Umgang mit (vermeintlichen) Plagiaten in studentischen Texten
Thesen
- Beim Thema Plagiate herrschen bei Studierenden (und Lehrenden) viel Unsicherheit und Angst, die das Lernen im Umgang mit wissenschaftlichen Texten beeinträchtigen können.
- Ein Großteil von Plagiaten in studentischen Texten sind keine Täuschungsversuche, sondern Fehler.
- Es ist deshalb in vielen Fällen sinnvoll, didaktisch zu reagieren und nicht disziplinarisch (oder zumindest beides zu verbinden).
- Viele Fragen zum richtigen Umgang mit Fachliteratur stellen sich erst bei der Umsetzung der fachspezifischen Regeln beim Schreiben. Deshalb benötigen Studierende Anleitung und Rückmeldung auf ihre Texte in der Fachlehre.
- Eine Vermittlung von Zitierregeln ausschließlich in propädeutischen Veranstaltungen oder über Selbstlernmaterialien z.B. in Moodlekursen ist nicht ausreichend.
- Damit Studierende den Sinn von Zitierregeln verstehen, sollten diese im Zusammenhang mit den Werten guter wissenschaftlicher Praxis und der Diskursivität von Wissenschaft vermittelt werden.
- Auch wenn textgenerierende Technologien (z.B. ChatGPT) eine immer größere Bedeutung für das wissenschaftliche Schreiben bekommen, bleiben die Autor*innen verantwortlich für ihre Texte und damit auch für die Kennzeichnung der Herkunft von Wissen.
Ziel des Beitrags
Das Thema Plagiat ruft in Lehre und Wissenschaft oft starke Emotionen hervor und ist durch die öffentlichen Plagiatsskandale aufgeladen: Empörung über Täuschungsversuche auf der einen Seite – Unsicherheit und diffuse Ängste, vielleicht unabsichtlich ein Plagiat zu begehen, auf der anderen. Beide Reaktionen sind verständlich. Sie sind jedoch keine gute Basis, um in der Lehre ein offenes und produktives Gespräch über den richtigen Umgang mit Fachliteratur in wissenschaftlichen Texten zu führen. Ich möchte deshalb in diesem Beitrag für einen anderen, einen didaktischen Blick auf das Thema Plagiate in studentischen Arbeiten werben; Nicht um das Thema zu bagatellisieren, sondern um es ganz im Gegenteil in der Fachlehre ernst zu nehmen. Studierende benötigen Anleitung, Zeit, Übung – und auch die Möglichkeit, Fehler zu machen – um zu lernen, warum die Zitierkonventionen wichtig für die Wissenschaften sind und wie sie diese Regeln sicher umsetzen können. Hierzu gehört auch eine konsequente Reaktion auf Fehler bzw. Regelverstöße in diesem Bereich.
Sie finden in diesem Beitrag Informationen über Plagiate und über die Lernprozesse, die notwendig sind, damit Studierende plagiatssicher arbeiten können, sowie didaktische Anregungen zum Thema. Dies soll Sie unterstützen, eine Haltung zu studentischen Plagiaten bzw. neutral formuliert zu nicht markierten textuellen Übereinstimmungen zu entwickeln und in konkreten Situationen zu entscheiden, wie Sie reagieren wollen.
Was ist ein Plagiat?
Auch wenn Sie mit Sicherheit eine allgemeine Bestimmung von Plagiaten geben können und in Ihrem eigenen Schreiben plagiatssicher arbeiten, fällt Ihnen vielleicht trotzdem die Entscheidung, ob in einer studentischen Arbeit Plagiate vorliegen oder nicht, nicht immer leicht. Das liegt daran, dass es ein komplexes Phänomen ist, das aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden kann.
Allgemeine Begriffsbestimmung
Mit dem Begriff des Plagiats wird allgemein die Übernahme fremder geistiger Leistungen bezeichnet, wenn diese nicht als solche gekennzeichnet wird. Dabei kann es sich um Gedanken, Argumentationen, Modelle, Formulierungen, wissenschaftliche Ergebnisse, Code, Abbildungen und vieles mehr handeln. Im Folgenden wird es vor allem um die Übernahme von Gedanken, Strukturen und Formulierungen aus anderen Texten gehen. Wenn Schreibende plagiieren, maßen sie sich die Autor*innenschaft von Passagen bzw. geistigen Produkten an, die sie nicht selbst hergestellt haben. Dies wird durch Prüfungsordnungen und von der Scientific Community als Täuschung gewertet.
Im wissenschaftlichen Bereich geht es selten um Verletzungen des Urheberrechts, also nicht um Plagiate im juristischen Sinn, sondern um Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis (vgl. z.B. DFG 2019). Ziel der guten wissenschaftlichen Praxis ist es u.a., die Verlässlichkeit und Überprüfbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse durch eine transparente Dokumentation des Forschungsprozesses zu sichern. Plagiate können die Wissenschaftlichkeit eines Texts beeinträchtigen, weil sie die Nachvollziehbarkeit und Nachprüfbarkeit einer Argumentation schmälern.
Plagiat oder Textähnlichkeit?
Nicht alle Ähnlichkeiten zwischen Texten stellen jedoch Plagiate dar. Ein Plagiat tritt dann auf, wenn sich zwei Texte aufeinander beziehen, weil Text B unter Verwendung von Text A geschrieben wurde. Zwei Texte können aber auch ähnlich sein, weil beide denselben Gegenstand behandeln und z.B. dasselbe Kunstwerk oder dieselbe Untersuchungsmethode beschreiben. Die hieraus zwangsläufig resultierende Textähnlichkeit ist von einem Plagiat zu unterscheiden (vgl. Pecorari 2013: 19f). Das erklärt auch, warum z.B. die Einleitungen von medizinischen Fachartikeln über denselben Forschungsgegenstand oft sehr ähnlich klingen, ohne als wörtliche Zitate gekennzeichnet zu werden: Die Texte beziehen sich nicht aufeinander, sondern beschreiben denselben Forschungsgegenstand, der kaum in anderen Worten dargestellt werden kann. Dieses Phänomen tritt v.a. in stark konventionalisierten oder genormten Textteilen auf (vgl. Pecorari 2024: 20).
