten. Häufig fehlt jedoch die wissenschaftliche Evidenz oder Studien und die Praxis widerlegen den Mythos sogar (z.B. die Existenz und Wirksamkeit der Lerntypen). Auf die evidenzbasierte „Entmystifizierung“ der Lerntypen gehe ich weiter unten im Text genauer ein.

Wo tauchen Lernmythen auf?

Lernmythen sind sowohl in unserem Alltag als auch in der Lehr- und Lernwelt omnipräsent. Wir finden Sie in den sozialen Medien und in Ratgeberliteratur, auf Seminar-Flipcharts in Weiterbildungen und bekommen Sie in Vorträgen präsentiert. Sogar auf pädagogischen Fachveranstaltungen und in der Fachliteratur stoßen wir gelegentlich auf sie. Zur Verbreitung und Persistenz von Lernmythen unter Lehrkräften und pädagogischem Fachpersonal gibt es mittlerweile zahlreiche Publikationen wie z.B. Asberger et al. (2020), De Bruyckere, P. et. al (2015), Steins, G. et. al. (2022) und Siegel, S. (2024).

Ein typisches Beispiel für die Hartnäckigkeit und Verbreitung eines Lernmythos sind die Lerntypen. Das wir Lernende in visuelle, kinästhetische und auditive Lerntypen einteilen sollten, ist seit Jahren durch zahlreiche Studien und Metaanalysen, wie z.B. die Hattie-Studien (Hattie 2012, 2024) widerlegt. Es ist erwiesenermaßen viel lerneffektiver, Medien und Methoden statt nach vermeintlichen Lerntypen auf Lernziele, Lernthemen und das Vorwissen unserer Lernenden abzustimmen, vgl. Bauer, J., & Asberger, J. (2022), Bruyckere, P., Kirschner, P., & Hulshof, C. (2015), Daumiller, M., & Wisniewski, B. (2022). Wie man dabei zielführend vorgehen könnte, erläutere ich in der weiter unten folgenden Dekonstruktion des Lernmythos „Lerntypen“.

Eine einfache Internetsuche nach den Lerntypen liefert dennoch unzählige Treffer, begleitet von Hinweisen, wie diese in Lehr-Lernkontexten anzuwenden seien.

Warum sollten Sie sich mit Lernmythen beschäftigen?

Der Haken an Lernmythen ist, dass die wissenschaftliche Evidenz dieser einfachen Patentlösungen meist dünn bzw. nicht vorhanden ist. Oft widerlegen Studien sie eindeutig, wie das Beispiel der Lerntypen zeigt.

Was passiert, wenn wir Entscheidungen zur Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen nicht evidenzbasiert, sondern auf der Grundlage von wissenschaftlich nicht haltbaren Lernmythen treffen?

Die Folge sind ineffektive/unwirksame Lernprozesse, verschenktes Potenzial und Schulbladendenken. Wir verschwenden Zeit, Potenzial und Energie – unserer Lernenden und von uns selbst.

Natürlich sind Lernmythen nicht die einzige Ursache für ineffektives Lernen. Dafür ist das Thema zu komplex. Nicht auf Lernweisheiten und Trendbegriffe, sondern auf evidenzbasierte Methoden zu setzen, ist jedoch eine geeignete Stellschraube, um Lernen wirksamer zu gestalten.

Wie können Sie Lernmythen entkräften?

Achtung!
Wie bereits erläutert, kann der Glaube an Lernmythen wie z.B. die Lerntypen mit der Identität und den Glaubenssystemen eines Menschen verbunden sein. Ist ein*e Lernende*r z.B. überzeugt, ein visueller Lerntyp zu sein, kann es für ihn*sie herausfordernd sein, zu akzeptieren, dass Lerntypen in dieser Form nicht existieren.

Rütteln wir durch das Widerlegen eines Lernmythos an Glaubenssystemen, spüren Menschen häufig einen inneren Widerstand. Die Widerlegung eines Lernmythos erfordert deshalb ein didaktisch kluges, strukturiertes und wertschätzendes Vorgehen.

