Lernmythen genauer betrachtet
Was sind Lernmythen?
Lernmythen gehören in den Bereich der »Urbanen Legenden«. Es sind verbreitete Annahmen darüber, wie Lernen, unser Gehirn, Lernmedien, Lernmethoden oder die Digitalisierung der Bildung funktionieren – und neuerdings, je nach Perspektive, auch darüber, welche Bildungsprobleme künstliche Intelligenz für uns lösen oder uns bereiten wird. Häufig sind sie leicht verständlich und erscheinen uns als einleuchtende, allgemeingültige Weisheiten.
Sie begegnen uns als Trendbegriffe (Digital Natives), eingängige Formeln (7-38-55), anschauliche grafische Formen (Lernpyramide) oder simple Drei-Schritte-Frameworks und versprechen einfache Erklärungen für hoch komplexe Sachverhalte rund um das Lehren und Lernen
Woher kommen Lernmythen?
Lernmythen haben eine starke narrative Kraft. Manchmal kommen sie sogar als angebliche Zitate berühmter Persönlichkeiten daher, wie Konfuzius („Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“) oder Albert Einstein („Wir nutzen nur 10 Prozent unserer Gehirnkapazität“). Tatsächlich stammen diese Zitate weder von Konfuzius noch von Albert Einstein, sondern wurden im Marketing erfunden, um Produkte zu verkaufen.
Lernmythen vermitteln klare, eingängige Botschaften und halten sich ausgesprochen hartnäckig. Weisheiten wie »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr« haben wir bereits von unseren Eltern oder Großeltern gehört und wenn nicht dort, dann spätestens in der Schule. Manche Lernmythen begleiten uns Jahrzehnte lang. Getarnt als vermeintliche Lebensweisheiten könne sie zu tief verankerten Glaubenssätzen werden. Solche Glaubenssätze können beeinflussen, was und wie wir lernen (visueller vs. auditiver Lerntyp) und sogar, was wir über unsere Talente glauben (z.B. gut in Mathe und deshalb schlecht in Sprachen).
Vereinfachung wissenschaftlicher Erkenntnisse
Andere Lernmythen entstehen durch die Fehlinterpretation oder die zu starke Vereinfachung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ein Beispiel dafür ist der Mehrabian-Mythos. Nach dem Mehrabian-Mythos (7-38-55) nehmen wir in Vorträgen nur 7 Prozent Informationen aus dem Inhalt auf, aber 93 Prozent über Mimik, Gestik und die Stimme.
Jedoch hat Albert Mehrabian in seinen Studien gar keine Präsentationen untersucht, sondern „Silent Messages“. Er erforschte Situationen, wenn verbale und nonverbale Botschaften nicht übereinstimmen. Seine Probandinnen waren 37 weibliche Psychologie-Studierende (Mehrabian, A.; Wiener, M.; 1967). Prof. Mehrabian schreibt seit Jahrzehnten gegen die Fehlinterpretation seiner Studie an. „Es ist eindeutig absurd zu implizieren oder zu behaupten, dass der verbale Anteil aller Kommunikation nur sieben Prozent der Botschaft ausmacht.“ (Albert Mehrabian, zitiert nach Lapakko, D. 2015). Dennoch wird 7-38-55 nach wie vor in Weitertbildungen gelehrt.
Von Einzelbeobachtungen auf Allgemeines schließen
Lernmythen entstehen auch, wenn wir von Einzelbeobachtungen auf Allgemeines schließen („Bei mir ist das so – also ist es immer so!“) oder Kausalität und Korrelation verwechseln. Nur weil zwei Ereignisse gleichzeitig auftreten, bedeutet dies nicht automatisch, dass eines die Ursache des anderen ist. Im Internet gibt es Webseiten, die absurde Scheinkorrelationen aufs Korn nehmen, wie z.B. die von Tyler Given. Ein Beispiel aus der Sammlung von Tyler Given ist die Korrelation zwischen der Anzahl der UFO-Sichtungen in Florida und der Häufigkeit des Vornamens Camden unter Neugeborenen zwischen 1975 und 2020.
Der Charme von Lernmythen liegt darin, dass sie hochkomplexe Themen wie Lernen, unser Gehirn oder zwischenmenschliche Kommunikation auf simple, griffige Aussagen oder plakative Formeln herunterbrechen und scheinbar einfache Patentlösungen für komplizierte Sachverhalte bieten. Häufig fehlt jedoch die wissenschaftliche Evidenz oder Studien und die Praxis widerlegen den Mythos sogar (z.B. die Existenz und Wirksamkeit der Lerntypen). Auf die evidenzbasierte „Entmystifizierung“ der Lerntypen gehe ich weiter unten im Text genauer ein.
Wo tauchen Lernmythen auf?
Lernmythen sind sowohl in unserem Alltag als auch in der Lehr- und Lernwelt omnipräsent. Wir finden Sie in den sozialen Medien und in Ratgeberliteratur, auf Seminar-Flipcharts in Weiterbildungen und bekommen Sie in Vorträgen präsentiert. Sogar auf pädagogischen Fachveranstaltungen und in der Fachliteratur stoßen wir gelegentlich auf sie. Zur Verbreitung und Persistenz von Lernmythen unter Lehrkräften und pädagogischem Fachpersonal gibt es mittlerweile zahlreiche Publikationen wie z.B. Asberger et al. (2020), De Bruyckere, P. et. al (2015), Steins, G. et. al. (2022) und Siegel, S. (2024).
Ein typisches Beispiel für die Hartnäckigkeit und Verbreitung eines Lernmythos sind die Lerntypen. Das wir Lernende in visuelle, kinästhetische und auditive Lerntypen einteilen sollten, ist seit Jahren durch zahlreiche Studien und Metaanalysen, wie z.B. die Hattie-Studien (Hattie 2012, 2024) widerlegt. Es ist erwiesenermaßen viel lerneffektiver, Medien und Methoden statt nach vermeintlichen Lerntypen auf Lernziele, Lernthemen und das Vorwissen unserer Lernenden abzustimmen, vgl. Bauer, J., & Asberger, J. (2022), Bruyckere, P., Kirschner, P., & Hulshof, C. (2015), Daumiller, M., & Wisniewski, B. (2022). Wie man dabei zielführend vorgehen könnte, erläutere ich in der weiter unten folgenden Dekonstruktion des Lernmythos „Lerntypen“.
Eine einfache Internetsuche nach den Lerntypen liefert dennoch unzählige Treffer, begleitet von Hinweisen, wie diese in Lehr-Lernkontexten anzuwenden seien.