Didaktische Perspektive: Täuschungsabsicht vs. Fehler
Für den Lehr-/Lernkontext wird bei der Definition eines Plagiats häufig berücksichtigt, dass nicht markierte textuelle Übereinstimmungen in studentischen Texten auch Fehler sein können und nicht auf eine Täuschungsabsicht zurückgehen müssen. An der Ruhr-Universität Bochum z.B. werden Plagiate in studentischen Arbeiten deshalb folgendermaßen definiert:
„Die RUB definiert für den Regelungsbereich dieser Richtlinie ein Plagiat als gegeben, wenn Studierende im Kontext einer Prüfungs-, Studienleistung oder Abschlussarbeit zum eigenen Vorteil absichtlich Formulierungen, Gedanken oder wissenschaftliche Ergebnisse einer anderen Person übernehmen, ohne dies in angemessener Weise zu kennzeichnen.“ (RUB 2020)
Eine Definition in diesem Sinne gibt Ihnen als Lehrende den Spielraum zu entscheiden, ob Sie eine nicht markierte Übernahme in einem studentischen Text als Fehler oder als bewusstes Plagiat (und damit als einen Täuschungsversuch im Sinne der Prüfungsordnung) einstufen. Von dieser Einschätzung ist Ihr weiteres Vorgehen abhängig.
"Nicht markierte textuelle Übereinstimmung" als neutraler Begriff
Da der Begriff „Plagiat“ bereits die Beurteilung enthält, dass fremde geistige Leistungen wissentlich und willentlich als eigene ausgegeben werden, verwende ich in diesem Beitrag den Begriff „nicht markierte textuelle Übereinstimmung“. Diese Formulierung beschreibt neutral, dass Informationen und/oder Formulierungen aus einem Text ohne Kennzeichnung in einen anderen übernommen wurden, ganz egal, ob durch einen Fehler oder mit einer Täuschungsabsicht. Um einen studentischen Text möglichst unvoreingenommen zu betrachten und mit Studierenden über ihre Texte zu sprechen, ist es sinnvoll, auf die genaue Formulierung zu achten und nicht vorschnell von Plagiaten zu sprechen.
Plagiat als Ärgernis
Die emotionalen Reaktionen auf Plagiate in studentischen Texte sind vielfältig und wahrscheinlich kennen Sie einige von ihnen: Enttäuschung betrogen worden zu sein, Ärger über unfaires Verhalten den anderen Studierenden gegenüber, Unmut über zusätzliche, unproduktive Arbeit, die Notwendigkeit unangenehme Entscheidungen treffen und vielleicht lästige Gutachten schreiben zu müssen oder vielleicht auch Wut und Frustration, weil Sie sich in der Lehre engagieren, einzelne Studierende es sich aber einfach machen und versuchen, sich eine gute Bewertung zu erschleichen. All diese Reaktionen sind nur zu verständlich. Ein Plagiat betrifft die Beziehung zwischen Texten und die Beziehung zwischen Menschen: Leser*innen/ Prüfer*innen werden getäuscht und nicht zitierte Autor*innen werden um die Anerkennung ihres geistigen Eigentums gebracht.[1]
Trennen Sie die emotionalen Reaktionen von Ihrem professionellen Handeln als Lehrende*r und Prüfende*r. Um wieder zu einem sachlichen Blick auf den fraglichen Text zu kommen, kann es hilfreich sein sich damit zu beschäftigen, was Studierende zum Plagiieren veranlasst und wie es zu Fehlern im Umgang mit Fachliteratur kommen kann.
[1] Für den Gedanken, dass es in einem Plagiatsfall diese beiden geschädigten Seite gibt, danke ich Nadine Lodick. Je nach Situation kann die eine oder die andere Seite im Vordergrund stehen.
Formen von textuellen Übereinstimmungen – und wie sie einzuordnen sind
Plagiate bzw. nicht markierte textuelle Übereinstimmungen lassen sich unterschiedlich klassifizieren (z.B. Weber-Wulff 2006: 90f). Um zu einer besseren Einschätzung von nicht markierten textuellen Übereinstimmungen zu kommen, können Sie sich ein paar einfache Fragen stellen. Bei allen Formen gibt es Entscheidungsspielräume und Uneindeutigkeiten. Bedenken Sie bitte auch, dass all diese geschilderten Phänomene in studentischen Arbeiten auf Fehler zurückgehen können.
Was wurde übernommen?
- Ideen, Informationen, Positionen, Ergebnisse
Die Regel, dass alle gedanklichen Übernahmen aus einem anderen Text gekennzeichnet werden müssen, wirkt auf den ersten Blick eindeutig und einfach. Fachliches Allgemeinwissen wird jedoch in der Regel nicht belegt und es ist eine Abwägung, was als solches einzustufen ist. Ähnlich spielt bei der Beurteilung eine Rolle, welche und wie viele Quellen zitiert werden.
- Formulierungen
Nicht markierte wörtliche Übernahmen erscheinen vermeintlich als die eindeutigsten Plagiate. Doch auch hier gibt es Grauzonen: Wann ist ein Gedanke wirklich in eigenen Worten formuliert und wann ist die Formulierung zu nah am Originaltext? Im Unterschied zu originellen Formulierungen werden Fachbegriffe und Elemente der alltäglichen Wissenschaftssprache (Formulierungen, die typisch für alle wissenschaftlichen Texte sind, vgl. Ehlich 1999) nicht als wörtliche Übernahmen markiert. Deshalb lässt sich keine Anzahl von Worten festlegen, ab der eine wörtliche Übernahme markiert werden muss.
- Strukturen und Argumentationen
Von einem Strukturplagiat spricht man, wenn der originelle Aufbau oder die Argumentation eines Texts ohne Kennzeichnung übernommen wird (dies gilt nicht für standardisierte Textstrukturen, wie die IMRAD-Struktur für empirische Forschungsartikel oder für gängige Argumentationsschemata). Ein Strukturplagiat ist von einer durch das gemeinsame Thema bedingten Textähnlichkeit zu unterscheiden. So ist es z.B. kaum auszuschließen, dass Texte über die deutsche Literaturgeschichte Abschnitte über die Klassik und die Romantik enthalten.
- Quellenzusammenstellungen
Eine besondere Form des Plagiats liegt vor, wenn für eine Analyse oder Argumentation exakt dieselben Quellen und Zitate wie in einer anderen Publikation verwendet werden und diese Publikation nicht als Grundlage der Argumentation genannt wird. Dies kann darauf hinweisen, dass die zitierten Texte nicht selbst gelesen wurden, sondern nur aus dem nicht angegebenen Text übernommen wurden. Dass auch dies ein Plagiat sein kann, ist vielen Studierenden nicht bewusst.