Im folgenden Abschnitt finden Sie einen Vorschlag für eine strukturiere Vorgehensweise zur Entkräftung eines Lernmythos. Die Anwendung dieses Frameworks demonstriere ich am Beispiel der Lerntypen.


Methode: Framework zum Entkräften von Lernmythen

  1. Benennen Sie den Mythos und beschreiben Sie dessen Kernaussage.
  2. Erklären Sie, was der Denkfehler an dieser Aussage ist.
  3. Erzählen Sie die Geschichte hinter dem Mythos und woher er stammt. Nennen Namen, Orte, Daten, Ereignisse. Nutzen Sie Storytelling.
  4. Liefern Sie evidenzbasierte Fakten, die begründen, warum der Mythos so nicht zutrifft.
  5. Zeigen Wertschätzung gegenüber dem (in der Regel vorhandenen) wahren Kern des Mythos und erklären Sie, was wir trotzdem daraus lernen können.
  6. Beschreiben evidenzbasierte alternative Vorgehensweisen, Wege und Methoden und begründen Sie, warum diese wirksamer sind.
  7. Fassen Sie abschließend kurz zusammen, warum es sich um einen Lernmythos handelt, was wir trotzdem daraus lernen können und zeigen Sie wirksame Alternativen auf.

Argumentieren Sie immer lösungsorientiert und wertschätzend.

Beispiel: Strukturierte Entkräftung eines Lernmythos am Beispiel der Lerntypen

1. Was ist der Mythos?

Unter Lehrkräften, Lehramtsstudenten und pädagogischen Fachkräften ist der Glaube an die Lerntypen, also dass wir Menschen in auditiv, visuell, haptisch oder kognitiv Lernende einteilen können, nach wie vor weit verbreitet (Asberger, J. et. al. 2020; Newton, P. M. & Salvi, A.; 2020). Dazu gehört die Überzeugung, mithilfe eines einfachen Tests ermitteln zu können, welchem Lerntyp ein Mensch angehört und das eine Anpassung der Lernmedien, Lernmethoden und Lernumgebungen an den jeweiligen Lerntyp den Lernprozess dieses Menschen fördert.


2. Was ist der Haken?

Zahlreiche Studien widerlegen die Wirksamkeit der Lerntypen. Die Hattie-Studie attestiert der Anpassung von Lernmethoden an Lerntypen eine Effektstärke von Null, der Einteilung von Lernenden in die Schublade der Lerntypen sogar einen negativen Effekt (Hattie J., 2024, Hattie, J. et. al 2025).

Clinton?Lisell und Litzinger (2024) untersuchten in ihrer Metaanalyse, ob Lerntypen wirklich ein Neuromythos sind. Dafür analysierten sie 101 Effektgrößen in 21 Studien mit insgesamt 1.712 Teilnehmenden. Sie fanden nur sehr geringe Effekte. Andere Methoden, wie eine abgestimmte multimodale Kombination von Bild- und Textinformationen, oder eine didaktisch sinnvolle Segmentierung sind wirksamer und inklusiver. Beide Methoden zeigen wesentlich stärkere Effekte bei geringerem Aufwand. Dazu kam: bei 85 Prozent der Lernenden war es nicht möglich, diese eindeutig einem Lerntyp zuzuordnen.

Die Haupterkenntnis der Metastudie ist, dass Lerntypen kein evidenzbasiertes Modell für effektives Lernen sind. Damit reiht sich diese Studie in zahlreiche andere Untersuchungen zu den Lerntypen ein, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Eine Auswahl finden Sie im Literaturverzeichnis.

Dennoch halten sich die Lerntypen hartnäckig und sind teilweise nach wie vor Bestandteil der Ausbildung von Lehrkräften. Sinatra und Jacobson (2019) bezeichnen die Lerntypen deshalb als »Zombies« unter den Lernmythen.

