Ziele als Anker

 „Je mehr wir über die Teilnehmenden wissen – oder vermuten können -, desto passgenauer können wir die Methodenwahl treffen. Es lohnt sich also zu überlegen, wie groß die Gruppe ist, wie homogen oder heterogen.“ Das schreibt Groß (2017, 24) über die Vorteile eines zielgerichteten Vorgehens bei der Lehrveranstaltungsplanung, und das trifft auf die Wahl der Methoden und auf die Stoffmenge zu. Er empfiehlt also, in Anlehnung an Lehner, sich vorab Gedanken zur Zielgruppe zu machen. Ein zweiter Faktor ist die zur Verfügung stehende Zeit. Sie ist stets ein wichtiges Kriterium bei der Planung. Und beide Aspekte, Zeit und Zielgruppe, müssen in Einklang stehen mit dem Ziel. Was möchten Sie erreichen? Zusammengefasst ergibt sich aus den drei Aspekten die „3-Z-Formel“: Klarheit über Ziel, Zeit und Zielgruppe bieten Ihnen eine gute Orientierung für die Reduktion Ihres Lehrstoffs.

Abbildung 5: 3-Z-Formel mit Ziel, Zielgruppe und Zeit (nach Groß 2017).

Wenn Sie nun zur Europäischen Union lehren, wie es unser Beispiel für diesen Beitrag suggeriert, dann bringen Sie idealerweise vorab in Erfahrung, ob Sie es z.B. mit Studierenden unterschiedlicher Fächer oder eines Faches zu tun haben, und Sie schauen, wie viele Semesterwochen Ihnen zur Verfügung stehen (s. Planungsraster am Ende dieser Rubrik). Ihre intendierten Lernergebnisse, oder kürzer die Ziele Ihrer Lehrveranstaltung, versuchen Sie dann mit den anderen beiden Z’s überein zu bringen. Dabei können u.a. folgende Aspekte Orientierung bieten (Ritter-Mamczek 2011, 49 f.):
Vorgaben in Modulbeschreibungen, Abgrenzung zu anderen Lehrveranstaltungen, Interessensspektrum der Teilnehmenden, soziobiografische Faktoren, Vorkenntnisse und Leistungsfähigkeit der Studierenden, Lehr-Lernerfahrungen, Lernstrategien.

Insbesondere die Modul- bzw. Lehrveranstaltungsbeschreibung ist wichtig, denn darin sind die intendierten Lernergebnisse festgehalten. Angemessene Lernziele zu formulieren ist eine anspruchsvolle Aufgabe, denn sie enthalten im Idealfall zur den Taxonomiestufen passende Verben der äußeren Sichtbarkeit [LINK AUF LISTE]. Zu bedenken ist dabei, dass auch Lernziele, oder genauer intendierte Lernergebnisse und Kompetenzen, nie alles umfassen können. Auch sie bilden bereits eine Reduktion ab. Von Lehrveranstaltungen kann nicht verlangt werden, dass jede Taxonomiestufe erreicht wird – während ihres gesamten Studiums sollten die Studierenden alle Lernzielstufen und Kompetenzen ihres Faches erreichen.

Nehmen wir uns das eingangs ausgeführte Beispiel der EU erneut vor. Sie haben bereits festgelegt, sich auf EU-Institutionen, der Entscheidungsprozesse und dem EU-Recht als Schwerpunkte zu konzentrieren. Dahinter steckt die Überlegung, „Kenntnisse über die Europäische Union“ als Richtlernziel (Lernfeld) zu definieren, und ausgehend davon lauten die Groblernziele (Fähigkeiten und Kenntnisse) z.B. „Die Studierenden können den Gesetzgebungsprozess innerhalb der Europäischen Union an Beispielen veranschaulichen“ (Lernzielstufe 3) und „Die Studierenden können die Zusammenarbeit der exekutiven Institutionen der EU bewerten“ (Lernzielstufe 5). Daraus können Sie nun Feinlernziele (Kompetenzen in Teilziele heruntergebrochen) definieren, beispielsweise „Die Studierenden können den Gesetzgebungsprozess innerhalb der Europäischen Union am Beispiel der Datenschutzgrundverordnung erläutern“ oder „Die Studierenden können die Zusammenarbeit der exekutiven Institutionen der EU anhand der politischen Systemtheorie bewerten“.
Da Ihre Lehrveranstaltung in diesem Beispiel für Studierende des zweiten Semesters in den Masterstudiengängen der sozial- und politikwissenschaftlichen Fakultät ausgeschrieben wird, wissen Sie, dass die Teilnehmenden bereits Vorkenntnisse über politische Prozesse, Pfadabhängigkeiten, Einflüsse und Ähnliches mitbringen. Ihre Ziele haben Sie also, Ihre Zielgruppe können Sie zumindest etwas einschätzen, und Sie wissen, dass Sie im Sommersemester abzüglich von Abwesenheiten zwölf Sitzungen zur Verfügung haben, in denen Sie zum Teil etwas Zeit für Formalia und die Lehrveranstaltungsbewertung brauchen (3-Z-Formel). Nun können Sie Ihren Stoff über die Idee der Tiefenbohrungen hinaus reduzieren.