- Sonderfall Übersetzungsplagiat
Die Arbeit mit Quellen in verschiedenen Sprachen bringt für das plagiatssichere Arbeiten besondere Herausforderungen mit sich. Es ist nicht immer leicht zu entschieden, wann eine Übersetzung als wörtliches Zitat zu kennzeichnen ist und wann als Paraphrase. Je nach Bedeutung von Sprache und Formulierungen für ein Fach kann hier die Auffassung unterschiedlich sein. Problematisch ist es auf jeden Fall, wenn große Teile eines anderssprachigen Texts ohne Kennzeichnung im eigenen Text genutzt werden. Eine Täuschungsabsicht ist wahrscheinlich, wenn der Text nicht im Literaturverzeichnis steht (wohl in der Hoffnung, dass der Text in der anderen Sprache nicht bekannt ist).
Wie viel wurde übernommen?
- Ganze Arbeiten: („Vollplagiat“)
Dies bedeutet, dass jemand einen fremden Text als eigenen ausgibt. So wird z.B. die Arbeit von Mitstudierenden oder eine Arbeit aus dem Internet als eigene ausgegeben. In diesem Fall ist eine Täuschungsabsicht äußerst wahrscheinlich.
- Kapitel, Absätze, Sätze („Teilplagiat“)
Teilplagiate können größere oder kleinere Textteile betreffen: Wenn es sich um größere Textteile wie ganze Kapitel handelt, ist eine Täuschungsabsicht wahrscheinlicher. Werden lediglich kürzere Passagen übernommen, sollten Sie auch Fehler als Ursache für die nicht markierten textuellen Übereinstimmung in Erwägung ziehen, z.B. Überarbeitungsroutinen, bei denen Quellenangaben verloren gehen, oder Unsicherheit bei der Kennzeichnung von Übernahmen.
Woher wurde übernommen?
- Aus publizierten Quellen
Am häufigsten wird aus publizierten Quellen übernommen und für diesen Bereich sind die Zitierregeln am klarsten. Bei Internet-Quellen fällt es Studierenden jedoch oft schwer, zwischen den verschiedenen Textsorten und Publikationsformen zu differenzieren, passende Literatur auszuwählen und die entsprechenden Nachweise zu setzen.
- Aus unpublizierten Quellen
Wann Entlehnungen aus unpublizierten Quellen zu belegen sind, ist weniger eindeutig. Wie sollen Studierende etwa mit den Materialien aus Ihrer Lehrveranstaltung umgehen, mit Arbeitsblättern oder Präsentationen? Wann geht es (wie in einer Klausur) einfach darum, den Stoff zu reproduzieren, und wann erwarten Sie, dass Studierende z.B. in einer Hausarbeit Ihre Präsentation als Quelle angeben, wenn sie diese verwenden?
- Von Mitstudierenden
Gerade wenn in Veranstaltungen allen dieselben Aufgaben gestellt werden bzw. wenn sich die Aufgaben jedes Semester wiederholen, besteht für Studierende die Versuchung, sich von den Texten ihrer Mitstudierenden nicht nur inspirieren lassen, sondern ganze Passagen oder gar ganze Texte übernehmen. Bei dieser Form des Abschreibens können Sie in den meisten Fällen von einem bewussten Täuschungsversuch ausgehen Allerdings sollten Sie auch hier bedenken, dass die Bandbreite der Lösungen einer Aufgabe eingeschränkt ist und also mit Textähnlichkeiten zu rechnen ist, auch wenn alle Studierenden selbständig arbeiten.
- Selbstplagiat
Bei einem Selbstplagiat werden eigene frühere Texte ohne Kennzeichnung wiederverwendet, man spricht hier auch von Textrecycling. Die Kategorie Selbstplagiat ist umstritten, weil es sich nicht um die Aneignung fremden geistigen Eigentums handelt (es sei denn, die Leistung von Coautor*innen wird unterschlagen). Dennoch kann sie im Zusammenhang mit Prüfungsleistungen und der guten wissenschaftlichen Praxis problematisch sein, weil Schreibende vorspiegeln, dass sie eine neue Leistung erbringen bzw., dass sie neue, originelle Ergebnisse vorlegen.
An dieser Stelle seien noch zwei Phänomene erwähnt, die häufig im Kontext von Plagiatsdebatten genannt werde: Das Nutzen von Ghostwriting (ein Text wird als eigener eingereicht, den eine andere Person, üblicherweise gegen Honorar, geschrieben hat) und bestimmte problematische nicht angegebene Verwendungen textgenerierenden Technologien. Währende es sich in beiden Fällen im Rahmen einer Prüfungsleistung um eine Täuschung handelt, wenn die selbständig erbrachte Eigenleistung fehlt (vgl. Hoeren 2023: 25, 33), liegen im engeren Sinne keine Plagiate vor, weil es keinen Bezug auf einen Vorgängertext gibt, über den der Regelverstoß nachgewiesen werden könnte.
Wie finde ich ein Plagiat?
Plagiate bzw. nicht markierte textuelle Übereinstimmungen zu erkennen, ist eine wichtige Aufgabe bei der Beurteilung studentischer Arbeiten. Nur wenn Sie Studierende auf Fehler beim Umgang mit Fachliteratur hinweisen, können diese daraus lernen und Sicherheit in der Umsetzung der Fachkonventionen erwerben. Zudem machen Sie durch Ihre Rückmeldung deutlich, wie wichtig das Thema für das wissenschaftliche Schreiben ist. In diesem Abschnitt geht es deshalb darum, wie sich nicht markierte textuelle Übereinstimmungen finden lassen. Die Beurteilung, ob es Fehler, Nachlässigkeit oder Betrugsabsicht – und damit ein prüfungsrechtliches Plagiat ist, ist dem nachgeordnet.
Indizien
Es gibt zahlreiche Indizien, die Sie dazu veranlassen können, genauer hinzusehen und z.B. durch einen Blick in die Ihnen bekannte Forschungsliteratur oder eine Internetrecherche zu überprüfen, ob in einer studentischen Arbeit textuelle Übereinstimmung ohne Kennzeichnung vorliegen:
- Formulierungen, Argumentationen, Auswahl von Zitaten, Ergebnissen oder Gedankengängen kommen Ihnen bekannt vor – im studentischen Text werden aber keine Quellen genannt.
- Der Text weist auffällige Brüche auf: So kann sich die Art des Formulierens in einer Passage deutlich von anderen Passagen unterscheidet, es tauchen plötzlich andere Fehler auf, eine andere Art der Zitation oder auch eine andere Schriftart werden verwendet. Brüche dieser Art sind kein Beweis für Plagiieren und können z.B. auch auf eine inkonsequente Arbeitsweise zurückzuführen sein. Eine Überprüfung ist in diesen Fällen aber sinnvoll.