Wie auch Clinton Lisell und Litzinger (2024) feststellten, sind Lerntypentests wenig aussagekräftig. Ein Grund dafür ist unter anderem der sogenannte Bestätigungsfehler (Confirmation Bias, vgl. Nickerson, R. S.; 1998): Wir tendieren dazu, Informationen so zu filtern, dass sie unsere Überzeugungen bestätigen, und gegenteilige Fakten zu ignorieren. Bin ich beispielsweise überzeugt, ein visueller Typ zu sein, tendiere ich dazu, die Testfragen so zu beantworten, dass meine Überzeugung bestätigt wird. Hinzu kommt der Barnum-Effekt (Forer, B. R.; 1949). Er besagt, dass wir aus allgemein gehaltenen Aussagen gern einen für uns passenden Aspekt herausfiltern und deshalb meinen, dass die Aussage insgesamt auf uns zutrifft.

 

3. Der Ursprung der Lerntypen

Dieser reicht bis in die 1970er-Jahre zurück. Der deutsche Biochemiker Frederic Vester machte das Konzept 1975 mit seinem Buch »Denken, Lernen, Vergessen« populär. Er stellte darin die Lerntypen als Hypothese vor. Sein Buch legte den Grundstein für die spätere Verbreitung der Lerntypen. Inzwischen gibt es zahlreiche Varianten und Weiterentwicklungen wie z. B. die VARK-Klassifikation von Flemming aus 1980er-Jahren. VARK steht für visuell, auditiv, read/write und kinästhetisch.

 

4. Die Fakten

  • Beim Lernen geht es darum, Lerninhalte aktiv kognitiv zu verarbeiten und zu verstehen – unabhängig davon, mit welcher Medienform oder Methode diese präsentiert werden.
  • Eine Individuelle Präferenz bedeutet nicht automatisch Effektivität. Nur weil man Sahnetorte lieber mag als Brokkoli, ist Sahnetorte nicht gesünder.
  • Studien belegen, dass die Anpassung von Lernmedien, -methoden und Lernumgebungen an Lerntypen bei großem Aufwand weder das Lernen fördert noch den Lernerfolg verbessert. Es ist im Gegenteil aufwendig, teuer und empirisch fragwürdig (Clinton Lisell und Litzinger (2024), Coffield et al., 2004 und Pashler et al., 2008, Hattie, 2024).
  • Lernerfolg ist von vielen Faktoren abhängig. Lernprozesse werden unter anderem durch das Vorwissen, das Lernthema, die Motivation und die Lernumgebung der Lernenden beeinflusst.
  • Wir lernen selten nur mit einem Sinneskanal. Meist lernen wir mit Mischformen wie z. B. mit Bild-Text-Kombinationen in einem Buch, indem wir zuhören und uns Notizen machen oder wenn wir etwas anschauen, diskutieren und dann ausprobieren.
  • Multimodale Instruktion (z.?B. Text + Bild) ist wirksamer und inklusiver.
    Lernen mit Bild und Text gemeinsam ist effektiver als nur mit Bildern oder nur mit Text. Dieses Multimedia-Prinzip (Mayer, 2020) ist gut erforscht. Das Multimedia-Prinzip widerspricht damit dem Konzept der Lerntypen, z. B. für visuell Lernende nur Bilder bereitzustellen.
  • Der Glaube an Lernstile kann als „selbsterfüllende Prophezeiung“ Lernenden schaden und deren Potenziale einschränken. Bei Lernenden kann dieser Glaube zu falschen Annahmen über feste, unveränderliche Fähigkeiten führen. Menschen sind jedoch ein Leben lang fähig Neues zu lernen und sollten dies auch tun.
  • Die Einteilung in Lerntypen kann dazu führen, dass Lernende ineffektive Lernstrategien entwickeln und ihr Potenzial nicht ausschöpfen, weil sie sich auf ihren vermeintlich optimalen Lernkanal verlassen und für das Lernthema effektivere Lernstrategien ignorieren.
  • Teilen wir als Lehrkräfte unsere Lernenden in Lerntypen ein, besteht die Gefahr, dass wir sie in eine Schublade stecken und so Potenziale nicht ausschöpfen wie z. B.: »Das ist ein auditiver Lerntyp, also empfehle ich ihm dieses hilfreiche Buch besser nicht.«
  • Was wir glauben zu tun und wie wir es tun, ist nicht immer dasselbe! Das gilt auch für Lerntypentests. Wir neigen dazu, die Fragen in solchen Tests entsprechend unserer bereits getroffenen Vorannahmen und Überzeugungen zu beantworten und erkennen uns in allgemein gehaltenen Aussagen wieder (siehe oben).


