Beispiel: Strukturierte Entkräftung eines Lernmythos am Beispiel der Lerntypen

1. Was ist der Mythos?

Unter Lehrkräften, Lehramtsstudenten und pädagogischen Fachkräften ist der Glaube an die Lerntypen, also dass wir Menschen in auditiv, visuell, haptisch oder kognitiv Lernende einteilen können, nach wie vor weit verbreitet (Asberger, J. et. al. 2020; Newton, P. M. & Salvi, A.; 2020). Dazu gehört die Überzeugung, mithilfe eines einfachen Tests ermitteln zu können, welchem Lerntyp ein Mensch angehört und das eine Anpassung der Lernmedien, Lernmethoden und Lernumgebungen an den jeweiligen Lerntyp den Lernprozess dieses Menschen fördert.


2. Was ist der Haken?

Zahlreiche Studien widerlegen die Wirksamkeit der Lerntypen. Die Hattie-Studie attestiert der Anpassung von Lernmethoden an Lerntypen eine Effektstärke von Null, der Einteilung von Lernenden in die Schublade der Lerntypen sogar einen negativen Effekt (Hattie J., 2024, Hattie, J. et. al 2025).

Clinton?Lisell und Litzinger (2024) untersuchten in ihrer Metaanalyse, ob Lerntypen wirklich ein Neuromythos sind. Dafür analysierten sie 101 Effektgrößen in 21 Studien mit insgesamt 1.712 Teilnehmenden. Sie fanden nur sehr geringe Effekte. Andere Methoden, wie eine abgestimmte multimodale Kombination von Bild- und Textinformationen, oder eine didaktisch sinnvolle Segmentierung sind wirksamer und inklusiver. Beide Methoden zeigen wesentlich stärkere Effekte bei geringerem Aufwand. Dazu kam: bei 85 Prozent der Lernenden war es nicht möglich, diese eindeutig einem Lerntyp zuzuordnen.

Die Haupterkenntnis der Metastudie ist, dass Lerntypen kein evidenzbasiertes Modell für effektives Lernen sind. Damit reiht sich diese Studie in zahlreiche andere Untersuchungen zu den Lerntypen ein, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Eine Auswahl finden Sie im Literaturverzeichnis.

Dennoch halten sich die Lerntypen hartnäckig und sind teilweise nach wie vor Bestandteil der Ausbildung von Lehrkräften. Sinatra und Jacobson (2019) bezeichnen die Lerntypen deshalb als »Zombies« unter den Lernmythen.

Wie auch Clinton Lisell und Litzinger (2024) feststellten, sind Lerntypentests wenig aussagekräftig. Ein Grund dafür ist unter anderem der sogenannte Bestätigungsfehler (Confirmation Bias, vgl. Nickerson, R. S.; 1998): Wir tendieren dazu, Informationen so zu filtern, dass sie unsere Überzeugungen bestätigen, und gegenteilige Fakten zu ignorieren. Bin ich beispielsweise überzeugt, ein visueller Typ zu sein, tendiere ich dazu, die Testfragen so zu beantworten, dass meine Überzeugung bestätigt wird. Hinzu kommt der Barnum-Effekt (Forer, B. R.; 1949). Er besagt, dass wir aus allgemein gehaltenen Aussagen gern einen für uns passenden Aspekt herausfiltern und deshalb meinen, dass die Aussage insgesamt auf uns zutrifft.

 

3. Der Ursprung der Lerntypen

Dieser reicht bis in die 1970er-Jahre zurück. Der deutsche Biochemiker Frederic Vester machte das Konzept 1975 mit seinem Buch »Denken, Lernen, Vergessen« populär. Er stellte darin die Lerntypen als Hypothese vor. Sein Buch legte den Grundstein für die spätere Verbreitung der Lerntypen. Inzwischen gibt es zahlreiche Varianten und Weiterentwicklungen wie z. B. die VARK-Klassifikation von Flemming aus 1980er-Jahren. VARK steht für visuell, auditiv, read/write und kinästhetisch.

