Plagiat oder Fehler? – Schwierige Entscheidung

Weil die Entscheidung, ob eine studentische Arbeit insgesamt als ein Plagiat zu bewerten ist, schwierig ist, und weil die Folgen für Studierenden dramatisch sein können, müssen Sie diese Entscheidung nicht allein treffen. Sprechen Sie frühzeitig mit Fachkolleg*innen über problematische Arbeiten oder bitten Sie die schreibdidaktische Einrichtung Ihrer Hochschule um eine Einschätzung. Lehrende der RUB können sich in diesem Fall an die Beratung des ZfW wenden. In letzter Instanz entscheidet der Prüfungsausschuss, an den Sie Ihren Verdacht weiterleiten.

Wenn Sie entscheiden müssen, ob Sie eine problematische Stelle in einer studentischen Arbeit – oder gar eine gesamte Studienleistung – als Plagiat im Sinne eines Täuschungsversuchs einstufen oder als mehr oder weniger drastischen Fehler, können Sie sich folgende Fragen stellen:

  • Lassen sich die gefundenen nicht markierten textuellen Übereinstimmungen mit einem bewusst didaktischen Blick auch als Fehler interpretieren?
  • Wie viele wissenschaftliche Arbeiten hat der*die Studierende bisher in dem Fach geschrieben, wie viel Übung im Umgang mit Fachliteratur hat er*sie also?
  • Gab es bereits früher Vorfälle dieser Art?
  • Wurde die Arbeit in einer Fremd- oder Erstsprache angefertigt? (Die Arbeit mit Literatur im eigenen Text ist bei sprachlichen Unsicherheiten eine wesentlich größere Herausforderung.)
  • Gibt es Formen der Verschleierung, die Indizien für eine bewusste Täuschung sein können? So könnte z.B. eine Quelle nur an einer unwesentlichen Stelle genannt werden, obwohl aus ihr längere Textpassagen oder Gedankengänge ohne Beleg übernommen wurden.
  • Lässt die Gesamtheit der problematischen Textstellen eher eine Systematik der Täuschung erkennen oder eher sich wiederholende Fehlertypen?

 

Für die Entscheidung über Ihr weiteres Vorgehen können Ihnen folgende Fragen weiterhelfen:

  • Wenn Sie die nicht markierten textuellen Übereinstimmungen einmal außer Acht lassen: Wie würden Sie die Studienleistung beurteilen? In Bezug auf Inhalt, Struktur, Argumentation? Liegt ein zusammenhängender Text vor? Wäre die Prüfung bestanden?
  • Wenn Sie auf die Studienleistung insgesamt blicken: Wie stark schmälern die problematischen Stellen die (Eigen-)Leistung des*der Studierenden? Ist trotz dieser Stellen in Bezug auf die Lernziele eine zufriedenstellende Eigenleistung zu erkennen?
  • Informieren Sie sich, welche Folgen Ihre Entscheidung für die*den Studierende*n hat (z.B. schlechte Note, Nicht-Bestehen einer Prüfung, Exmatrikulation). Finden Sie das im konkreten Fall angemessen?
  • Wie können Sie den*die Studierende*n angemessen auf die Fehler hinweisen und deutlich machen, was an dieser Arbeitsweise warum nicht akzeptabel ist? Das ist besonders wichtig, wenn Studierende mitten im Studium sind und aus ihren Fehlern noch lernen können. Wo dies möglich ist, könnten Sie eine – zumindest exemplarische – Überarbeitung einfordern.

In keinem Fall sollten Sie einen Plagiatsverdacht ignorieren, sondern immer entweder pädagogisch oder disziplinarisch reagieren. Versuchen Sie, auch wenn Sie prüfungsrechtliche Sanktionen einleiten, in einem Gespräch die Gründe für die Fehler oder den Täuschungsversuch herauszufinden, und kriminalisieren Sie das Verhalten des*der Studierenden nicht.