5. Der wahre Kern des Lerntypen-Mythos und was wir daraus lernen können

Frederic Vester hat eine wichtige Diskussion über unsere individuellen Unterschiede in der Art und Weise, wie wir lernen angestoßen. Wir haben unterschiedliche Vorlieben beim Lernen und können auf verschiedene Art und Weise lernen. Der eine mag Podcasts, die andere ist eine Leseratte. Manche sind beides zugleich.

Ein wichtiges und weithin akzeptiertes Modell in der Forschung zum multimodalen Lernen ist die Dual-Coding-Theorie (Paivio, A. 1986, 2007). Nach der Dual-Coding-Theorie nehmen wir Bild- und Textinformationen mit zwei unterschiedlichen Kanälen wahr. Haben wir erfolgreich gelernt, wurden die Informationen aus beiden Kanälen verbunden, mit unserem Vorwissen verknüpft und zu einem kohärenten Modell im Langzeitgedächtnis zusammengefügt (Kohärenzbildung).

 

6. Was funktioniert stattdessen?

Statt auf Lerntypen zu setzen, ist es zielführender, wenn Sie ihren Fokus auf gute Didaktik sowie auf eine auf Lernziel und Lernthema abgestimmte multimodale Instruktion und Medienwahl legen.

Leider gibt es dafür weder eine Patentlösung noch das 3-Schritte-Framework für den garantierten Lernerfolg. Hier ist ihre Erfahrung als Pädagoge sowie die gute Kenntnis ihrer Lernenden und ihrer Lerninhalte gefordert. Die folgenden Punkte können Ihnen jedoch helfen, für ihre Lernenden, ihr Lernziel und ihr Lernthema passende Medienform zu wählen.

  • Gestalten Sie Lernumgebungen so, dass eine schnelle und sinnvolle Verknüpfung von zusammengehörigen Bild- und Textinformationen gefördert wird. Nutzen Sie dafür wissenschaftlich fundierte Modelle zum erfolgreichen multimedialen Lernen aus der pädagogischen Psychologie, wie beispielsweise die Multimedia-Prinzipien von R. E. Mayer (2020).

Viele dieser Prinzipien basieren auf bewährten Gestaltungsgrundsätzen aus dem Informationsdesign und des Grafikdesign, etwa aus der Gestalttheorie von Max Wertheimer (2017). Dazu zählt beispielsweise das Prinzip der Nähe. Dieses besagt, dass zusammengehörige Bild- und Textinformationen in enger räumlicher Nähe präsentiert werden sollten, um lernförderlich zu sein.