- Problematisch ist ein Indiz, das Lehrende manchmal nennen: Der Text ist besser, als sie es von dem*der Studierenden erwartet haben. Fragen Sie sich in diesem Fall: Worauf gründen Sie Ihre Erwartung? Schließen Sie hiermit Entwicklungs- und Verbesserungsmöglichkeiten nicht aus? Könnten Sie so argumentieren, ohne einem Vorurteil zu folgen?
Wenn Ihnen Indizien dieser Art auffallen, können Sie nach den fraglichen Stellen in der Ihnen bekannten Literatur suchen oder zu einzelnen Passagen eine Internetrecherche machen. Oder Sie überprüfen routinemäßig wenige Stichproben aus allen abgegebenen Arbeiten auf diese Weise. Weber-Wulff (2016: 93) rät in beiden Fällen, die Zeit für diese Recherche von vornherein zu begrenzen, um sich nicht darin zu verlieren.
Plagiatserkennungssoftware
Darüber hinaus können Sie Software nutzen, die für die Unterstützung bei der Plagiatserkennung entwickelt wurde. Diese Anwendungen gleichen zu prüfende Arbeiten mit einem bestimmten Korpus wissenschaftlicher Texte ab, das meist aus Internetdokumenten, z.T. Publikationen kooperierender Verlage und wahlweise einem Archiv mit an einer Institution bereits durch das Programm überprüften und gespeicherte Texten besteht. Das Ergebnis der Überprüfung wird in der Regel als Prüfbericht zu Verfügung gestellt, in dem die gefunden (wörtlichen) Übereinstimmungen markiert sind. Auch wenn in vielen Programmen dies mit einem Ampelsystem oder mit einer Plagiat-Prozentangabe suggeriert wird, kann Plagiatserkennungssoftware aufgrund ihrer Funktionsweise nicht beurteilen, ob ein Plagiat vorliegt oder nicht (vgl. hierzu z.B. Weber-Wulff 2019). So erkennt sie z.B. nicht immer, ob eine textuelle Übernahme nach den Konventionen eines Fachs gekennzeichnet ist (z.B. als wörtliches Zitat) oder markiert Textteile wie Literaturangaben oder komplexe Fachterminologie als Plagiat, bei denen die unveränderte Übernahme unproblematisch und sogar gefordert ist. Je nach Fach, Thema und Sprache müssen Sie damit rechnen, dass Studierende Literatur verwendet haben, die sich nicht im Korpus der Überprüfungssoftware befindet und Plagiate nicht gefunden werden. Die Entscheidung, ob ein Plagiat vorliegt, können nur Sie treffen, indem Sie die im Prüfbericht markierten Textstellen daraufhin beurteilen, ob die gefundenen Textübereinstimmungen relevant sind, ob sie nach den Konventionen Ihres Fachs nicht ausreichend gekennzeichnet sind und ob Sie einen Fehler oder eine Täuschungsabsicht vermuten.[1]
Aus didaktischer Perspektive kann der systematische und verdachtsunabhängige Einsatz von Plagiatsüberprüfungssoftware problematische Folgen haben. Er kann Studierende verunsichern und dazu führen, dass sich ihr Fokus darauf verschiebt, so zu arbeiten „dass die Software nicht anschlägt“. Dies lenkt vom Sinn der Konventionen des wissenschaftlichen Arbeitens ab und verhindert, ein tieferes Verständnis von ihnen zu entwickeln.
Deswegen hat z.B. die RUB in ihrer Plagiatsprüfungssatzung festgelegt, dass ohne eine entsprechende Regelung durch eine Fachprüfungsordnung die Verwendung der Software nur bei einem Anfangsverdacht zulässig ist. Hierdurch wird betont, dass Studierende nicht unter Generalverdacht gestellt werden sollen und die Software zwar ein nützliches Hilfsmittel sein kann, aber keine eigenständige Instanz der Überprüfung oder gar Beurteilung.
Der Einsatz von Plagiatsüberprüfungssoftware muss von einer Institution rechtlich geregelt werden. Überprüfen Sie deshalb vor einer Nutzung die entsprechenden Vorgaben Ihrer Universität und Ihres Fachbereichs.
[1] Diese Beurteilung darf darüber hinaus auch aus (prüfungs-)rechtlichen Gründen nicht einer Software überlassen werden, sondern muss von einem Menschen getroffen werden.
Gründe für unbeabsichtigte textuelle Übereinstimmungen (Fehler)
Viele nicht markierte textuelle Übereinstimmungen in studentischen Texten lassen sich unterschiedlich interpretieren: als bewusste Täuschung oder als Unachtsamkeit bzw. Fehler. Ein Blick auf den Erwerb akademischer Textkompetenz macht deutlich, dass es (didaktisch) nicht sinnvoll ist, bei nicht markierten Textübernahmen in studentischen Texten zuerst von einer Täuschungsabsicht auszugehen: Der konventionsgerechte Umgang mit Forschungsliteratur in den Wissenschaften ist komplex und Studierende können ihn in der Regel erst im Laufe ihres Studiums erlernen, weil sie erst an der Universität beginnen, wissenschaftliche Texte zu schreiben (vgl. z.B.: Pohl 2007, Steinhoff 2007). Studierende machen in diesem Erwerbsprozess häufig Fehler, die wie Plagiate aussehen können, aber kein „Diebstahl geistigen Eigentums“ oder Täuschung sind. Nutzen Sie diese Fehler als Lernanlässe und machen Sie an ihnen die impliziten Regeln, Entscheidungen und Spielräume bei der Umsetzung der Konventionen deutlich.
Damit Studierende plagiatssicher arbeiten können, müssen sie folgende Konzepte erworben bzw. Kompetenzen aufgebaut haben; auf all diesen Ebenen sind Fehler möglich:
Verständnis der Diskursivität der Wissenschaft
Dem regelkonformen Umgang mit Fachliteratur liegt ein wesentliches Schwellenkonzept des wissenschaftlichen Schreibens – und des Wissenschaftsverständnisses – zugrunde: Texte beziehen ihre Bedeutung ganz wesentlich von anderen Texten (Roozen 2015: 44-47) und sind in das System des wissenschaftlichen Diskurses eingebunden. Studien zeigen, dass Studierende oft erst mit zunehmender Studien- und Schreiberfahrung die Diskursivität von Wissenschaft tiefergehend verstehen und in ihren Texten den Fachkonventionen gemäß berücksichtigen können. Studierende müssen erst erkennen, dass es in einem wissenschaftlichen Text nicht ausschließlich um einen Gegenstand geht, sondern immer auch um den wissenschaftlichen Diskurs, der über diesen Gegenstand geführt wird (vgl. Pohl 2007). Dieses Verständnis ist eine Voraussetzung dafür, den Sinn der Zitationskonventionen zu durchdringen und diese sicher umzusetzen.