 

4. Die Fakten

  • Beim Lernen geht es darum, Lerninhalte aktiv kognitiv zu verarbeiten und zu verstehen – unabhängig davon, mit welcher Medienform oder Methode diese präsentiert werden.
  • Eine Individuelle Präferenz bedeutet nicht automatisch Effektivität. Nur weil man Sahnetorte lieber mag als Brokkoli, ist Sahnetorte nicht gesünder.
  • Studien belegen, dass die Anpassung von Lernmedien, -methoden und Lernumgebungen an Lerntypen bei großem Aufwand weder das Lernen fördert noch den Lernerfolg verbessert. Es ist im Gegenteil aufwendig, teuer und empirisch fragwürdig (Clinton Lisell und Litzinger (2024), Coffield et al., 2004 und Pashler et al., 2008, Hattie, 2024).
  • Lernerfolg ist von vielen Faktoren abhängig. Lernprozesse werden unter anderem durch das Vorwissen, das Lernthema, die Motivation und die Lernumgebung der Lernenden beeinflusst.
  • Wir lernen selten nur mit einem Sinneskanal. Meist lernen wir mit Mischformen wie z. B. mit Bild-Text-Kombinationen in einem Buch, indem wir zuhören und uns Notizen machen oder wenn wir etwas anschauen, diskutieren und dann ausprobieren.
  • Multimodale Instruktion (z.?B. Text + Bild) ist wirksamer und inklusiver.
    Lernen mit Bild und Text gemeinsam ist effektiver als nur mit Bildern oder nur mit Text. Dieses Multimedia-Prinzip (Mayer, 2020) ist gut erforscht. Das Multimedia-Prinzip widerspricht damit dem Konzept der Lerntypen, z. B. für visuell Lernende nur Bilder bereitzustellen.
  • Der Glaube an Lernstile kann als „selbsterfüllende Prophezeiung“ Lernenden schaden und deren Potenziale einschränken. Bei Lernenden kann dieser Glaube zu falschen Annahmen über feste, unveränderliche Fähigkeiten führen. Menschen sind jedoch ein Leben lang fähig Neues zu lernen und sollten dies auch tun.
  • Die Einteilung in Lerntypen kann dazu führen, dass Lernende ineffektive Lernstrategien entwickeln und ihr Potenzial nicht ausschöpfen, weil sie sich auf ihren vermeintlich optimalen Lernkanal verlassen und für das Lernthema effektivere Lernstrategien ignorieren.
  • Teilen wir als Lehrkräfte unsere Lernenden in Lerntypen ein, besteht die Gefahr, dass wir sie in eine Schublade stecken und so Potenziale nicht ausschöpfen wie z. B.: »Das ist ein auditiver Lerntyp, also empfehle ich ihm dieses hilfreiche Buch besser nicht.«
  • Was wir glauben zu tun und wie wir es tun, ist nicht immer dasselbe! Das gilt auch für Lerntypentests. Wir neigen dazu, die Fragen in solchen Tests entsprechend unserer bereits getroffenen Vorannahmen und Überzeugungen zu beantworten und erkennen uns in allgemein gehaltenen Aussagen wieder (siehe oben).


5. Der wahre Kern des Lerntypen-Mythos und was wir daraus lernen können

Frederic Vester hat eine wichtige Diskussion über unsere individuellen Unterschiede in der Art und Weise, wie wir lernen angestoßen. Wir haben unterschiedliche Vorlieben beim Lernen und können auf verschiedene Art und Weise lernen. Der eine mag Podcasts, die andere ist eine Leseratte. Manche sind beides zugleich.

Ein wichtiges und weithin akzeptiertes Modell in der Forschung zum multimodalen Lernen ist die Dual-Coding-Theorie (Paivio, A. 1986, 2007). Nach der Dual-Coding-Theorie nehmen wir Bild- und Textinformationen mit zwei unterschiedlichen Kanälen wahr. Haben wir erfolgreich gelernt, wurden die Informationen aus beiden Kanälen verbunden, mit unserem Vorwissen verknüpft und zu einem kohärenten Modell im Langzeitgedächtnis zusammengefügt (Kohärenzbildung).