  • Kombinieren Sie Bild und Text didaktisch sinnvoll und sorgen Sie dafür, dass sich Bild- und Textinformationen ergänzen, statt sich zu doppeln. Eine durchdachte Abstimmung von Bild und Text ist lernwirksamer als der alleinige Einsatz von Bild oder Text (Multimedia-Prinzip).
  • Kennen Sie Ihre Lernenden: Was wissen Sie über deren Vorwissen, Vorlieben, Lernbedürfnisse und Interessen? Passen Sie Instruktion, Lernniveau und Lernumgebung bestmöglich daran an. Adressieren Sie Heterogenität durch Binnendifferenzierung.
  • Wählen Sie eine Medienform und Methode die bestmöglich auf Ihr Lernthema, Ihr Lernziel und das Vorwissen sowie die Interessen ihrer Lernenden einzahlt.
  • Entwickeln Sie Lerneinheiten, die für Ihre Lernenden relevant, nützlich, lebensnah und zugänglich sind. Arbeiten Sie mit nachvollziehbaren Beispielen, die an die Lebenswelt ihrer Lernenden anknüpfen. Beantworten Sie das „WARUM sollte ich diesen Lerninhalt lernen und WOZU brauche ich das?“ ihrer Lernenden schlüssig und nachvollziehbar.

Das Fazit 

Lerntypen sind der Zombie unter den Lernmythen, weil sie seit Langem wissenschaftlich widerlegt sind, sich dennoch hartnäckig halten und immer wieder im Lehr-Lernkontext auftauchen. Statt Lerntypen zu adressieren, ist es zielführender, Materialien, Medien und Methoden auf das Lernthema, die Lernziele und die Bedürfnisse Ihrer Lernenden abzustimmen.

Lernen ist ein Prozess, der von vielen Faktoren beeinflusst wird. Menschen in Schubladen wie die Lerntypen einzusortieren, ist hierfür keine Lösung.

Nachdem wir einen Lernmythos exemplarisch dekonstruiert haben, stellt sich die Frage, woran Sie einen Lernmythos erkennen.

Wie können Sie Lernmythen identifizieren?

Um Lernmythen zu erkennen, ist es hilfreich, unser Wissen über kognitive Fallstricke zu erweitern. Den Barnum-Effekt sowie den Confirmation Bias habe ich in der Dekonstruktion der Lerntypen beschrieben.

Darüber hinaus gilt auch hier die Faustregel: Klingt eine Methode oder ein Trend zu gut, um wahr zu sein, ist es meist auch so. Wirksame Methoden berücksichtigen Unterschiede in Lernthemen, Lernumgebungen, Lernvoraussetzungen, Rahmenbedingungen und individuellen Bedürfnissen unserer Lernenden. Deshalb gibt keine Patentlösung, die bei jedem Lernthema, in jeder Lernsituation und für alle Lernenden funktioniert

Statt kurzfristigen Moden, trendigen Buzzwords oder populären Lernweisheiten zu folgen, setzen Sie deshalb lieber auf evidenzbasierte Ansätze mit nachgewiesener Wirksamkeit.

Lernen und Lerntransfer sind komplexe Prozesse und kein einmaliger Event. Dieser Prozess braucht Zeit, gezieltes Üben, strukturiertes Wiederholen, anknüpfen an Vorwissen, Kontext, sinnvolle Anwendung und kontinuierliches, konstruktives Feedback, damit das Gelernte langfristig im Gedächtnis verankert wird und Lerntransfer stattfinden kann. Tiefes Lernen bedeutet eine aktive kognitive Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand.

Effektive Lehr- und Lernmethoden beruhen auf einer fundierten wissenschaftlichen Basis und werden durch empirische Daten und nicht nur auf Meinungen gestützt. Einfache Patentlösungen für komplexe Themen wie Lehren und Lernen funktionieren selten und sind in vielen Fällen sogar kontraproduktiv.

Wenn also behauptet wird, dass Sie nur dem universell gültigen 3-Schritte-Framework folgen müssen, um das perfekte Lernerlebnis zu gestalten, sollten Sie aufmerksam werden, denn dies ist ein Indikator für einen möglichen Lernmythos.


Die folgende Checkliste hilft Ihnen, Lernmythen zu identifizieren.