Kenntnis der Konventionen im Fach
Die fachspezifischen Konventionen zum Verweis auf gelesene Literatur im eigenen Text können nur zu einem bestimmten Maß durch allgemeine Inputs vermittelt werden, weil sich viele Fragen erst am konkreten Einzelfall stellen. Wenn Studierende versuchen, aus publizierten Texten die Konventionen und Schreibpraktiken ihres Fachs zu erschließen, können sie Fehlannahmen bilden (vgl. Pecorari: 35, 38f: B., dass die Nennung mehrerer Quellenangaben innerhalb eines Absatzes unästhetisch sei oder dass pro Seite eine bestimmte Anzahl von Zitationen erwartet würde. Um diese – nachvollziehbaren – Fehlannahmen zu korrigieren, ist Ihre möglichst konkrete Rückmeldung notwendig. Korrigieren und kommentieren Sie Texte so, dass Studierende verstehen können, ob sie die Konventionen richtig umsetzen und was genau sie beim Verweis auf gelesene Literatur ändern müssen.
Formulierungssicherheit bei der Kennzeichnung fremder Gedanken und Formulierungen
Selbst wenn Studierende mit den Konventionen zum Umgang mit Fachliteratur vertraut sind, können sie unsicher sein, wie sie sprachlich und formal eigene und fremde Gedanken klar voneinander abgrenzen können und wann welche sprachlichen Mittel hierfür angemessen sind (z.B. Konjunktiv, expliziter Verweis auf die Autor*innen im Text, gerahmte Textwiedergabe, Verwendung von „ich“, konventionsgerechte Platzierung von Quellenverweisen usw.). Bis Studierende durch das Lesen und Schreiben wissenschaftlicher Texte die entsprechenden sprachlichen Kompetenzen aufgebaut haben, greifen sie möglicherweise auf Formulierungen zurück, die sie aus anderen Bereichen, z.B. dem Journalismus, kennen (vgl. Steinhoff 2007).
Übung in der Umsetzung der Konventionen und der damit verbundenen Entscheidungen
Bei der konkreten Umsetzung der Konventionen sind ständig Entscheidungen zu treffen, z.B.: Wie viele Quellen gebe ich an, wenn ich kennzeichnen will, dass etwas allgemeiner Stand der Forschung ist? Ist meine Paraphrase weit genug von der Formulierung im Ausgangstext entfernt? Wann handelt es sich um alltägliche Wissenschaftssprache (Formulierungen, die typisch für alle wissenschaftlichen Texte sind, vgl. Ehlich 1999) und wann um eine originelle Formulierung, die als wörtliches Zitat zu markieren ist? Studierende brauchen viel Übung und Rückmeldung, um Kriterien für diese Entscheidungen zu entwickeln.
Sicherheit im Leseverständnis und beim Reformulieren
Wenn Studierende Sorge haben, einen Text nicht verstanden zu haben, greifen sie häufig zu wörtlichen Zitaten oder zu Paraphrasen, die zu eng am Original sind. Der Schreibforscher Keseling spricht von einem „zu großen Respekt vor dem Wortlaut des fremden Texts und (…) einem zu geringen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, fremde Texte zu rezipieren und zu verstehen“ (Keseling 2003: 211), wenn Studierende sich nicht zutrauen, den Inhalt eines Texts in eigenen Worten zu formulieren. Dies kann zu unbeabsichtigten textuellen Übereinstimmungen führen und zu Texten ohne eine klar erkennbare eigene Argumentation.
Fehlerhafte Paraphrasen können aber auch durch eine Lernstrategie entstehen, bei der sich Studierende (zu) eng an publiziert Texte anlehnen, um sich die typischen Formulierungsweisen in wissenschaftlichen Texten anzueignen und so in das Schreiben wissenschaftlicher Texte hineinzuwachsen. Howard (1992) nennt diese Arbeitsweise patchwriting und grenzt sie ausdrücklich vom Phänomen Plagiat ab.
Plagiatssichere Arbeitsweisen beim Lesen, Notizen machen und Schreiben
Um beim Schreiben Informationen und Formulierungen einer Quelle zuordnen zu können, sind systematische Strategien zum Notieren, Dokumentieren und Ablegen des Gelesenen notwendig. Studierende müssen lernen, die Informationen aus einer Vielzahl an Texten zu verarbeiten, in Bezug zueinander zu setzen und dabei immer zu wissen, welche Information aus welchem Text stammt. Eine solche Wissensrepräsentation ist komplex und Studierende benötigen einige Zeit, um sich entsprechende Arbeitsweisen anzueignen.
Fachwissen
Um die Konventionen zum Umgang mit Fachliteratur im eigenen Text umzusetzen, sind Fachwissen und ein gewisser Überblick über den (relevanten Ausschnitt des) Fachdiskurs notwendig, z.B. für die Entscheidung, was nicht weiter zu belegendes fachliches Allgemeinwissen darstellt, welche konkreten Quellen als zitierfähig gelten oder wie viele Quellen zitiert werden müssen. Gerade am Anfang des Studiums fehlt Studierenden dieses Wissen noch.
Plagiat oder Fehler? – Schwierige Entscheidung
Weil die Entscheidung, ob eine studentische Arbeit insgesamt als ein Plagiat zu bewerten ist, schwierig ist, und weil die Folgen für Studierenden dramatisch sein können, müssen Sie diese Entscheidung nicht allein treffen. Sprechen Sie frühzeitig mit Fachkolleg*innen über problematische Arbeiten oder bitten Sie die schreibdidaktische Einrichtung Ihrer Hochschule um eine Einschätzung. Lehrende der RUB können sich in diesem Fall an die Beratung des ZfW wenden. In letzter Instanz entscheidet der Prüfungsausschuss, an den Sie Ihren Verdacht weiterleiten.
Wenn Sie entscheiden müssen, ob Sie eine problematische Stelle in einer studentischen Arbeit – oder gar eine gesamte Studienleistung – als Plagiat im Sinne eines Täuschungsversuchs einstufen oder als mehr oder weniger drastischen Fehler, können Sie sich folgende Fragen stellen:
- Lassen sich die gefundenen nicht markierten textuellen Übereinstimmungen mit einem bewusst didaktischen Blick auch als Fehler interpretieren?
- Wie viele wissenschaftliche Arbeiten hat der*die Studierende bisher in dem Fach geschrieben, wie viel Übung im Umgang mit Fachliteratur hat er*sie also?
- Gab es bereits früher Vorfälle dieser Art?