 

6. Was funktioniert stattdessen?

Statt auf Lerntypen zu setzen, ist es zielführender, wenn Sie ihren Fokus auf gute Didaktik sowie auf eine auf Lernziel und Lernthema abgestimmte multimodale Instruktion und Medienwahl legen.

Leider gibt es dafür weder eine Patentlösung noch das 3-Schritte-Framework für den garantierten Lernerfolg. Hier ist ihre Erfahrung als Pädagoge sowie die gute Kenntnis ihrer Lernenden und ihrer Lerninhalte gefordert. Die folgenden Punkte können Ihnen jedoch helfen, für ihre Lernenden, ihr Lernziel und ihr Lernthema passende Medienform zu wählen.

  • Gestalten Sie Lernumgebungen so, dass eine schnelle und sinnvolle Verknüpfung von zusammengehörigen Bild- und Textinformationen gefördert wird. Nutzen Sie dafür wissenschaftlich fundierte Modelle zum erfolgreichen multimedialen Lernen aus der pädagogischen Psychologie, wie beispielsweise die Multimedia-Prinzipien von R. E. Mayer (2020).

Viele dieser Prinzipien basieren auf bewährten Gestaltungsgrundsätzen aus dem Informationsdesign und des Grafikdesign, etwa aus der Gestalttheorie von Max Wertheimer (2017). Dazu zählt beispielsweise das Prinzip der Nähe. Dieses besagt, dass zusammengehörige Bild- und Textinformationen in enger räumlicher Nähe präsentiert werden sollten, um lernförderlich zu sein.

  • Kombinieren Sie Bild und Text didaktisch sinnvoll und sorgen Sie dafür, dass sich Bild- und Textinformationen ergänzen, statt sich zu doppeln. Eine durchdachte Abstimmung von Bild und Text ist lernwirksamer als der alleinige Einsatz von Bild oder Text (Multimedia-Prinzip).
  • Kennen Sie Ihre Lernenden: Was wissen Sie über deren Vorwissen, Vorlieben, Lernbedürfnisse und Interessen? Passen Sie Instruktion, Lernniveau und Lernumgebung bestmöglich daran an. Adressieren Sie Heterogenität durch Binnendifferenzierung.
  • Wählen Sie eine Medienform und Methode die bestmöglich auf Ihr Lernthema, Ihr Lernziel und das Vorwissen sowie die Interessen ihrer Lernenden einzahlt.
  • Entwickeln Sie Lerneinheiten, die für Ihre Lernenden relevant, nützlich, lebensnah und zugänglich sind. Arbeiten Sie mit nachvollziehbaren Beispielen, die an die Lebenswelt ihrer Lernenden anknüpfen. Beantworten Sie das „WARUM sollte ich diesen Lerninhalt lernen und WOZU brauche ich das?“ ihrer Lernenden schlüssig und nachvollziehbar.

Das Fazit 

Lerntypen sind der Zombie unter den Lernmythen, weil sie seit Langem wissenschaftlich widerlegt sind, sich dennoch hartnäckig halten und immer wieder im Lehr-Lernkontext auftauchen. Statt Lerntypen zu adressieren, ist es zielführender, Materialien, Medien und Methoden auf das Lernthema, die Lernziele und die Bedürfnisse Ihrer Lernenden abzustimmen.

Lernen ist ein Prozess, der von vielen Faktoren beeinflusst wird. Menschen in Schubladen wie die Lerntypen einzusortieren, ist hierfür keine Lösung.

Nachdem wir einen Lernmythos exemplarisch dekonstruiert haben, stellt sich die Frage, woran Sie einen Lernmythos erkennen.

Autor*in

  • Dr. Yvonne Konstanze Behnke, Learning-&-Development-Strategin, Consultant, Trainerin und Speakerin. Sie verbindet Forschung, Didaktik, Design und Praxis, u.a. zu evidenzbasiertem Lernen. 2025 erschien ihr Buch "Lernmythen aufgedeckt".

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