Lernmythen-Checkliste

  1. Wird ein komplexer Sachverhalt wie Lernen, das Gehirn oder Lerntransfer übermäßig vereinfacht dargestellt?
  2. Wird behauptet, dass eine Methode, ein Framework oder ein Tool universell für alle Lernenden, alle Lernthemen und alle Lernumgebungen funktioniert?
  3. Wird die Methode/das Framework mit plakativen Zahlen/Zahlenreihen oder simplen Formen wie Pyramiden beschrieben?
  4. Wird ein Einzelfall oder eine persönliche Erfahrung/Beobachtung auf ein gesamtes Konzept übertragen? Nach dem Motto: »Bei mir ist das so …«
  5. Wird ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang hergestellt, nur weil zwei Dinge gleichzeitig passieren, oder behauptet, dass dieselbe Ursache immer denselben Effekt hat?
  6. Werden die alten Griechen oder Konfuzius als Quelle zitiert?
  7. Gibt es wissenschaftlich fundierte, seriösen Belege für diese Behauptung?

Sind Frage eins bis sechs mit Ja, und Frage sieben mit Nein beantwortet, besteht Lernmythenverdacht!

Fazit

Gestalten Sie Lehr- und Lernprozesse nach wissenschaftlich fundierten Ansätzen, deren Wirksamkeit belegt ist.

Hinterfragen Sie Lernweisheiten kritisch, statt sie einfach zu übernehmen, nur weil »es schon immer so gemacht wurde« oder sie gerade im Trend liegen.

Bleiben Sie dran: Evaluieren Sie Ihre Maßnahmen, sammeln Sie Feedback und verbessern Sie kontinuierlich. Wenn Ihre Lehr- und Lernkonzepte die oben genannten Aspekte berücksichtigen, sind Sie bereits ein gutes Stück weiter auf dem Weg zu effektivem, evidenzbasiertem Lehren und Lernen.

Falls Sie die ultimative Checkliste für garantierten Lernerfolg erwartet haben: Es gibt sie nicht. Auch die im Beitrag genannten Punkte sind keine Zauberformel. Lernen ist komplex, und unsere Lernenden, Lernumgebungen, Fachinhalte und Rahmenbedingungen sind zu unterschiedlich, um sie allein durch das Abhaken einer Liste vollständig zu erfassen.

Aber: Wenn Sie

  • Ihre Lernenden und Ihre fachlichen Themen gut kennen und für Ihre Zielgruppe relevante Themen und Probleme bearbeiten
  • klare, messbare Lern- und Kompetenzziele definieren,
  • Lernen als Prozess begreifen,
  • den Transfer sorgfältig planen und
  • sich auf wissenschaftlich fundierte Prinzipien statt auf Lernmythen stützen,

können Sie für Ihr spezifisches Setting passende Methoden und Werkzeuge auswählen.
Hier zählen Ihre Erfahrung sowie Ihre pädagogische Expertise.
Hooray for Science!

 

Verbreitete Lernmythen, die in diesem Beitrag thematisiert wurden:

Was ist der Mythos?

Was sind die Fakten?

Digital Natives sind mit Smartphone, Computer und Internet aufgewachsen. Deshalb bewegen sie sich wie selbstverständlich in der digitalen Welt und sind automatisch kompetent im Umgang mit digitalen Technologien.

Generationenzuschreibungen wie »Digital Natives« sind widerlegt. Digitale Kompetenzen lassen sich nicht am Geburtsjahr festmachen. Sie werden durch Bildung, das soziale Umfeld, Nutzungsgewohnheiten, Zugang zu Technologien und individuelle Motivation geprägt. Irrtum: Gleichsetzung von Mediennutzung mit Medienkompetenz

Präsentationen sind wie Eisberge. Es kommt nicht darauf an, was du sagst, sondern wie du es sagst. Dein Inhalt wirkt zu 7 Prozent, 38 Prozent bewirken Mimik und Gestik und 55 Prozent deine Stimme.

Mehrabian-Mythos
Die dahinterliegende Studie wird falsch interpretiert. Die Zahlen treffen auf Präsentationen und Vorträge nicht zu.