- Wurde die Arbeit in einer Fremd- oder Erstsprache angefertigt? (Die Arbeit mit Literatur im eigenen Text ist bei sprachlichen Unsicherheiten eine wesentlich größere Herausforderung.)
- Gibt es Formen der Verschleierung, die Indizien für eine bewusste Täuschung sein können? So könnte z.B. eine Quelle nur an einer unwesentlichen Stelle genannt werden, obwohl aus ihr längere Textpassagen oder Gedankengänge ohne Beleg übernommen wurden.
- Lässt die Gesamtheit der problematischen Textstellen eher eine Systematik der Täuschung erkennen oder eher sich wiederholende Fehlertypen?
Für die Entscheidung über Ihr weiteres Vorgehen können Ihnen folgende Fragen weiterhelfen:
- Wenn Sie die nicht markierten textuellen Übereinstimmungen einmal außer Acht lassen: Wie würden Sie die Studienleistung beurteilen? In Bezug auf Inhalt, Struktur, Argumentation? Liegt ein zusammenhängender Text vor? Wäre die Prüfung bestanden?
- Wenn Sie auf die Studienleistung insgesamt blicken: Wie stark schmälern die problematischen Stellen die (Eigen-)Leistung des*der Studierenden? Ist trotz dieser Stellen in Bezug auf die Lernziele eine zufriedenstellende Eigenleistung zu erkennen?
- Informieren Sie sich, welche Folgen Ihre Entscheidung für die*den Studierende*n hat (z.B. schlechte Note, Nicht-Bestehen einer Prüfung, Exmatrikulation). Finden Sie das im konkreten Fall angemessen?
- Wie können Sie den*die Studierende*n angemessen auf die Fehler hinweisen und deutlich machen, was an dieser Arbeitsweise warum nicht akzeptabel ist? Das ist besonders wichtig, wenn Studierende mitten im Studium sind und aus ihren Fehlern noch lernen können. Wo dies möglich ist, könnten Sie eine – zumindest exemplarische – Überarbeitung einfordern.
In keinem Fall sollten Sie einen Plagiatsverdacht ignorieren, sondern immer entweder pädagogisch oder disziplinarisch reagieren. Versuchen Sie, auch wenn Sie prüfungsrechtliche Sanktionen einleiten, in einem Gespräch die Gründe für die Fehler oder den Täuschungsversuch herauszufinden, und kriminalisieren Sie das Verhalten des*der Studierenden nicht.
Gründe für Plagiate (Täuschung) und Gegenmaßnahmen
Auch bei Plagiaten mit Täuschungsabsicht bzw. Täuschungsbewusstsein kann es sinnvoll sein, nach Motiven und Ursachen zu fragen: Nicht um das Verhalten zu entschuldigen oder gar zu bagatellisieren, sondern um z. B. Ansatzpunkte für Gespräche mit Studierenden zu finden. Diese Perspektive ist zudem hilfreich, um das eigene (sehr verständliche) Gefühl, betrogen worden zu sein, zu relativieren und so Studierenden gegenüber didaktisch handlungsfähig zu bleiben.
Pecorari (2013: 29f) fasst aus unterschiedlichen Studien Gründe und Motive für Plagiate zusammen:
- die Erwartung, dass es nicht bemerkt wird und es keine negativen Konsequenzen gibt,
- Zeitmangel (z. B. weil die im Studienprogramm für den Lernstoff angesetzte Zeit zu knapp ist, wg. Erwerbstätigkeit usw.),
- der Wunsch, eine bessere Note zu bekommen,
- eine geringe Integration in die Universität mit ihren akademischen Gepflogenheiten,
- eine starke Kommerzialisierung der Bildung (Verständnis als Kund*in statt als Student*in),
- die Betonung sozialer Beziehungen: Freunde/Peers durch Abschreiben-lassen zu unterstützen als Solidarität,
- eine Konzeptualisierung des Plagiierens zwar als Fehlverhalten, das aber wie Spicken in der Schule mal mehr, mal weniger lässlich ist.
Wenn man diese Gründe für bewusste Plagiate ernst nimmt, lassen sich auch aus ihnen didaktische Empfehlungen ableiten:
- Sprechen Sie Plagiate auf jeden Fall an und sanktionieren Sie Regelverstöße in diesem Bereich in irgendeiner Form (auch wenn es lästig, arbeitsintensiv und unangenehm ist), um so die Wichtigkeit der Anforderungen deutlich zu machen,
- Stellen Sie evtl. lieber weniger arbeitsintensive Aufgaben, fordern Sie dafür aber die Einhaltung der Regeln ein und kontrollieren Sie dies.
- Machen Sie Ihre Bewertungsmaßstäbe deutlich und heben Sie dabei den korrekten Bezug auf Fachliteratur hervor. Betonen Sie dabei, dass Sie nicht dieselbe Qualität wie in publizierten Texten erwarten, sondern eine Arbeit, wie sie Studierenden auf dieser Stufe möglich ist.
- Setzen Sie den Umgang mit Literatur nicht voraus, sondern erklären und lehren Sie ihn. Indem Sie die Bedeutung dieser Gepflogenheiten deutlich machen, fördern Sie die Integration aller Studierenden ins Fach und grenzen nicht diejenigen aus, die bisher mit diesen Konzepten und Konventionen noch nicht in Berührung gekommen sind.
Stellen Sie Aufgaben, bei denen Plagiate nicht weiterhelfen. Variieren Sie Aufgabenstellungen, um die Versuchung, voneinander abzuschreiben, zu reduzieren. Sie könnten z.B. bei Textzusammenfassungen unterschiedliche Aspekte vorgeben oder die Anwendung auf ein selbstgewähltes Beispiel verlangen. Oder prüfen Sie mit einem Portfolio, in dem Studierende ihren individuellen Arbeitsprozess in einem Projekt oder auch beim Schreiben einer Hausarbeit dokumentieren. So eine Prozessdarstellung lässt sich auch mit einer kleinen Hausarbeit kombinieren.
Zitationskonventionen vermitteln: Plagiatsprävention in der Fachlehre
Studierende müssen im Laufe des Studiums lernen, konventionskonform mit Fachliteratur umzugehen. Weil die Konventionen eng mit den Denkweisen der verschiedenen Fächer verbunden sind und sich die meisten Fragen erst bei der konkreten Umsetzung im eigenen Text ergeben, sollte ihre Vermittlung nicht ausschließlich in vorgelagerten Tutorien stattfinden, sondern auch in die Fachveranstaltungen integriert werden. Beschränken Sie sich dabei nicht auf die Formalia beim Umgang mit Fachliteratur, sondern gehen Sie immer wieder auf die Hintergründe ein: die Diskursivität der Wissensproduktion in den Wissenschaften und die Prinzipien der guten wissenschaftlichen Praxis. Nur so können die Studierenden den Sinn hinter den Regeln begreifen und in Zweifelsfällen Entscheidungen treffen.
Aktivitäten in Lehrveranstaltungen
Mit folgenden Aktivitäten unterstützen Sie Ihre Studierenden dabei, die Kompetenzen aufzubauen, die für ein plagiatssicheres Arbeiten an der Universität benötigt werden:
- Verdeutlichen Sie die Prinzipien guter wissenschaftlicher Praxis im Umgang mit Fachliteratur. Stichworte können hier sein: Fairness, Effizienz und Kooperativität der Wissensproduktion, Nachvollzielbarkeit und Nachprüfbarkeit, sowie die Herausstellung der eigenen Leistung/Position durch Abgrenzung vom Forschungsdiskurs.
- Analysieren Sie gemeinsam mit Studierenden Fachtexte daraufhin, wie Literatur eingebunden und referenziert wird. Wie und wo werden die Quellen angegeben? Welche Formulierungen werden verwendet? Wie wird der Bezug zur eigenen Argumentation / den eigenen Ergebnissen hergestellt? Wie werden wörtliche Zitate eingeleitet und kommentiert? Stellen Sie dabei auch die Frage, welche Funktion der Bezug auf andere Texte jeweils hat. Sie können Fachtexte auch in diesem Sinne annotieren und den Studierenden zur Verfügung stellen.
- Diskutieren Sie mit den Studierenden konkrete Entscheidungssituationen und Schwierigkeiten bei der Wiedergabe von Forschungsliteratur und erarbeiten Sie sprachliche und formale Möglichkeiten, wie der Ursprung von Gedanken/Informationen transparent markiert werden kann. So können Sie Studierende dabei unterstützen, in Zweifelsfällen (und für Lernende kann jede Einbindung von gelesener Literatur ein Zweifelsfall sein!) Entscheidungen zu treffen.
- Geben Sie Studierenden vielfältige Möglichkeiten zum Üben; dies können auch kurze, unbenotete Schreibaufgaben sein (z.B. Textzusammenfassungen, Textkommentierungen, Vergleiche verschiedener wissenschaftlicher Positionen), auf die Sie möglichst Feedback geben. Nur durch Übung können Studierende Sicherheit im Formulieren erlangen.
- Vermitteln Sie Lese- und Notizstrategien (für Anregungen vgl. z.B. Lange 2018), z.B. auch, indem Sie in Veranstaltungen erfragen, wie Studierende schwierige wissenschaftliche Texte lesen und bearbeiten, und indem Sie selbst exemplarisch vorführen, wie Sie selbst dabei vorgehen. Lese- und Notizstrategien sind die Grundlage, um später plagiatssicher schreiben zu können.
Studentische Arbeiten anleiten, betreuen und bewerten
Der Umgang mit Fachliteratur im eigenen Text wird für Studierende erst konkret, wenn sie selbst wissenschaftliche Texte im Studium schreiben. Auch hierbei können Sie vielfältig unterstützen, ohne in individuellen Sprechstunden jede Einzelfrage zu beantworten.
- Stellen Sie Themen, für die Studierende Gelesenes in Bezug auf eine Fragestellung darstellen und in einen neuen Zusammenhang stellen müssen. So können sie lernen, eigene Ergebnisse in den Kontext des Forschungsdiskurses einzuordnen (auch wenn es nur im Rahmen eines kleinen Ausschnittes ist) und erleben so den Sinn der Zitierkonventionen.
- Erstellen Sie möglichst eine Handreichung zu den Zitierregeln in Ihrem Fach mit Beispielen. Sinnvoll ist auch eine gemeinsame Handreichung des gesamten Fachbereichs/Lehrstuhls.
- Geben Sie möglichst eine Zitierweise vor und und geben Sie den Studierenden damit etwas Sicherheit (es wird immer noch viel Unsicherheit bleiben).
- Geben Sie, wenn möglich, Feedback auf eine Probeseite vor Abgabe der gesamten Arbeit. So können die Studierenden ihre Arbeitsweise überprüfen und wenn nötig anpassen.
- Falls Sie eine Plagiatserkennungssoftware nutzen: Lassen Sie Studierende nicht mit einem Überprüfungsprotokoll allein, sondern interpretieren Sie gemeinsam den Output des Programms. Wichtig ist dabei, dass die Studierenden für sich nicht den Auftrag konstruieren, so zu schreiben, „dass die Software nichts mehr findet“, sondern die Fachkonventionen verstehen und lernen, sie umzusetzen.
- Reagieren Sie auf jeden Fall auf unzureichend gekennzeichnete Übernahmen und machen Sie deutlich, was an ihnen nach den Konventionen des Faches nicht akzeptabel ist. Tun Sie dies auch und gerade dann, wenn Sie nicht von einer Betrugsabsicht, sondern von einem Fehler ausgehen. So verhindern Sie, dass Studierende zu einer falschen Sicherheit im Umgang mit Fachliteratur kommen. Wenn das möglich ist, bieten Sie die Möglichkeit zumindest zu einer exemplarischen Überarbeitung an.
Ausblick: Textgenerierende Technologien und die Ära des „Postplagiarismus“?
In der Diskussion um die Nutzung von textgenerierenden Technologien wird auch der Begriff des Plagiats diskutiert. Eaton (2023) spricht in diesem Zusammenhang von einer Ära des Postplagiarismus, in der ein neues Verständnis ausgehandelt werden muss. Teilweise wird ein Bild des zukünftigen wissenschaftlichen Schreibens entworfen, bei dem der Verweis auf verwendete Literatur nicht mehr sinnvoll bzw. möglich ist, weil Textteile von generativen Technologien geschrieben werden (vgl. z.B. Wilder et al 2022: 214). Die Betrugsform der Zukunft sei das Schreiben-lassen (vgl. z.B. Limburg et al 2022: 97) und nicht mehr das Abschreiben (ohne zu zitieren). Momentan herrscht in diesem Bereich viel Unsicherheit: Wir wissen nicht, wie die Technologien weiterentwickelt werden, in den Disziplinen haben sich noch keine Konventionen zur Kennzeichnung der Verwendung von textgenerierenden Technologien ausgebildet, Prüfungsformen und Didaktik werden noch an die neue und sich kontinuierlich weiter verändernde Situation angepasst.