 

Dales Cone (Lernpyramide)
Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde mich erinnern. Lass es mich tun, und ich werde es verstehen (Konfuzius)

Das Zitat stammt nicht von Konfuzius.
Niemand kennt die Quelle der Zahlen.
Die Lernpyramide mit ihren fixen Prozentangaben ist wissenschaftlich nicht haltbar. Kein Lernprozess funktioniert universell – auch nicht »selbst tun« oder »anderen erklären«, wie das Beispiel der »Stillen Post« zeigt

Wir lernen besser, wenn Lernmaterialien auf unseren Lerntyp (visuell, auditiv, haptisch) abgestimmt sind.

Lerntypen sind wissenschaftlich widerlegt. Statt Lerntypen zu adressieren, ist es zielführender, Materialien, Medien und Methoden auf das Lernthema, die Lernziele und die Bedürfnisse Ihrer Lernenden abzustimmen.

Nach der Ebbinghaus-Vergessenskurve gleicht unser Gedächtnis einem Sieb
Nach 20 Minuten haben 40 Prozent von dem, was wir gerade gelernt haben, vergessen. Nach einer Stunde sind es schon 55 Prozent, nach einem Tag 65 Prozent und nach sechs Tagen sind ganze 77 Prozent weg.

Vergessen verläuft nicht nach einem festen Zeitplan. Lernen und Behalten sind komplexe, individuelle Prozesse, die von Faktoren wie Vorwissen, Motivation, Interesse, Bedeutung und sozialer Interaktion abhängen.
Ob wir etwas behalten oder vergessen hängt unter anderem davon ab, wie relevant die Information für uns ist.

Wir haben eine kreative und eine analytische Gehirnhälfte
Je nachdem, welche Gehirnhälfte bei uns dominant ist, sind wir entweder der intuitive, kreative oder der logische, analytische Typ. Diese Gehirnhälften-Dominanz beeinflusst, wie wir lernen und Informationen verarbeiten und auch unsere Talente.

Dass wir aufgrund der Dominanz einer Gehirnhälfte bevorzugt »kreativ« oder »analytisch« denken, ist wissenschaftlich widerlegt. Unsere Gehirnhälften sind vernetzt und arbeiten zusammen. Sowohl Lernen als auch Kreativität sind ganzheitliche Prozesse, die beide Gehirnhälften einbeziehen.

Wir nutzen nur 10 Prozent unseres Gehirns.
Wir können aber lernen, wie wir die restlichen 90 Prozent Kapazität „freischalten“. Genies wie Albert Einstein wussten wie das geht.

Es gibt keine Quelle, die belegt, dass Albert Einstein das jemals gesagt hat.
Wir nutzen unser gesamtes Gehirn und es gibt auch keine geheime Methode, mit der wir ungenutzte Gehirnpotenziale aktivieren und geistige Superkräfte freischalten können.
ABER: wir können unser Gehirn trainieren.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr

 

Unser Gehirn ist in anpassbar. Wir können und sollten in jedem Alter dazulernen (Lebenslanges Lernen).

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Deshalb ist Lernen mit Bildern leichter als mit Text.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte und zugleich nichts – je nach Vorwissen, Kontext sowie den Fähigkeiten der Betrachter, das Bild richtig zu interpretieren. Lernen mit Bild und Text gemeinsam ist wirkungsvoller als nur mit Bildern oder nur mit Text .

Dieser Beitrag basiert auf Auszügen aus dem Buch „Lernmythen aufgedeckt: Wie wissenschaftliche Evidenz effektives Lernen und Praxistransfer im Unternehmen fördert“ von Dr. Yvonne Konstanze Behnke, erschienen im Mai?2025 bei Haufe.

Literaturverzeichnis

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Autor*in

  • Dr. Yvonne Konstanze Behnke, Learning-&-Development-Strategin, Consultant, Trainerin und Speakerin. Sie verbindet Forschung, Didaktik, Design und Praxis, u.a. zu evidenzbasiertem Lernen. 2025 erschien ihr Buch "Lernmythen aufgedeckt".