Bei der Verwendung von textgenerierenden Technologien liegt kein Plagiat im engeren Sinne vor: Es gibt keinen fremden Text als Grundlage für den eigenen, auf den verwiesen werden könnte und müsste. (Wenn trotzdem von Plagiarismus gesprochen wird, ist meist der Aspekt des Betrugs gemeint.) Dennoch können Probleme in Bezug auf die Prinzipien der guten wissenschaftlichen Praxis und die Prüfungsgerechtigkeit auftreten. In Bezug auf die Prüfungsgerechtigkeit ist die Frage entscheidend, ob die Nutzung der Technologien für die Prüfung zugelassen wurde und wie stark der eigene Beitrag der Studierenden an der Textentstehung ist, ob der Text also als ihre Eigenleistung eingeschätzt werden kann (vgl. Hoeren 2022: 32f). Mit Blick auf die gute wissenschaftliche Praxis ist nach einer Stellungnahme der DFG auch bei Nutzung von textgenerierenden Technologien weiterhin entscheidend, dass die Transparenz und Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses gewahrt wird. Das bedeutet, dass sowohl von generativen Technologien erzeugte Text- und Bildinhalte als auch fremdes geistiges Eigentum, das Teil von automatisch generierten Texten sein kann, nachvollziehbar gekennzeichnet wird (vgl. DFG 2023: 2, Hoeren 2023: 31f).
Gerade in der Zeit, bis sich fachliche Konventionen für den Umgang mit und die Kennzeichnung der Nutzung textgenerierender Technologien herausgebildet haben, können uns bei der Mensch-Maschine-Kollaboration die Konzepte Autor*innenschaft und Verantwortung für den eigenen Text weiterhelfen. Egal, welche Hilfsmittel ein*e Autor*in nutzt – sie*er ist juristisch betrachtet Urheber*in des Texts, wenn er*sie die Textentstehung maßgeblich steuert (vgl. Hoeren 2023: 25f.) und für alle Aspekte des Texts verantwortlich (vgl. z.B. Eaton 2023); die Stellungnahme der DFG spricht hier von „inhaltlicher und formaler Verantwortung“ (DFG 2023: 2) in Bezug auf die wissenschaftliche Integrität. Wenn Studierende also z.B. falsche Informationen aus ChatGPT übernehmen, sind sie für diese sachlichen Fehler verantwortlich. Ähnlich verhält es sich mit der Einbettung der eigenen Forschung in den Diskurs: Auch wenn textgenerierende Technologien keine – oder falsche – Belege geben, ist der*die menschliche Autor*in eines wissenschaftlichen Textes verpflichtet, dies nacharbeiten.
Solange es noch keine allgemeinen Regeln in Ihrem Fach gibt, können nur Sie Ihren Studierenden einen sicheren Handlungsrahmen geben, in dem sie ihre Text schreiben können, ohne die Sorgen zu haben, unwissentlich zu täuschen:
- Informieren Sie sich regelmäßig über die institutionellen Regelungen an Ihrer Hochschule und Ihrem Fachbereich.
- Tauschen Sie sich mit Kolleg*innen über die sich herausbildenden Kennzeichnungspraktiken in Ihrem Fach aus.
- Geben Sie dieses Wissen an die Studierenden weiter.
- Thematisieren Sie für jede Aufgabe und jede Studienleistung, ob, wie und wozu textgenerierende Technologien genutzt werden können/sollen und wie dies zu kennzeichnen ist. Anregungen, wie Sie diese Entscheidungen treffen können, finden Sie im LEHRELADEN.
Literatur
DFG (2023). Stellungnahme des Präsidiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zum Einfluss generativer Modelle für die Text- und Bilderstellung auf die Wissenschaften und das Förderhandeln der DFG.
DFG (2019). Leitlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis. Kodex. Stand: April 2022 / korrigierte Version 1.1.
Eaton, Sarah Elaine (2023). Postplagiarism: Transdisciplinary Ethics and Integrity in the Age of Artificial Intelligence and Neurotechnology. In: International Journal for Educational Integrity 19:23.
Ehlich, Konrad (1999). Alltägliche Wissenschaftssprache. In: Info DaF 26, 1, 3–24.
Hoeren, Thomas (2023). Rechtsgutachten zum Umgang mit KI-Software im Hochschulkontext. In: Leschke, Jonas & Salden, Peter (Hrsg.). Didaktische und rechtliche Perspektiven auf KI-gestütztes Schreiben in der Hochschulbildung. Ruhr-Universität Bochum. Universitätsbibliothek, 22-40.
Howard, Rebecca More (1992). A Plagiarism Pentimento. In: Journal of teaching writing 11 (2), 233-245.
Keseling, G. (2003). Schreibblockaden überwinden. In: Franck, Norbert & Stary, Joachim (Hrsg.). Die Technik des wissenschaftlichen Arbeitens. 11. völlig überarbeitete Auflage. Eine praktische Anleitung. Ferdinand Schöningh, S. 197-222. (UTB 724)
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Limburg, Anika, Mundorf, Margret, Salden, Peter & Weßels, Doris (2022). Plagiarismus in Zeiten Künstlicher Intelligenz. In: Zeitschrift für Hochschulentwicklung Jg. 17 / Nr. 3, 91–106.
Pecorari, Diane (2013). Teaching to Avoid Plagiarism. How to promote good source use. Open University Press.
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Roozen, Kevin (2015). Texts get their Meaning from Other Texts. In: Adler-Kassner, Linda & Wardle, Elizabeth (Hrsg.), Naming what we Know. Threshold Concepts of Writing Studies, 44-47. Utah State University Press.
RUB (2020). Richtlinie zur Plagiatsprävention sowie zur Plagiatserkennung an der Ruhr-Universität Bochum. Amtliche Bekanntmachung NR. 1352 vom 20.07.2020.
RUB (2020): Plagiatsprüfungssatzung der Ruhr-Universität Bochum. Amtliche Bekanntmachung Nr. 1351 vom 20.07.2020.
Steinhoff, Torsten (2007). Wissenschaftliche Textkompetenz. Sprachgebrauch und Schreibentwicklung in wissenschaftlichen Texten von Studenten und Experten. Niemeyer.
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Weber-Wulff, Debora (2019). Plagiarism Detectors are a Crutch, and a Problem. Nature 567, 425.
Wilder, Nicolaus, Weßels, Doris, Gröpler, Johanna, Klein, Andrea & Mundorf, Margret (2022). Forschungsintegrität und Künstliche Intelligenz mit Fokus auf den wissenschaftlichen Schreibprozess. Traditionelle Werte auf dem Prüfstand für eine neue Ära. In: Miller, Katharina, Valeva, Milena, Prieß-Buchheit, Julia (Hrsg.). Verlässliche Wissenschaft. Bedingungen, Analysen, Reflexionen. wbg Academic, 203-223.